Glückwunsch: 250 000 nützliche Idioten

Stell Dir vor, „Kommunisten, Islamisten, Linksextremisten, Antisemiten und Unterstützer der säkularen Terrororganisation PKK“ (Julian Röpcke) treffen sich zu einer großen, gemeinsamen Demo. Aber was könnten all diese verschiedenen Gruppierungen gemein haben? Ganz einfach: Sie möchten sich für eine „offene und freie Gesellschaft“ (Veranstalter) einsetzen. Sagen sie. Würdest Du hingehen?

Diese Demo gab es wirklich. In Berlin am 13. Oktober. Sie wurde unter dem Hashtag #unteilbar beworben. Und 250 000 Deutsche sind hingegangen.

Ich wollte jetzt noch etwas Spöttisches dazu schreiben, aber ich gebe zu: Mir verschlagen Ereignisse wie diese inzwischen zunehmend die Sprache. Ich meine: Es stand im Vorfeld im Programm, wer bei dieser Demo mitmachen würde. Können die Teilnehmer nicht lesen? Oder informieren sie sich nicht, mit wem sie da mitlaufen?

Ich denke, dass sie sich nicht informiert haben, und zwar aus folgendem Grund: Wer für eine „offene und freie Gesellschaft“ und „gegen Rassismus“ demonstriert, gilt in userer Gesellschaft automatisch als der Gute. Er muss seinen Kant, Platon oder Ayn Rand nicht mehr lesen. Er geht mit seiner Familie zum coolen Event, macht ein Selfie davon und zählt dann automatisch zu den von der (aktuellen) Geschichte als moralisch Auserwählter auserkorenen. Kein weiterer Aufwand nötig.

Ein guter Mensch zu sein, war noch nie so einfach. Oder zumindest ein Gutmensch.

Ich bin vor ein paar Jahren mit einem Schulfreund durch Kreuzberg gelaufen und sprach mit ihm damals über das Demo-Thema. Einige unserer Klassenkameraden hatten sich nämlich einer Demo angeschlossen, um etwas auf unserem Schulausflug nach Berlin zu tun zu haben, von dem sie später erzählen konnten. Sie hatten keine Ahnung, worum es bei der Demo ging.

„Für mich sind das totale Verlierer“, sagte er. Nun war mein Schulfreund selbst jemand, der seine Probleme hatte, und keine geringfügigen. Dazu zählten Drogenmissbrauch und der Umstand, dass er seine Freizeit oft mit Hooligans verbrachte – wegen dem Gemeinschaftsgefühl. Aber er fiel mir auch als jemand auf, der seine eigenen Gedanken unabhängig entwickelte. Ich selbst war natürlich auch ein Außenseiter, aber eher darum, weil ich einsam meine Bücher las, über die ich mit niemandem sprechen konnte. Ich verbrachte allerdings auch einige Zeit auf Punk-Konzerten und in Berlin klapperten wir einige Punk-Schuppen ab, meistens aber italienische Pizzarias.

In dem Moment dachte ich, dass die Anpasser unter unseren Mitschülern, die bei dieser Demo mitmachten, wirklich die eigentlichen Verlierer waren. Er war nicht der Verlierer, sondern er reagierte vor allem auf die Anpasser, die ihn nicht bei sich haben wollten und unter denen er auch keine Zeit verbringen wollte. Er reagierte auf unsere Gesellschaft, die schon damals vollkommen verblödet, verheuchelt und moralisch orientierungslos war. Er reagierte nicht auf die konstruktivste oder vernünftigste Art, aber so sind Jugendliche.

An welchen Standards sollten wir uns orientieren? Welchen Vorbildern sollten wir nacheifern? Es gab und gibt keine in diesem Land. Ich sehe grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie man darauf reagieren kann: Es gibt diejenigen, die sich an das große Nichts anpassen und wertelos, nihilistisch, rücksichtslos und verheuchelt der nächsten Generation keine Orientierung bieten werden. Und es gibt jene, die gegen das Nichts, das Böse und die Dummheit rebellieren – in der Regel Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz. Mea culpa.

Anfangs ist die Rebellion vor allem negativ. Man ist dagegen. Wir waren dagegen. Wir haben gesehen und gespürt, dass das, was uns da vorgesetzt wird, nichts taugt. Wir wussten nicht genau, warum. Mit der Zeit versteht man das Nichts immer besser. Vielleicht entwickelt man ein Gegenkonzept. Ich weiß nicht, welche Schlüsse mein Schulfreund inzwischen gezogen hat. Meine Leser wissen, welche Schlüsse ich gezogen habe und welches positive Gegenkonzept ich vertrete.

Genug gesagt. Stattdessen lasse ich nun überwiegend jene zu Wort kommen, die noch Energie haben, sich zu äußern: