Die fette Prinzessin und die vergebliche Sahnetorte

Ich habe wieder ein satirisches Märchen geschrieben. Es geht diesmal um den aktuellen Ernährungswahn. Was sollen wir essen, wie sollen wir aussehen und wo ist mein Ernährungsberater? Ich rate davon ab, beim Lesen etwas Süßes und Fettes zu verzehren, wenn ihr es nicht vor Lachen ausspucken wollt…

Die fette Prinzessin und die vergebliche Sahnetorte

Es war einmal in einem fernen Königreich. Unsere Geschichte handelt zu einer Zeit, als die Menschen noch nicht wussten, dass man nicht fett sein darf. Prinzessin Cuisine schaute aus dem Fenster ihres Gemachs in Schloss Avantgarde. Draußen jubelten ihr die Handwerker und Bauern zu und manche schnäuzten sich dabei die Nase, um zum Ausdruck zu bringen, dass sie längst nicht die vorbildlichen Sitten der Prinzessin erlernt hatten und mit ihrem niedrigeren Stand überaus zufrieden waren.

Fenster besaßen damals keine Scheiben und waren sehr tief in den Stein einer dicken Schlosswand eingelassen. So konnte Prinzessin Cuisine ihren dicken Wanst auf dem Fenstersims parken, damit sie ihn nicht die ganze Zeit tragen musste.

Die Handwerker und Bauern fanden Prinzessin Cuisine einfach großartig. Sie folgte nämlich stets den aktuellen Gepflogenheiten des Landes und die Leute glaubten, dass dies einen großen Respekt für sie und ihre Kultur zum Ausdruck bringen würde. Wann immer das Volk nicht hungerte, weil es jedes Jahr einen größeren Teil seines Einkommens an die Königsfamilie abgeben musste, bewunderte es das neueste Erscheinungsbild der Prinzessin.

„Sie ist so herrlich fett“, sagte Bauer Horst. „Das spricht für ihre Fruchtbarkeit und dafür, dass ihre Kinder nicht werden hungern müssen.“ Auch die Blumenhändlerin war begeistert. „Ich wünschte, ich wäre auch so fett. Jetzt will mich kein Mann, weil sie alle glauben, ich würde gleich nach der Heirat verhungern.“ Prinzessin Cuisine ging in ihr Gemach zurück, damit der Porträtmaler sie auf kleinen Bildern verewigen konnte. Die Bilder verschenkte die Königsfamilie an einflussreiche Fans unter den Adeligen, die dann einen Daumen nach oben zeigten.

Zwei verhängnisvolle Geschenke

Eines Tages erhielt auch Prinzessin Cuisine zwei Bilder als Geschenke. Sie zeigten zwei ausländische Prinzessinnen, nämlich Prinzessin Instanze von Gramm und Prinzessin Missin von Wahlburghausen. Als sie die Bilder sah, klappte Prinzessin Cuisine sofort der Kiefer hinunter. Die anderen Prinzessinnen waren schlank! Sie wusste sofort, was das bedeutet. Gramm und Wahlburghausen waren die Trendsetter des ganzen Kontinents Westartiglanden. „Ich muss sofort dünn werden!“, sagte Prinzessin Cuisine.

Es war Mittagszeit und Prinzessin Cuisine begab sich zu der großen Tafel, wo auch ihr Vater und ihre Mutter dinierten. Um abzunehmen, hielt sie sich beim Essen sehr zurück. Sie verdrückte lediglich eine halbe Sau und zwei Teller Pommes. „Aber mein Cuinsinchen“, sagte die Königin. „Du isst ja gar nicht, bist Du krank?“ Prinzessin Cuisine zeigte der Königin die Bilder von den anderen beiden Prinzessinnen. „Ach herrje“, sagte die Königin. „Dann verstehe ich das. Du musst etwas gegen Dein üppiges Hinterteil unternehmen. Sonst will Dich am Ende kein Prinz und Du kannst dem Volk kein Vorbild mehr sein.“

Der König schüttelte den Kopf. „Ihr seid so bescheuert“, sagte er. „Ich finde es gut, dass Du ein wenig abnehmen möchtest, liebes Cuisinchen, weil es für Deine Gesundheit gut ist. Aber Du hast es doch nicht nötig, anderen Prinzessinnen alles nachzumachen. Du weißt selbst, was für Dich am besten ist. Wir sind die Herrschaftsfamilie hier. Niemand bestimmt über uns.“ Prinzessin Cuisine seufzte. „Du verstehst das nicht, Papa. Ich muss bei den neuen Gepflogenheiten mitmachen, weil sich das so gehört. Sonst will mich kein Prinz und das Volk respektiert mich nicht mehr.“ Der König seufzte.

Die vergebliche Sahnetorte

Prinzessin Cuisine gelang es zwar, an den folgenden Tagen weniger zu essen, aber von ihrer Lieblings-Sahnetorte nahm sie weiterhin jeden Tag drei Stück. Die Königin fand ihre Tochter eines Tages weinend in ihrem Gemach. „Mama, ich kann einfach nicht von der Sahnetorte lassen.“ Die Königin tröstete Prinzessin Cuisine. „Ich habe da eine Idee“, sagte sie.

Am nächsten Tag stellte die Königin vor dem Essen der Prinzessin einen fremden Mann vor. „Das ist Tom Tomason“, sagte die Königin. „Der königliche Ernährungsberater und Sohn des Bäckers. Er wird Deine Lieblings-Sahnetorte so zubereiten, dass Du nicht mehr so viel zunimmst, wenn Du sie isst.“ Prinzessin Cuisine strahlte. Nach dem Mittagessen gab es als Nachtisch eine Torte, die genauso aussah wie die Sahnetorte, die Prinzessin Cuisine so sehr mochte. Die Prinzessin nahm gleich ein Tortenstück in die Hand und biss hinein.

Sofort spuckte sie es wieder aus. „Das schmeckt ja widerlich!“, schrie sie. Tom Tomason hatte sie gehört und eilte sogleich herbei. „Tut mir leid, die Dame Prinzessin, der Kuchen wurde mit Low-Carb-Eiweiß statt Mehl gemacht. Am Geschmack muss ich noch arbeiten.“ Die Prinzessin hatte bislang nur ein wenig abgenommen, doch am nächsten Tag stand bereits der Prinz von Wahlburghausen vor dem Schloss und wollte Prinzessin Cuisine kennenlernen.

Die geheimen Wünsche des Prinzen

Der Prinz schien sich nicht am Äußeren von Prinzessin Cuisine zu stören oder er sagte zumindest nichts. Er erzählte von Schloss Wahlburghausen, von den neuen Erfindungen seines Hofmechanikers, von den neuen Erkenntnissen seines Hofnaturforschers und von den Theaterstücken seines Hofdramaturgen. Prinzessin Cuisine wusste von all dem nichts und sie hielt es auch nicht für ihre Rolle, sich für diese Dinge zu begeistern. So etwas erzählten Männer, um die Frauen damit zu beeindrucken. Den Tag verbrachte die Prinzessin mit nervöser, leicht hoffnungsvoller Erwartung. Wäre der Prinz an Prinzessin Cuisine interessiert, müsste er ihr beim Abschied eine Rose geben. Doch zur Verzweiflung von Prinzessin Cuisine bekam sie keine.

Prinzessin Cuisine war nun sehr frustriert. Sie glaubte, dass sie noch immer zu dick aussah für den Prinzen. Leider war auch der Versuch von Tom Tomason, die Sahnetorte stattdessen aus Salat und Gemüse zu backen, ein glatter Fehlschlag. Auch der Hausmagier konnte nicht helfen. Er verwandelte die Sahnetorte in ein Kamel. Das half der Prinzessin wenig beim Abnehmen, denn es schaute sie nur komisch an.

Die Prinzessin wurde traurig. Sie zwang sich dazu, nur noch ein Stück am Tag von ihrer Lieblings-Sahnetorte zu essen. Sie verlor so nur langsam Gewicht. Die folgenden Wochen dachte die Prinzessin nicht mehr ans Abnehmen. Sie sprach mit dem Hofdramaturgen, dem Hofmechaniker und dem Hofnaturforscher über ihre neuen Theaterstücke, Erfindungen und Erkenntnisse. Der Prinz war an diesen Dingen so interessiert, dass auch Prinzessin Cuisine neugierig geworden war. Und tatsächlich fand sie großen Gefallen daran, es waren ganz faszinierende Themen. Der König hatte dem Prinzen von Wahlburghausen unterdessen ermuntert, doch noch einmal in seinem Schloss vorbeizuschauen. Er wollte ihm angeblich ein neues Piano zeigen, das automatisch spielen konnte. Sein Hofmechaniker hatte es erfunden.

Eine dicke Überraschung

Der Prinz von Wahlburghausen war tatsächlich ganz begeistert von dem Piano. Es klimperte vor sich hin, ganz ohne Spieler. Doch der König hatte eine andere Absicht. Er zerrte die resignierte Prinzessin Cuisine herbei und schubste sie in Richtung des Prinzen. „Oh, das automatische Piano“, sagte sie. „Der Hofmechaniker hat mir alles darüber erzählt.“ Der Prinz schaute die Prinzessin überrascht an und lächelte. Den Rest des Tages sprachen die Beiden über die neuen Theaterstücke, Erfindungen und Erkenntnisse, die es auf Schloss Avantgarde zu bewundern gab.

Als es Zeit war, Abschied zu nehmen, gab der Prinz der Prinzessin Cuisine eine Rose. Sie nahm langsam die Rose und wich überrascht zurück. „Ich dachte, ich bin Euch zu dick, lieber Prinz?“, sagte sie. „Ach, das war doch bis vor kurzem noch im Trend“, sagte der Prinz von Wahlburghausen lächelnd. „Es ist gut für Deine Gesundheit, dass Du ein wenig abgenommen hast. Aber Dein Gewicht hat mich gar nicht weiter gestört“, meinte er. „Ich dachte tatsächlich, Du bist eine oberflächliche, dumme Nuss. Ich dachte, dass Du Dich nur um Dein Äußeres scherst und wie die anderen Prinzessinnen ausschauen. Aber tatsächlich interessierst Du Dich ja doch für die Welt, für die Kunst, Technik und Naturforschung. So eine fantastische Frau finde ich nie wieder auf der Welt. Willst Du die Meine sein?“

Die Prinzessin konnte sich ein fettes Grinsen nicht ersparen. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Und der königliche Ernährungsberater musste wieder als normaler Bäcker arbeiten.