Die Kardinalsünde

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche)

Vor ein paar Monaten habe ich einfach aufgehört. Ich hatte an einer Übersetzung für die Richard Dawkins Foundation und an einem Essay für Novo gearbeitet. Die Arbeit brach ich mittendrin ab. Ich dachte, ich war überarbeitet. Vielleicht nicht.

Ich war zu dieser Zeit einmal zu oft mit einem Phänomen konfrontiert worden: Dem „Ausblenden“, wie die Philosophin und Drehbuchautorin Ayn Rand es nannte. Menschen neigen dazu, Fakten und Argumente auszublenden, die nicht in ihr Weltbild passen. Ich war an einer einseitigen Diskussion zu viel beteiligt gewesen – eine Diskussion, bei der ich Argumente nannte und die Gegenseite mich lediglich informierte, dass es unmoralisch sei, auch nur über das Thema zu diskutieren oder dass die Zeit dafür fehlte, dass meine Quellen sowieso unseriös wären, etc. Ausweichmanöver, um sich nicht mit unbequemen Informationen befassen zu müssen.

Argumente gehören sich nicht mehr

Die Diskussion erinnerte mich an die Gegenargumente, die Tierrechtler gegen meine Essays und Vorträge zu diesem Thema angeführt hatten. Es gab so gut wie keine. Ich hatte mir die Mühe gemacht, mehr als nur die bedeutendsten Werke der wichtigsten Tierrechts-Philosophen, namentlich Tom Regan und Peter Singer, zu studieren und ihre Argumente zu widerlegen. Als Reaktion gab es ein paar Daumen nach unten bei YouTube und lautes Schweigen.

Ich erhielt einige positive Zuschriften von Lesern, die sich über die fundierten Argumente gegen Tierrechte bedankten. Von der Gegenseite habe ich jedoch praktisch nur verstimmtes Grummeln vernommen. Man könnte nun meinen: Gut, meine Argumente müssen so wasserdicht gewesen sein, dass sie dagegen nichts ausrichten konnten und sie nur widerwillig entgegennahmen (das denke ich selbst nicht – ich kenne inzwischen noch bessere). Aber ich weiß von einigen radikalen Tierschützern, dass sie keinen Effekt auf ihre Haltung hatten. Meine Argumente wurden eher so wahrgenommen, als hätte ich schon mit dem Essen angefangen, während andere noch das Tischgebet sprachen. Als hätte ich etwas Unhöfliches gesagt. Als wären fundierte Argumente kein konstruktiver Beitrag, sondern etwas, das sich nicht gehört und das man besser höflich ignoriert.

Versuche, Dich selbst zu widerlegen

Dass Argumente und das Benennen von Fakten als inzwischen oft als unhöflich aufgefasst werden, ist mir seitdem immer häufiger begegnet. Gut, aber bis zu einem gewissen Grad blendet doch jeder Argumente der Gegenseite aus, oder? Vielleicht spontan oder in bestimmten Situationen, aber wer nach der Wahrheit sucht, der blendet sie letzten Endes nicht aus, sondern sucht aktiv nach widerstrebenden Argumenten. Ich denke, das ist etwas, das Erwachsene als solche auszeichnet.

Ich bin Atheist und habe mir kürzlich „The Soul of the World“ des christlichen Philosophen Roger Scruton angehört, in dem er für eine Unterwerfung vor Gott argumentiert (seine Argumente sind nicht sonderlich gut, was ich aber nur weiß, weil ich sie mir angehört habe). Ich bin liberal, aber ich habe mir kürzlich das Buch „The Vision of the Anointed“ angehört, indem der konservative Intellektuelle Thomas Sowell nicht nur Linke, sondern auch Liberale als eine Art von utopische Kultisten kritisiert. Ich bin ein Vertreter der rationalen Sicherheit und habe mir das radikal-relativistische Buch „Explaining Social Deviance“ des Soziologen Paul Wolpe angehört. Es war zunächst schwer zu ertragen, aber er benannte einige faszinierende, mir bislang unbekannte Zusammenhänge und provokante Theorien, die ich inzwischen für plausibler halte als ursprünglich.

Aktuell befasse ich mich mit den Argumenten für Gott seitens Aristoteles und Thomas von Aquin. Also nein: Ich blende Gegenargumente nicht aus. Ich suche aktiv nach den besten Gegenargumenten und manchmal fand ich sie überzeugend und habe meine Meinung geändert.

Vernunft als Nische

Ich habe den Eindruck, dass die aufgeklärte Debattenkultur nur noch in kleinen Nischen existiert und dass die in unserer Kultur dominanten Ideen nicht das Resultat einer Suche nach den besten Argumenten sind, sondern ein willkürliches Konglomerat unterschiedlichster Einflüsse – alle zugleich und nebeneinander vorhanden im Geist individueller Menschen. Ein ungeheuerliches Chaos ist das Resultat und ein nihilistisches Lebensgefühl, dass alles und nichts wahr ist und dass es letztlich keine Wahrheit gibt und auch nicht geben darf – sie würde die individuelle Willkür einschränken.

Mein Empfinden ist also, dass ich mit Argumenten nicht mehr viel bewirke. Da Argumente meine Welt sind und ich jeden anderen Versuch, die Welt zu begreifen und Probleme zu lösen, nicht verstehe, habe ich die öffentliche Kommunikation weitgehend eingestellt, unterbrochen durch gelegentliche verzweifelte und wütende Ansätze, doch noch etwas mit Argumenten zu bewirken, auf die meine Umwelt meistens gekränkt und mit Unverständnis reagiert. Laut den traditionellen Regeln gewinne ich inzwischen jede Debatte – einfach nur, weil die Gegenseite keine Argumente mehr nennt. Aber das bringt nichts mehr.

Fast zu lange in den Abgrund geblickt

Es gibt noch einen anderen Grund für meine aktuelle Resignation. Vor einer Weile hatte ich das Buch „Die Mitleidsindustrie“ gelesen, das aufzeigt, wie humanitäre Organisationen von Spenden Kriege und Völkermorde finanziert haben und dies noch immer tun. Auf der Grundlage der Informationen in diesem Buch und einiger neuerer Ereignisse wollte ich einen Artikel zum Thema schreiben, aber konnte es nicht. Später bin ich die Texte von Mark Humphrys über die blutige Geschichte der Friedensbewegung noch einmal durchgegangen und wollte sie übersetzen, aber konnte es nicht. Ich konnte es nicht aus psychologischen Gründen und nicht, weil mir auf einmal die Befähigung fehlen würde.

Nun habe ich gerade die Arbeit an einem neuen Essay wieder aufnehmen wollen, eine Widerlegung des Marginal-Humans-Argumentes von Tierrechtlern – ihr wichtigstes Argument überhaupt. Da geistig Behinderte oder Säuglinge so wenig vernunftbegabt wie Tiere sein sollen, wir jedoch ihre Menschenrechte anerkennen, sollten wir dann nicht die Rechte von Tieren auch anerkennen, die angeblich in ihren entscheidenden Eigenschaften so sind wie geistig Behinderte? Peter Singer fragt in einem Essay, warum man keine medizinischen Versuche an Waisenkindern im Säuglingsalter durchführen sollte, aber an Tieren, wo doch einige Tiere „relevante Charakteristika“ im selben oder größeren Maße besitzen sollen als jene Waisenkinder. Ich fühle mich nicht in der Lage, diesen Essay zu Ende zu schreiben. Falls es den Leser interessiert: Die objektivistische Philosophin Diana Hsieh verfasste die bislang beste Replik zum Marginal Humans Argument.

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, schrieb Friedrich Nietzsche einst. Ich brauche weniger Ungeheuer und Abgründe in meinem Leben und mehr Gründe, gegen sie und für etwas Besseres zu kämpfen. Und ich muss den Eindruck haben, dass ich damit etwas bewirke. Oder ich tue in meiner Rolle als Aufklärer nichts mehr.