GBS auf der #unteilbar-Demo

Ein Leser hat mich auf die Teilnahme der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung an der #unteilbar-Demo in Berlin hingewiesen. Ich wusste davon nichts, als ich meinen Beitrag zum Thema verfasste. Darin unterstelle ich den 250 000 Demoteilnehmern, dass sie sich überwiegend nicht hinreichend im Vorfeld über die Demo informiert hatten, dass sie „nützliche Idioten“ der freiheitsfeindlichen Extremisten dort seien und „die eigentlichen Verlierer“.

Das werde ich jetzt auch nicht zurücknehmen. Aber die Kritik an der Stiftung verwundert mich doch etwas. Es war schließlich nichts anderes von ihr zu erwarten.

Viele Unterstützer der religionskritischen Stiftung haben auf Facebook ihrem Unmut über die Teilnahme der GBS an der Demo Luft gemacht. Darunter sogar einige Personen, die regelmäßig mit ihr kooperieren (Hi, Leute!). Es ist immer deutlich vorzuziehen, wenn Unterstützer, Beiräte, Mitarbeiter, kooperierende Dritte ihre Kritik intern äußern und nicht auf öffentlichen Plattformen. Wenn sie das nicht tun, dann funktioniert die interne Kommunikation wahrscheinlich nicht optimal.

Aber wie komme ausgerechnet ich dazu, daran zu erinnern? Schließlich war ich einigen in der GBS, als ich dort vor vielen Jahren Mitarbeiter war, durch meine eigenen Beiträge hier im Blog negativ aufgefallen. Meine kritischen Beiträge bezogen sich explizit und ausschließlich auf spezifische politische Positionen des Stiftungssprechers Michael Schmidt-Salomon. Ich war davon ausgegangen, dass ich sie nicht teilen muss. Wie überaus naiv.

Schließlich darf sich jeder Mensch in einem freien Land seine eigenen Gedanken über Politik machen. Die GBS versteht sich als „Think-Tank der Aufklärung“, als religionskritische Denkfabrik, und nicht als Stiftung mit einer expliziten politischen Ideologie (sondern nur mit einzelnen, bei verschiedenen Menschen konsensfähigen politischen Positionen wie Trennung von Staat und Kirche, gegen Steinigung und Kopftuchzwang, etc. die ich auch unterstützt habe und weiterhin unterstützte).

Ich hatte mir die Stiftung als eine Art philosophischen Salon, als Kaffeehaus, wie es sie während der Aufklärung des 18. Jahrhunderts gab, vorgestellt. Ich dachte, ich könnte darin mit schlauen Menschen über Philosophie und darunter über Politiktheorie reden. Ich habe eine starke Verbindung mit der Philosophie und Literatur dieser Zeit und hatte mir eine Rückkehr der Aufklärung gewünscht. Philosophische Diskussionen waren mir schließlich in der Schule fast nie möglich, und im Studium nur selten. Sehr eingeschüchtert und voller Ehrfurcht betrat ich einst den damaligen Stiftungssitz.

Es gab schon viele Enttäuschungen in meinem Leben. Mit den meisten habe ich mit abgefunden, habe etwas daraus gelernt, habe die Welt und den Menschen danach zumindest ein wenig besser verstanden. Manchmal haben sie mich auch einfach ratlos zurückgelassen wie ein wandelndes Fragezeichen (ja, vor allem Frauen). Und dann gab es meine Enttäuschung über die GBS.

Stell Dir vor, Dir ist der Erfolg einer Organisation oder eines Unternehmens unglaublich wichtig. Du glaubst mit Leib und Seele an ihr angebliches Ziel, wie hier die Rückkehr der Aufklärung. Du fantasierst über eine Zeit, wo Du in Deine geliebten Cafés gehen kannst und dort auf intellektuell interessierte Menschen triffst, mit denen Du faszinierende Gespräche führen kannst. Eine Zeit, in der sich die Menschen wieder an rational begründeten moralischen Prinzipien orientieren, oder zumindest danach streben, welche zu entdecken. Wenn sie Philosophie, Wissenschaft und Kunst wieder ernstnehmen.

Dir fällt etwas auf, was Deiner Einschätzung nach nicht den Prinzipien der Aufklärung entspricht. Aufgrund der hohen intellektuellen Standards, die eine Denkfabrik der Aufklärung vertritt, wird Deine Kritik sicherlich ernst genommen und Du bekommst zumindest eine gut begründete Ablehnung der Kritik. Tatsächlich trifft aber jemand die Entscheidungen (und ist nicht nur der Sprecher), der heute noch wie folgt auf Kritik reagiert:

„Aber mit einem moralischen Rigorismus, der die Welt in Freunde und Feinde einteilt, kommt man auch nicht voran.“

„Da wir festgestellt haben, dass sich einige Kommentatoren offenbar davor scheuen, Texte zu lesen (…)“

„‚gewaltbereite Linke'“

„Insofern verstehen wir diese Kritik an unserem Engagement tatsächlich als eine Bestätigung unserer Arbeit.“

„Mit undifferenzierten Aussagen und moralischer Hysterie lassen sich die Probleme (…) nicht lösen.“

Kritiker sind für MSS entweder 1. böse oder 2. ignorant. Sie haben immer Unrecht. Er hat immer Recht, weil er ein moralisch und intellektuell überlegener Supermensch ist, der heute noch seine 68er-Vordenker wie Herbert Marcuse zitiert.

Ich war für ihn jemand, der keine Bücher liest, ein Vertreter dieser dummen Jugend von heute, die nur noch kurze Facebook-Texte auf ihrem Handy versteht (na ja, irgendwie habe ich trotzdem mein Germanistik- und Anglistik- und später Journalistik-Studium hinbekommen), der ein „Wechselbalg“ ist und daher keiner ernsthaften Beachtung würdig.

„Der Wechselbalg war im Aberglauben des europäischen Mittelalters ein Säugling (veraltet „Balg“), der einer Wöchnerin durch ein dämonisches Wesen im Austausch gegen ihr eigenes Kind untergeschoben wurde mit der Absicht, die Menschen zu belästigen und ihnen zu schaden.“ (Wikipedia)

Ein fremdes, untergeschobenes, böses Kind also, das den heiligen Schmidt-Salomon belästigt und ihm schadet. Ihn belästigt mit dieser Kritik an ursprünglich konkreten politischen Positionen eines Mannes, den ich inzwischen als unbelehrbaren neulinken (68er) Ideologen einordne. Neulinke sind moralische Relativisten und Nihilisten, daher auch seine scharfe Ablehnung eines „moralischen Rigorismus“ – der Orientierung an ethischen Prinzipien.

Heute ignoriert er meine Kritik (was auch besser so ist, denn ein Austausch bringt leider nichts), weil ich ein rein „persönliches“ Problem mit ihm haben soll. Natürlich hatte ich nie eine handfeste, gut begründete Kritik vorzubringen. Es stand immer etwas anderes, Irrationales, Finsteres dahinter. Und es sollte immer nur ihn persönlich treffen und keinen gesellschaftlich relevanten Diskussionsgegenstand. Oder?

Nun geht Michael immer mehr Menschen immer mehr auf die Nerven mit seiner Kritikunfähigkeit, seiner Arroganz, seiner beleidigenden Herablassung gegenüber anderen Menschen, die so dumm gar nicht sind, wie er glaubt. Es hat nichts mit Aufklärung zu tun, was er da macht. Es ist das Gegenteil eines aufgeklärten Austauschs.

Das ist der Mann, den unsere Gesellschaft zum Oberaufklärer des Landes auserkoren hat, zum Johne Locke, David Hume, Voltaire unserer Zeit.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ein Teil von mir nach meinen Erfahrungen mit der GBS innerlich gestorben ist.

Quellen: Facebook 1, Facebook 2, Facebook 3