Eine Gesellschaft voller Punk-Verräter

Ist der Punk Mainstream geworden? Omis laufen mit bunten Haaren herum, jeder Zweite hat ein Tattoo und lebt in einer „offenen Beziehung“ oder einer Patchwork-Familie (ok, denke ich vielleicht nur, weil ich in Hamburg lebe), Zombie-Serien haben die Lindenstraße ersetzt, die Grünen bekommen in Bayern 19 Prozent und Lieder von den Ärzten und den Toten Hosen laufen im Radio.

Ich höre nun seit meiner frühen Jugend Punk-Rock und irgendetwas fühlt sich sehr falsch an an der Übernahme von Punk-Elementen durch die Mainstream-Gesellschaft. Etwas stimmt hier nicht. Sind auf einmal alle Punks geworden? Ich denke, hier geht etwas anderes vor sich. Etwas, das mich ankotzt.

Was auch immer diese Punk-Subkultur noch gewesen ist, sie stand immer für radikale Selbstbestimmung und Unabhängigkeit (darum haben Punks früher sogar ihre Klamotten selbst gemacht, statt sie bei EMP zu kaufen), für Rebellion gegen die Gesellschaft und für Sozialkritik. Entgegen dem heutigen Eindruck, Punk wäre notwendig links, war er in der Regel vielmehr anarchistisch oder anti-ideologisch ausgerichtet. Ein Punk, der für die kommunistische DDR-Führung eintrat, ist schlichtweg unvorstellbar.

Kann der Anti-Konformismus Mainstream sein?

Ich will nun niemandem vorschreiben, was nun Punk zu sein und nicht zu sein hat, was dem Prinzip hinter der Sache widerspricht. Genau das ist tatsächlich auch meine Aussage. Wenn Punk eines nicht sein kann, dann konformistisch – etwas, dass das Individuum in vorgegebene Bahnen presst. Also wie konnte ausgerechnet der Punk oder Elemente davon zur Mainstream-Kultur werden? Wie kann es sein, dass nun Polizisten mit Irokesenschnitt und Omis mit rot gefärbten Haaren herumlaufen und alle „Walking Dead“ ansehen (die Zombie-Filme gehörten in den 1970ern zur Gegenkultur)?

Ganz nach dem Prinzip von George Orwells „Neusprech“ werden den Menschen die Sprache und die kulturellen Ausdrucksformen genommen, die sie brauchen, um anders zu denken und rebellieren zu können. Wie soll heute jemand den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass er mit der vermeintlichen Alternativlosigkeit nichts anfangen kann, dass er selbst denkt und sich dem allgemeinen Unsinn und der Heuchelei entgegenstellt?

Heute sehen die Leute auf dem Kirchentag aus wie Punks, die Vorstände von Aktienunternehmen freuen sich aufs nächste Hosen-Konzert. Ist das der Sieg des Individualismus, der Selbstbestimmung, der Rebellion und der Autonomie? Nein, es ist derselbe verlogene Dreck in neuen Dosen. In unseren Dosen. Wenn ich das als Punk-Urgestein mal sagen darf.

Die Toten Hosen sind ein Vorzeigebeispiel für dieses als Punk verkleidete Anpassertum. Campino lobt immer wieder die Kanzlerin und wählt brav die Grünen, die Konformistenpartei für Anti-Konformisten. Kudell wirbt für den Vegetarismus, der trendiger kaum sein könnte. Und natürlich spielten die Hosen in Chemnitz, um gegen Fremdenhass zu demonstrieren, weil dort jemand von Flüchtlingen ermordet wurde (als Punk-Band gegen mordende Flüchtlinge zu demonstrieren, wäre schon wieder Punk im eigentlichen Sinne – ist also völlig tabu).

Zum Glück gibt es noch Punk-Bands, die im eigentlichen Sinne Punk-Bands sind, darunter Guttermouth und OHL. Guttermouth hat 2004 zum Beispiel bei der Warped-Tour, bei der sich Indie-Bands uniform gegen George W. Bush aussprachen, T-Shirts pro Bush verkauft, andere Bands für ihren Konformismus veralbert und schließlich aus Protest gegen die uninformierte, angepasste Politisierung die Tour verlassen. Noch immer sind ihre Songs unangepasst und auf ihre ganz eigene Art sozialkritisch. Und OHL, die ich hier häufiger zitiere – von denen braucht man ja nur irgendeinen Satz zu hören, um zu wissen, dass das auf eine gänzlich unangepasste Art Punk ist.

Ich bin mir nicht sicher, wie die deutsche „Terrorgruppe“ heutzutage einzuordnen ist, aber sie haben früher einen Song gegen grüne Gutmenschen geschrieben und mit diesem sogar die Punk-Bewegung aus ihrer Sicht definiert, der dem Mainstream-„Punk“ unserer Zeit entschlossen widerspricht. Ich finde, er fängt den „Punk-Spirit“ ziemlich gut ein:

Terrorgruppe: Ich bin ein Punk

Ja, wo ich geh und wo ich steh, weiß jeder alles besser

Doch ich hab das bess’re Argument, mein Schweizer Taschenmesser

Parolen, Gedresche von Links und von Rechts

Bin leider nur 10% politisch korrekt

Ich bin ein Punk

Ja, boykottiere dies und das, hör ich den ganzen Tag

Ich stehe auf McDonald’s, fress, was ich am liebsten mag

Und red‘ ich mal von Sex, bin ich gleich ein Sexist

Ja, alle wissen’s besser, doch nur ich, wie’s wirklich ist

Drum hört ihr Menschenfreunde, ich piss Euch ins Gesicht

Und setz mich dann Zuhause hin, und schreib Euch ein Gedicht

Ich schreib von Saufen und Gewalt, Sex und Anarchie

Die schöne Welt, die ich schon hab, die kriegt ihr von mir nie

Letzten Endes kleiden sich dieselben Strukturen und Denkweisen nur jetzt in Punk-Klamotten und haben bunte Haare. Es ist derselbe gedankenlose, konformistische, jede Eigenständigkeit unterdrückende Mist wie vor Jahrzehnten. Lasst Euch nicht täuschen.