Neues von mir, Erkenntnisse und Buchtipps

Es war ein ereignisreicher, erkenntnisreicher Monat seit meinem letzten, merkwürdigen Blogeintrag. Ich habe faszinierende neue Dinge über Philosophie und vor allem Psychologie erfahren. Es gibt außerdem ein paar News zu meinen Tätigkeiten und ich habe ein paar Hörbuch- und Buchtipps auf Lager.

Was ich so treibe

Wie meine Stammleser wissen, bin ich hauptberuflich Technikjournalist. Das ist ein großartiger Beruf, aber es bedeutet auch, dass ich meine Nebentätigkeiten nun begrenzen und stärker fokussieren musste, weil es mir einfach zu viel wurde.

Ich habe meine Arbeit in der Novo-Textredaktion als Redakteur sowie bei der Richard Dawkins Foundation als Übersetzer eingestellt. Ich bin allerdings weiterhin Novo-Autor und schreibe Artikel für die RDF.

Mein Philosophie-Studium bei Ayn Rand Institute setze ich fort. Auch biete ich auf Anfrage weiterhin Vorträge an.

Ansonsten bin ich inzwischen viel draußen unterwegs, etwa in Museen oder im Tierpark oder beim Sport. Wer möchte, kann sich bei meinen sonntäglichen Ausflügen in Hamburg anschließen, schreibt mir einfach eine Mail.

Never submit

Verschiedene Leute hatten mich gewarnt. Wenn ich erst einmal Vollzeit-Arbeitnehmer bin, dann werde ich keine Nerven mehr haben für all mein „hochtrabendes Zeug“. „Ihr Geisteswissenschaftler müsst entweder verarmen oder verblöden“, so ein Naturwissenschaftler.

Ihr Unternehmer und Naturwissenschaftler duldet seit Jahrzehnten die Zerstörung des Kapitalismus und der freien Gesellschaft, weil ihr die Bedeutung von Ideen für das menschliche Zusammenleben nicht begreift und nichts in die intellektuelle Verteidigung guter Ideen investiert. Ihr habt fast die gesamte Kulturindustrie und somit die Politik im Westen den Linken und den Ökosozialisten überlassen. Woher da der Sarkasmus Eurerseits kommt, ist mir schleierhaft. Würde ich den Baum absägen, auf dem ich sitze, hätte ich dabei kein fettes Grinsen im Gesicht.

Ich werde jedenfalls in absehbarer Zeit nicht „verblöden“. Im Gegensatz zu einigen von Euch.

Psychologie: Selbstvertrauen

Ayn Rand hat sich in einigen Dingen geirrt. Wie ich in einer Vorlesung über den Forschungsstand der empirischen Psychologie erfahren habe, gehört dazu die Entstehung von Selbstvertrauen. Wenn wir uns Rands Philosophie zufolge rational, unabhängig, integer, ehrlich, gerecht und produktiv verhalten, so sind wir stolz auf uns selbst und erreichen Vernunft, ein Ziel im Leben und Selbstvertrauen.

Das kann zwar so eintreten, aber Rand hat die Kausalität durcheinander gebracht. Wobei: Eigentlich stammt der Teil ihrer Philosophie, der sich mit Selbstvertrauen befasst, vom Psychologen und ihrem zeitweiligen Liebhaber Nathaniel Branden. Er war der Meinung, dass Selbstvertrauen für ein glückliches Leben von essenzieller Bedeutung ist und dass man auf eine bestimmte Weise handeln muss, um Selbstvertrauen zu erhalten.

Im Vortrag „Understanding the Mysteries of Human Behavior“ fasst der Psychologieprofessor Mark Leary den Forschungsstand zum Thema Selbstvertrauen zusammen und kritisiert dabei auch explizit Branden. Demnach ist Selbstvertrauen kein direktes Resultat unserer Handlungen, sondern von sozialer Akzeptanz. Werden wir von anderen Menschen akzeptiert, steigt unser Selbstvertrauen. Sofern man sich rational, unabhängig, integer, ehrlich, gerecht und produktiv verhält, ist es sicher möglich, dass man darum von anderen akzeptiert wird und Selbstvertrauen gewinnt. Aber das eigene Verhalten führt nicht unmittelbar zu Selbstvertrauen, sondern die Akzeptanz durch andere führt zu Selbstvertrauen.

Und um die Lage für manche noch schlimmer zu machen: Unser Standard-Niveau an Selbstvertrauen ist das Ergebnis unserer Akzeptanz durch andere, wie wir sie über die Jahre hinweg im Leben erfahren haben. Wurden wir also nicht akzeptiert – Pech gehabt. Wir können in einem solchen Fall vernünftigerweise nur daran arbeiten, besser akzeptiert zu werden, indem wir besonders sozial sind. Leider ist es obendrein noch so, dass sich Leute von Menschen mit geringem Selbstvertrauen eher abwenden, wodurch eine Art Teufelskreis entstehen kann.

Am Ende entscheiden sich viele, die nicht akzeptiert wurden, daher für einen anderen Weg, nämlich den kriminellen Weg und versuchen so, zumindest in ihrer Bande oder Terrorgruppe dazuzugehören. Diesbezüglich bietet der Soziologe Paul Root Wolpe im Vortrag „Explaining Social Deviance“ verstörende Einblicke. Aber Vorsicht: Dieser Vortrag ist moralisch relativistisch in einem Ausmaße, wie es mir noch nie untergekommen ist (zwischen Gesetzestreuen und Kriminellen gibt es zum Beispiel angeblich keinen echten Unterschied, der sei nur willkürlich festgelegt, etc.). Ich empfand das als empörend, aber fachlich trotzdem wissenswert.

Psychologie: Lebensglück

Unser Lebensglück ist laut Mark Leary derweil zu 50 Prozent genetisch bedingt, zu 10 Prozent von unseren Lebensbedingungen und zu 40 Prozent von unseren Handlungen. Gegen die 50 Prozent können wir nichts machen. Wer genetisch bedingt eher unglücklich ist, der kann nur noch die anderen 50 Prozent beeinflussen. Leider hat mangelndes Lebensglück eine Reihe an negativen Auswirkungen auf andere Menschen. Wie bei Menschen mit geringem Selbstvertrauen wenden sich andere Menschen auch von jenen Zeitgenossen ab, die eher unglücklich sind. Und dadurch werden die Betroffenen noch unglücklicher. Das ist ziemlich übel und einmal mehr sieht man, dass die Evolution sicher nicht von einem guten Gott gesteuert wurde. Für die anderen Menschen ergibt das Sinn, so umgeben sich erfolgreiche Menschen bevorzugt mit optimistischen und glücklichen Menschen und so steigern sie sich gegenseitig. Aber wer von Natur aus eher unglücklich ist, den hat es schon ziemlich schwer getroffen.

Zu unseren Lebensbedingungen, die nur 10 Prozent unseres Lebensglücks ausmachen, gehören solche Dinge wie unser Einkommen, unsere Wohnung, unser Beruf, unsere Freundschaften, Sex und unsere Beziehungen. Also all das, was wir in unserer Kultur tendenziell für sehr wichtig halten. Und all das hat einen – von Extremen abgesehen (etwa extreme Armut) – eher geringen Einfluss auf unser Lebensglück. Zum Beispiel sind wir nach einer Heirat im statistischen Mittel für zwei Jahre lang etwas glücklicher. Danach kehren wir zum Standard-Niveau unseres Lebensglücks zurück. Es gibt andere gute Gründe für die Ehe, aber das kommt wohl für viele unerwartet

Super. Und was sind dann diese 40 Prozent? Hier geht es um die richtige Herangehensweise an das Leben. Dem Lebensglück förderlich ist es demnach, wie Aristoteles es bereits empfahl, Dinge mit einem intrinsischen Wert für uns zu tun. Derweil ist es dem Lebensglück nicht direkt förderlich (wobei unter Umständen trotzdem nötig), Dinge mit einem extrinsischen Zweck zu tun. Wer also vor allem etwas tut, nur um damit etwas anderes zu erreichen, der wird damit nicht zu seinem Lebensglück beitragen. Ein Beispiel ist ein Beruf, den man nur widerwillig ausübt, um damit Geld zu verdienen.

Glücklich machen uns hingegen Tätigkeiten, die wir tun, nur um sie zu tun. Zum Beispiel einem Hobby nachzugehen – oder eben einem Beruf, dem wir wirklich nachgehen möchten. Vor allem macht es uns glücklich, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, die uns wichtig sind, einfach nur, um Zeit mit ihnen zu verbringen. (Das heißt also, dass Beziehungen schon einen höheren Nutzen für unser Lebensglück haben können, aber nur, wenn wir richtig mit ihnen umgehen – das bloße „Beziehungen haben“ bringt nicht viel).

Das stellt doch einiges auf den Kopf, was wir im Westen so alles glauben. Ich habe mir den Vortrag schon mehrere Male angehört und es ist noch immer nicht alles angekommen.

Hörbücher und Vorträge

Hier noch ein paar weitere Hörbücher / Vorträge, die ich mir angehört habe und entweder empfehle oder davon abrate:

A Companion to Contemporary Philosophy (Wiley): Zu stark durch linke politische Ideologie beeinflusst, kann man sich nicht lange anhören.

John Locke: Two Treatises of Government. Das zweite Treatise ist das Wichtige, aber das erste Treatise ist äußerst witzig, weil Locke darin einen populären Verteidiger der Monarchie widerlegt und veralbert. Das zweite Treatise muss man einfach kennen als politisch gebildeter Mensch.

Thomas Hobbes: Leviathan. Muss man nicht in Gänze kennen, Hobbes schreibt sich hier die Seele vom Leib. Die wichtigsten Auszüge muss man aber kennen.

Steven Novella: Your Deceptive Mind: A scientific guide to critical thinking skills: Typischer Vortrag aus der Skeptic/GWUP-Ecke. Wissenschaftlich stark, aber philosophisch dürftig und ein ziemlich kruder Materialismus (z.B. geht Novella von der Identität von Geist und Gehirn aus, was aus guten Gründen von den meisten Denkern nicht vertreten wird).

Paul Bloom: Against Empathy. Klar, ein Buch mit dem Titel musste ich mir anhören. Leider ist es aber enttäuschend, denn Bloom hat nichts gegen den Altruismus, sondern findet nur die Empathie dafür wenig geeignet.

Daniel N. Robinson: Consciousness and its Implications. Alles von Robinson ist irgendwie gut, aber das ist dennoch nicht sein stärkster Vortrag.

Indre Viskontas: Brain Myths Exploded: Teils schon interessant, aber dermaßen feministisch und politisch korrekt, dass ich die Darstellung in dieser Form für unausgewogen halte. Außerdem gehen mir zeitgenössische US-amerikanische Akademikerinnen mit ihren persönlichen Anekdoten (etwa über ihre Kinder) und albernen Bemerkungen auf die Nerven. Das ist mir schon in mehreren Vorträgen und philosophischen Essays aufgefallen. Nennt es sexistisch, wie ihr wollt, mich stört das und es gehört nicht in einen akademischen Vortrag.

David Horowitz: Hating Whitey and Other Progressive Causes: Der Ex-Linke David Horowitz über die Ursprünge des anti-weißen Rassismus in den USA. Horowitz ist hervorragend, wenn es um die Analyse der alten und neuen Linken geht. Man kann sich alles von ihm bedenkenlos anhören und alles lesen. Allerdings treibt es einen manchmal schon fast zur Verzweiflung, etwa sein Bericht über die kriminelle Bande Black Panthers, die eine Freundin von Horowitz und viele weitere Menschen ermordete und die immer noch von Linken glorifiziert wird.

Paul Root Wolpe: Explaining Social Defiance: Das wohl letzte soziologische Buch, das ich mir anhöre. Ein zutiefst empörender moralischer Relativismus und offen postmodern-neulinke politische Theorie (vor allem Foucault) werden mit empirischer Wissenschaft vermischt und das nennt sich das „Soziologie“.

Henepola Gunaratana: Mindfulness in Plain English: Einführung in die Meditation, die aber nicht so weltanschaulich neutral ist, wie sie vorgibt. Vielmehr wird auch darin die buddhistische Metaphysik gelehrt. Ich finde Meditation eigentlich sinnvoll, aber nur ohne jeglichen philosophischen Ballast, als pure Konzentrationsmethode. Dafür gibt es offenbar keine vernünftige Einführung.