Wie vermeidet man die Sanktionierung des Bösen?

Ich musste die Erfahrung machen, dass ein moralisches Prinzip des Objektivismus in Deutschland nur besonders schwer gelebt werden kann. Ich habe mich lange daran gehalten und vor allem die rücksichtslose Konsequenz hatte keine guten Folgen. Das Prinzip lautet, dass man das Böse nicht sanktionieren darf, indem man in Situationen still bleibt, in denen Stille objektiv als Zustimmung oder Akzeptanz des Bösen ausgelegt werden kann. Vielmehr muss man offen widersprechen.

Das Problem: In Gesprächen verschiedenster Art habe ich sehr häufig die Notwendigkeit gesehen, zu widersprechen, um das Böse nicht zu sanktionieren. Ob ich Zeit hatte, meine Argumente zu nennen oder nicht, so kam das häufig als sinnloses Krawallmachertum rüber (ich wurde ja schon vor Jahren „der Krawallatheist“ getauft). Damit hat es eigentlich nichts zu tun, sondern ich habe versucht, ein wichtiges moralisches Prinzip in der Praxis zu beachten.

Ich bin schließlich nicht jemand, der hier nur über Philosophie bloggt, sondern ich tue in meinem Leben genau das, was ich hier schreibe und empfehle. Dieses Prinzip hat mich allerdings zur Verzweiflung gebracht, da die Deutschen so unheimlich viele Ideen vertreten, die ich für böse halte und daher ständig widersprechen musste. Ich habe darum mit Onkar Ghate vom Ayn Rand Institute ein Gespräch über meine Probleme mit diesem Sanktions-Prinzip geführt…

Ich dachte, das ist das Philosophen-Äquivalent zum Gespräch mit dem Priester, wenn man ihn fragt, wie man bestimmte Gebote in der Praxis einhalten kann. Genau das war allerdings mein Fehler, wie Onkar Ghate erklärte: Ich habe Ayn Rands Prinzip wie ein religiöses Gebot befolgt, was ein rationalistischer Denkfehler ist. So funktioniert die objektivistische Ethik schließlich nicht.

Moralische Prinzipien sind keine Gebote

Die objektivistische Ethik dient dem eigenen, individuellen Leben eines jeden Menschen. Die moralischen Prinzipien sind an diesem Standard ausgerichtet und kontextuell anzuwenden. Konkret meinte Onkar Ghate, dass ich mich für dieses Prinzip nicht aufopfern muss, sondern dass es, im Gegenteil, meinem Leben dienen soll. Manchmal ist es eben nicht sinnvoll, zu widersprechen, wenn jemand etwas Böses sagt (oder eine Idee vertritt, die bösartige Folgen hätte).

Ayn Rands Wortlaut scheint allerdings ziemlich streng und klar zu sein: „In keinem Fall und in keiner Situation darf man einen Angriff auf die eigenen Werte oder eine Herabsetzung der eigenen Werte erlauben und dabei still bleiben.“ Aber was ist, wenn ein Widerspruch die eigenen Werte oder sogar das eigene Leben bedrohen würde? In Deutschland tut man sich oft keinen Gefallen, falls man dem Arbeitgeber widerspricht (weil die kulturellen Normen hinter der Meinungsfreiheit wenig ausgeprägt sind), und in einer Diktatur wird man gleich erschossen, wenn man dem Diktator widerspricht.

Was sollen da zum Beispiel meine Leser in Hongkong oder der Türkei (einige meiner Leser leben in Diktaturen) tun? Wie sollten sie dieses Prinzip befolgen können? Ich denke, das können sie in der Regel gar nicht. Und ich denke, dass auch in Deutschland Einschränkungen nötig sind.

Kann man das Sanktions-Prinzip nur als Richtlinie befolgen?

Es erscheint mir ein Prinzip für eine vollkommen freie Gesellschaft zu sein, in der jeder seine abweichende Meinung wie selbstverständlich äußern kann, ohne schlimme Folgen befürchten zu müssen. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir in einer solchen Gesellschaft leben. Ich glaube, wir können das Sanktions-Prinzip nur im Sinne einer Richtlinie umsetzen, aber nicht auf die Gesetzes-ähnliche Art, wie Ayn Rand es leider, vielleicht missverständlich, formulierte („One must speak up (…)“).

Widerspruch sorgt leider sehr häufig für böses Blut, bei Frauen noch mehr als bei Männern. Auch, wenn man aus Überzeugung widerspricht und sich die Gründe dafür sehr genau überlegt hat, ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, damit keinen Anstoß zu erregen, den man nicht in jeder Situation erregen möchte. Onkar Ghate meinte auch, dass die Orientierung an diesem Prinzip, trotz der einordnenden Kontextualisierung, immer eine Herausforderung bleiben wird.

Letzten Endes sind wir als Objektivisten in einer halb-freien, zunehmend relativistischen und nihilistischen Gesellschaft einfach Außenseiter. Daran können wir grundlegend nichts ändern, wenn wir unseren Überzeugungen treu bleiben wollen. Reibereien und Missverständnisse wird es also immer geben. Wir müssen aber im Hinterkopf behalten, dass die Philosophie unserem Leben dienen soll und nicht wir ihr zu dienen haben, wir müssen also die Wertehierarchie (die zum Objektivismus gehört) beachten.

Ich habe damit noch immer sehr zu kämpfen und es ist ein schwieriger und anstrengender Lernprozess, herauszufinden, wann und wie man widersprechen sollte und wann man damit mehr kaputt macht, als dass es etwas bringt.

Vielleicht sollte ich auch die Abkürzung nehmen und auf OHL hören (aus „Der Weg der Wahrheit“, Krieg der Kulturen):

Ich gehe ihn seit Jahren.

Ich hab den Wind gesät.

Ich fürchte nicht den Sturm,

der mir entgegen weht.

Ich brauche keine Freunde,

keinen Gott, der mir beisteht.

Ein kalter, schmaler Grat,

das ist mein Weg.

Der Weg der Wahrheit.