Aus dem Holocaust kann man nichts lernen

Ich bin zurück. Nach schweren Entzugserscheinungen schreibe ich wieder Artikel über Philosophie und Politik. Wie diesen. Ich hatte zwar nie aufgehört, philosophische Essays zu schreiben, allerdings habe ich die Rechte daran an das US-amerikanische Ayn Rand Institute übertragen. Sie dienen vor allem für interne Diskussionen, die meinen Blog-Lesern erst einmal nicht so viel nützen.

Zunächst möchte ich den Artikel „Die Bessermenschen und der Holocaust“ von Gerd Buurmann empfehlen und ein wenig kommentieren, der in der Printausgabe der auch ansonsten hervorragenden Jüdischen Rundschau vom März 2017 erschienen ist. Laut Buurmann kann man aus dem Holocaust nichts lernen, was man nicht ohne ihn genauso hätte wissen können.

„‚Was soll es denn schon aus dem Holocaust zu lernen geben?'“

„Es gibt jedoch nichts aus dem Holocaust zu lernen!“, so Gerd Buurmann. „Was soll es denn schon aus dem Holocaust zu lernen geben? Dass Menschen zu grausamen Ungeheuerlichkeiten in der Lage sind? Dass man Menschen nicht millionenfach vergast? Dass Juden auch Menschen sind? Dass man sich wehren darf, wenn man verfolgt wird? […] All das kann man auch ohne Holocaust wissen! Der Holocaust ist keine Nachhilfe für moralisch Sitzengebliebene, sondern schlicht ein unvergessbares und unverzeihliches Verbrechen, aus dem es nichts zu lernen gibt!“

Der Artikel hat mir zu Denken gegeben, weil ich mich bereits bei zwei Schulausflügen zu Konzentrationslagern fragte, was ich nun daraus lernen sollte. Mir wurde gezeigt, unter welchen schrecklichen Bedingungen die Gefangenen leben mussten, wie man Experimente an ihnen durchführte und wie man sie verbrannte oder vergaste. Einer meiner Metaller-Freunde, der seine Freizeit mit Horrorfilmen, Ego-Shootern und Liedern über Schlachten verbrachte, meinte, dass er das jetzt aber verstörend findet. In Ordnung.

Ich weiß noch, wie einer unserer Geschichtslehrer nicht wusste, wie er uns diesen schrecklichen Hitler erklären sollte, was er uns dann bei einem Ausflug auf die Wiese vor der Schule wiederholt erläuterte (Ich weiß es nicht, ich weiß es noch immer nicht, etc.). Im Deutschunterricht hatten wir Erzählungen und Romane über Verfolgte und Täter gelesen.

„Mir war bereits beim Aufenthalt im zweiten Konzentrationslager der Kragen geplatzt.“

Ja, er muss schon echt scheiße gewesen sein, dieser Holocaust. Aber was sollte ich nun daraus lernen? Warum erfuhr ich in der Schule etwa die Details darüber, welche Zahl an Juden auf welchen Bahnhöfen auf Züge verladen wurden? Soll ich sie nächstes Mal effizienter aufteilen? Warum musste ich wissen und sehen, wo genau man das Gas hineingelassen hat? Und warum hat uns derselbe Kunstlehrer, der sich über einen „empörend brutalen“ Actionfilm aufregte, erzählt, wie sich ein Verwandter als Kind unter den Leichen seiner Eltern versteckte, um nicht von den Nazis entdeckt zu werden?

Mir war bereits beim Aufenthalt im zweiten (oder war es das dritte?) Konzentrationslager irgendwann der Kragen geplatzt. Wir erfuhren, dass die Gefangenen damals einen Galgenhumor entwickelt und sich düstere Witze erzählt hatten, um das Lagerleben besser ertragen zu können. Ich überlegte mir dann mit einem Freund, welche Witze das gewesen sein konnten, bis wir darüber spotteten, ein „Buch der 1000 KZ-Witze“ zu veröffentlichen. Als wir dann lachend aus dem Konzentrationslager-Museum torkelten, gab es reichlich Ermahnungen von Lehrern und Mitschülern.

Euch sollte man ermahnen. Wenn ihr die Holocaustleugner, die sich statistisch nicht zuletzt unter muslimischen Zuwanderern befinden, in ein Holocaustmuseum mitnehmt, könnte man das noch verstehen. Übrigens haben nicht zuletzt viele heute lebende deutsche Juden große Bedenken aufgrund der Massenzuwanderung muslimischer Antisemiten, wie man auch in der Jüdischen Rundschau erfährt. Das interessiert aber ansonsten kaum jemanden, weil diese heute besorgten Juden noch nicht tot sind und insofern zu keinem moralischen Anschauungsunterricht taugen. Es gehört nun sicher für alle zur Bildung in den höheren Klassen, etwas über den Holocaust als historisches Faktum zu erfahren. Aber welche moralische Lektion sollten wir daraus mitnehmen, die wir offenbar so dringend benötigten?

„Vielleicht war der Holocaust aber am Ende zu gar nichts gut.“

Über Moral hatten wir in der Schule nicht viel gelernt, außer, dass es viele davon gibt. Jede Religion hat eine und Atheisten eher nicht so. Im Religionsunterricht ging es vor allem um Geschichte, Rituale und darum, was die Anhänger anderer Religionen glaubten. Wie soll ich leben, wie soll ich handeln? Keine Ahnung. Jedenfalls nicht aufgrund des Religionsunterrichts (Zeugenberichten zufolge ging es nur in Ethik noch weniger um Ethik). Wenn wir wussten, dass Mord und so weiter falsch sind, dann eher von unseren Eltern, aufgrund eigener Überlegungen oder gar nicht. Die Schläger und Mobbing-Experten in meiner Klasse wurden jedenfalls nicht durch ihren Aufenthalt in Holocaust-Museen bekehrt.

Warum dann dieses seltsame „Aus dem Holocaust lernen“-Ding? Dazu hat Buurmann eine These. Der „Gerade-wir-als-Deutsche-Deutsche“ (Gewaldedeu) sitzt „so weit auseinander von der deutschen Vergangenheit, dass er stolz darauf ist, nicht stolz darauf zu sein, Deutscher zu sein“, schreibt er. „Der Gewaldedeu sagt, die deutsche Geschichte sei einzigartig, so einzigartig, dass auch er einzigartig ist“. Und an anderer Stelle: „Die Gewaldedeus aber machen den Holocaust zu einem moralischen Anschauungsunterricht. Zu irgendetwas muss Auschwitz ja gut gewesen sein.“

Vielleicht war der Holocaust aber am Ende zu gar nichts gut.