Kutschera, Homoehe und Adoption

Meine Meinung zur Homoehe ist umstritten. Das ist insofern bemerkenswert, als ich keine Meinung zur Homoehe habe, aber da gilt wohl das Vorsorgeprinzip. Ich habe mir jedoch in einer Diskussion mit der AG Evolutionsbiologie eine Meinung zur Frage bilden können, unter welchen Umständen die Kinderaufzucht bei homosexuellen Paaren am besten gelingen kann.

Außerdem habe ich eine Meinung zu der Art, wie mir die neue Orthodoxie der Homoehe um die Ohren gehauen wurde. Und ich habe eine Meinung zum hessischen Wissenschaftsminister Boris Rhein, der offenbar „disziplinarische Schritte“ von der Uni Kassel gegen den Evolutionsbiologen und Homoehe-Kritiker Ulrich Kutschera erwartet.

Seid Ihr Euch wirklich sicher?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Geist schneller arbeitet als der von manch anderen – und manchmal, dass er sehr viel langsamer ist. Ich habe zum Beispiel bis heute keine klare Meinung zum menschengemachten Klimawandel, der auf eine Katastrophe zusteuern soll. Es ist so peinlich. Andere Menschen sind sich längst sicher. Sie müssen das Thema im Detail studiert haben, ich bin umringt von versierten Klimaexperten, und was bin ich im Vergleich? Ich lese die Meinungen verschiedener Seiten, mal vom Greenpeace-Co-Gründer Patrick Moore (nun „Klimaskeptiker“), mal Skeptic-Society-Oberhaupt Michael Shermer, und ich weiß noch immer nicht genau, was nun Sache ist. So auch bei der Homoehe. Tut mir leid.

Ich halte es auf jeden Fall für fragwürdig, wie plötzlich von jedem erwartet wurde, sofort der Homoehe zuzustimmen und sie wie panisch zu feiern und auf Zweifler zu spucken wie auf Abtrünnige. So ist es bei den Deutschen inzwischen üblich. Auch die Flüchtlinge und die viel zahlreicheren Wirtschaftsmigranten musste man sofort in unbegrenzter Zahl willkommen heißen, oder sonst! Hatten wir nicht zuvor komplexe Debatten über die Chancen und Grenzen von Einwanderung? Egal, weg damit! Uns wurde von der Mitleids-Einheitsfront befohlen, was zu denken ist. Ich bin wohl als philosophisch gesinnter Mensch etwas langsamer und drehe die Dinge erst mehrmals in meinem Kopf herum, bis sie gut durch sind.

Was bedeutet die Homoehe?

Bei Novo sind einige hervorragende Artikel über das Phänomen der Homoehe erschienen, die ich zunächst jenen ans Herz legen möchte, die wie ich etwas behäbiger bei der Meinungsbildung sind.

Thilo Spahl weißt darauf hin, dass es die Homoehe in Form der eingetragenen Lebenspartnerschaft schon seit Jahren gibt – und dass das 2017 als „Homoehe“ betitelte Phänomen eigentlich etwas anderes ist. „Homosexuelle haben in der Vergangenheit einen berechtigten, harten und häufig mutigen Kampf um Anerkennung geführt. Das Institut der eingetragenen Lebenspartnerschaft (samt Ehegattensplitting) – im Volksmund Homo-Ehe – ist eine wichtige Errungenschaft, mit der materielle Benachteiligung beendet wurde. Die letzte Etappe, deren Ziel mit der Parlamentsabstimmung am 30. Juni 2017 erreicht wurde, stand jedoch nicht mehr im Zeichen von Antidiskriminierung. Sie war vielmehr Ausdruck des Bedeutungswandels der Ehe.“

Brendan O’Neill geht auf die Intoleranz vieler Homoehe-Befürworter ein: „Eine hauptsächlich durch die Medien entwickelte Eigendynamik hat die Homo-Ehe zu einer gesellschaftlichen Trennlinie par excellence gemacht. Die Befürworter gelten als „gut“ und die Gegner als „schlecht“ und engstirnig. Die bemerkenswert intoleranten Fürsprecher der Toleranz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften zerfleischen ihre Gegner und machen sie idealerweise mundtot.“

Clemens Schneider vom Prometheus-Institut möchte die Ehe privatisieren: „Der Staat sollte komplett darauf verzichten, zu definieren, was eine Ehe ist. Durch die Einrichtung der gleichgeschlechtlichen Ehe wird seine Definitionshoheit ja nur bestätigt. Der freiheitliche Weg wäre es, jeden Menschen selbst entscheiden zu lassen, wen er heiratet und wie er das dokumentiert.“

Ich weiß nicht, was ich dazu denken soll. Auch generell ist das Thema unter Objektivisten (den Anhängern von Ayn Rands Philosophie) umstritten. Ich denke, es gibt konzeptuelle Probleme, den Begriff der „Ehe“ auf jemand anderes auszuweiten als auf Mann und Frau, die eine verpflichtende Langzeit-Bindung eingehen, um zusammen Kinder großzuziehen. Aber was daraus folgt, wenn überhaupt etwas folgt, weiß ich nicht.

Können Schwule ebenso gut Kinder großziehen?

Wie es in den letzten Jahren üblich geworden ist, lassen sich viele Naturwissenschaftler vor den Karren der Politik und des Zeitgeists spannen, ohne das in ihrer verblüffenden Naivität auch nur zu bemerken. Als der Feminismus in den letzten Jahren aus gänzlich unwissenschaftlichen Gründen die Kultur eroberte, bestätigten auf einmal die „neuesten Studien“ oder Metastudien, die das Gesamtwissen zu einem Thema auf den Punkt bringen sollen, dass Frauen und Männer die genau gleichen intellektuellen Fähigkeiten besitzen (wie man jetzt weiß sind sie anders verteilt, so gibt es mehr sehr dumme und sehr kluge Männer und Frauen bewegen sich näher an einem Durchschnittswert).

Nun, wo die Homoehe eingeführt wurde, predigen die Neopriester aus den Wissenschaftszirkeln, dass homosexuelle Ehepaare ebenso gut Kinder aufziehen könnten wie heterosexuelle Paare. Vor einigen Jahrzehnten sah der „wissenschaftliche Konsens“ noch ganz anders aus.

Ein Beispiel ist der Artikel Vater, Vater, Kind in Spektrum der Wissenschaft, auf den die AG Evolutionsbiologie auf Facebook hinweist. Dieser lenkt sehr geschickt von der Wahrheit zwischen den Zeilen ab, ohne direkt zu lügen. Aber mal ganz unter uns: Wir können seit einer Weile zwischen den Zeilen lesen, nicht wahr? Sonst könnten wir die täglichen Nachrichten gar nicht mehr verstehen.

[Familienforscherin Susan] Golombok kommt zu dem Schluss, dass „die Qualität der familiären Beziehungen und das soziale Umfeld“ deutlich wichtiger für die psychische Entwicklung der Kinder seien als etwa „die Anzahl, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung der Eltern“.

Diese Aussage passt zu dem, was ich über das Thema weiß (siehe „Familienwerte“ von Mark Humphrys). Daraus folgt nun aber etwas Wichtiges, das unter den Teppich gekehrt wird: Ist die Qualität der familiären Beziehungen und das soziale Umfeld statistisch bei verheirateten Hetero-Paaren und Homo-Paaren gleich oder deutlich verschieden?

„Besser wäre es demnach gewesen, die Kinder von homosexuellen Müttern und Vätern mit den Kindern von heterosexuellen Müttern und Vätern zu vergleichen, die außerhalb ihrer Ehe ebenfalls Liebesbeziehungen pflegten, schlagen etwa Wissenschaftler um Andrew Perrin von der University of North Carolina in Chapel Hill vor. 2015 analysierten Simon Cheng von der University of Connecticut in Storrs und Brian Powell von der Indiana University in Bloomington die Daten aus der Studie unter den entsprechenden Gesichtspunkten neu. Dabei verschwanden die allermeisten Unterschiede einfach.“

In der Realität allerdings pflegen sehr viel mehr homosexuelle Paare außerhalb der Ehe Liebesbeziehungen als heterosexuelle Eheleute. „A study conducted back in the 1980s found that 82 percent of men in a long-term commitment with another man had had sex with someone outside of their relationship. A survey conducted three decades later by researchers at the San Francisco State University found that about half of gay couples were in open relationships.“

Kurzum: Viel mehr schwule Paaren befinden sich in „offenen Beziehungen“ und haben Sex mit Partnern außerhalb ihrer Ehe als dies bei Hetero-Ehepartnern der Fall ist. Genau das ist schließlich der „traditionelle homosexuelle Lebensstil“. Aus diesem Grund fallen die Qualität der familiären Beziehungen und das soziale Umfeld bei ihnen im Schnitt offenbar schlechter aus. Und darum müssten Kinder bei ihnen im Schnitt schlechter aufgehoben sein als bei Hetero-Ehepartnern. Man möge diese These nun empirisch weiter untersuchen. Ulrich Kutschera verweist in seiner Replik auf den neuesten Angriff auf ihn auf eine einflussreiche Studie, die ein höheres Risiko von Kindesmissbrauch bei homosexuellen „Eltern“ zu belegen scheint. Ich bin in meinem Artikel Noch mehr Wahrheit über die Ehe bereits auf diese sogenannte Regnerus-Studie und auch auf eine Folge-Studie mit ähnlich besorgniserregenden Resultaten eingegangen.

So oder so möchte ich, ganz nach dem Vorsorgeprinzip, zumindest einmal den Wert der Treue in einer Partnerschaft betont haben, ob bei Schwulen oder bei Heteros. Danke.

Inquisition gegen Ulrich Kutschera wird fortgesetzt

Nun soll Ulrich Kutschera also von der Uni Kassel für seine politisch inkorrekten Aussagen zur Homoehe „diszipliniert“ werden, geht es nach CDU-Wissenschaftsminister Boris Rhein. Das ist ein atemberaubender Anschlag auf die Meinungsfreiheit – zugegeben, davon gibt es heute so viele, dass man sich kaum noch traut, das Thema anzusprechen.

Nun denke ich, dass sich Kutschera bei einigen Themen inhaltlich irrt. So mag es beim Menschen keine angeborene Inzucht-Hemmung geben, weshalb Fälle von Geschwistern und von Vätern mit Töchtern bekannt sind, die sich erst spät im Leben erstmals kennenlernten und dann eine Liebesbeziehung eingingen (wobei ich mir da nicht sicher bin). Ich denke nicht, dass die Fortpflanzung der Bevölkerung eine Aufgabe der Politik ist, noch, dass ein junger Mann, der keine Kinder haben will, einen an der Waffel hat – es sei denn, ich ticke selbst nicht richtig, was sich nie ganz ausschließen lässt. Auch teile ich seine grundsätzliche Abneigung gegenüber den „Verbalwissenschaften“ nicht, wie er die Geisteswissenschaften nennt, und nicht nur, weil ich selbst zwei akademische Grade in geisteswissenschaftlichen Fächern erworben habe.

Im Gegensatz zum Rest der Welt macht mir Kutscheras Polemik, obwohl sie mich immer wieder selbst betrifft, gar nichts aus. Bei seinem Vortrag in Hamburg sowie bei meinen Gesprächen mit ihm während des Darwin-Jahrs habe ich ihn als leidenschaftlichen Vollblut-Biologen kennengelernt, der sein Fach über alles liebt und der mitansehen muss, wie es von einer ignoranten und Biologie-skeptischen Gesellschaft missachtet und von Kreationisten und Gender-Ideologen auf den Universitäten torpediert wird.

Seine überzogene Polemik ist die Art, wie er seine Welt, die er von allen Seiten bedroht sieht (was sie ja auch ist), bis aufs Blut verteidigt. Ich muss ihm nicht inhaltlich mit allem zustimmen, um das verstehen zu können. Soll er manchmal über die Strenge schlagen, dann widerspricht man ihm eben oder widerlegt seine Thesen. So funktioniert das mit der Debattenkultur. Und er hat ganz Recht, dass die in den USA weit fester verankert ist als hier.

Hier wurde ich bei einem Vortrag alleine darum mit den Nazis verglichen, weil die objektivistische Ästhetiktheorie bestimmte Strömungen der modernen Kunst nicht als Kunst definiert, sondern als dekoratives Handwerk – wobei natürlich nichts gegen dekoratives Handwerk spricht. Man kann das gar nicht verstehen, es sei denn, man weiß, dass die Deutschen gar nichts wissen, außer, dass sie gegen die Nazis sind und dass alle, die dem Zeitgeist widersprechen, Nazis sind. In Deutschland wird man als Andersdenkender von wütenden Giftzwergen, die intellektuell nichts zu bieten haben, niedergemacht, angespuckt und denunziert, angezeigt und mehr. Ich sage es noch einmal: Das muss sich ändern.