Sollten wir über alles selbst nachdenken?

Der unabhängige Mensch, der für sich selbst denkt, löst bei Anpassern eine besondere Art von Hass aus. „Sie werden alles akzeptieren außer einen unabhängigen Menschen“, wie Ayn Rand über Konformisten bemerkte. „Sie erkennen ihn sofort. …Es gibt eine spezielle, heimtückische Art von Hass auf ihn.“ Aber ist es die Sache eigentlich wert, können und sollen wir wirklich über alles selbst nachdenken?

Man wird als unabhängiger Mensch für seine Tugenden gehasst. Nicht für seine Fehler, sondern weil man über bestimmte Dinge unabhängig nachgedacht und sich informiert hat und weil man darum etwas Nützliches weiß oder kann, und andere nicht. Das können sie darum nicht ertragen, weil sie meinen, dass sie doch alles richtig machen, wenn sie das wiederholen, was „die Gesellschaft“, von sich gibt. Und dann kommt einer daher und weiß es besser!

Das führt bei Anpassern zu Furcht und zu geradezu mörderischen Ressentiments. Für einen Konformisten oder „Second-Hander“ sind nämlich andere Menschen die Realität. Er fragt nicht, ob etwas wahr ist, sondern, was andere darüber sagen, ob es wahr ist. Er versucht nicht, Tatsachen zu erkennen und die Natur für seine Zwecke zu nutzen, sondern er versucht, den Geist anderer Menschen für sich zu gewinnen. Es ist die Art von Person, die kein ökonomisches Kraftwerk erfindet oder baut, sondern die Politiker besticht und die Bevölkerung belügt, um ihre unwirtschaftlichen Kraftwerke von Steuergeldern fördern zu lassen.

Konventionelle Menschen: Die Gelegenheits-Denker

Die meisten Menschen sind keine reinen Anpasser, sondern konventionell. Sie übernehmen unter Vorbehalt die Ideen und Verhaltensweisen anderer. Gibt es einen besonderen Anlass, bringen sie die Energie auf, selbst über ein Thema nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. Sie denken aber nicht systematisch und mit einer bestimmten Methode über die Welt nach, sondern verlassen sich auf den „gesunden Menschenverstand“.

Sie fragen manchmal, was die Wahrheit ist und manchmal, was andere denken, was die Wahrheit ist. Das hängt davon ab, was sie für ihr unmittelbares Interesse halten und wie aufwendig es ist, über eine Sache nachzudenken. Wenn es dem Anschein nach „funktioniert“, was sie aktuell so tun und glauben, ist das gut genug für sie. Im philosophischen Sinne haben konventionelle Menschen, also die meisten Menschen, keine Moral.

Ein philosophischer Mensch fragt, welche Ethik wahr ist. Ein konventioneller Mensch fragt, wozu er Ethik und somit Philosophie überhaupt braucht. Kann ich damit ein konkretes, aktuelles Problem lösen? Kann ich damit jetzt gerade Geld verdienen?

Die Ethik dient als systematische Richtlinie für das menschliche Verhalten, ein ganzes Leben lang – „Du sollst nicht stehlen“ ist ein einfaches Beispiel für eine ethische Richtlinie. Wer eine systematische Ethik lebt, der hat für sich die Frage beantwortet, welche Art von Mensch er sein möchte. Zum Beispiel ein pflichtbewusster, ehrenhafter Mensch oder ein unabhängiger, gerechter Mensch, ein Held wie Achilles, ein Held wie Superman etc.

Wer keine Ethik lebt, der irrt durchs Leben und tut auf gut Glück, was ihm gerade das Richtige oder in seinem Interesse erscheint. Er lernt dann mit der Zeit, dass er sich hier und da irrt und hier und da Recht hat. Würde er sich mit Philosophie befassen, könnte er sich viele bittere Lektionen ersparen. Und ja, man kann damit Geld verdienen, weil ein moralisches Leben honoriert wird.

Haben die Konservativen Recht?

Die Gegenaufklärer – der ursprünglichen Konservativen – sind der Auffassung, dass es schlicht unmöglich sei, über alles selbst nachzudenken. Man wird soziale Konventionen übernehmen und anderen glauben müssen, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wenn man über alles selbst nachdenkt, kommt eine Menge Unsinn dabei heraus. An die Stelle der Religion seien nicht die Vernunft, sondern viele, unkontrollierbare und unüberschaubare Varianten von Schwachsinn getreten, man nehme Verschwörungstheorien, Impfgegner, Esoterik, Buddhismus, etc.

Am Ende bin ich zur Überzeugung gelangt, dass Ayn Rand Recht hat und jeder Mensch tatsächlich über alles selbst nachdenken muss, das für ihn von irgendeiner Relevanz ist. Zwar ist eine Menge Unsinn an die Stelle der Religion getreten – aber sicher nicht deshalb, weil die Menschen nun unabhängig denken. Vielmehr führen sie die mystische Tradition weiter und klammern sich nun, wo die Religion nicht mehr zur Verfügung steht, an alle möglichen anderen Ideen, die zu ihrer irrationalen Denkweise passen, die ihnen durch magische Mittel Macht und Anerkennung versprechen. Der Glaube an Esoterik ist nicht das Resultat der Aufklärung, sondern das Resultat einer unvollendeten Aufklärung.

Was stimmt ist, dass Kinder zunächst ihren Eltern glauben müssen. Sie können nicht immerzu hinterfragen, ob dies oder das giftig ist, ob man Menschen wirklich nicht schlagen darf, die man hässlich findet, und was auch immer Kinder ohne Anleitung durch die Eltern so tun würden. Aber zum Erwachsenwerden gehört eben das Selber-Denken, und das hört nie auf. Je früher nach dem Kindesalter und je systematischer man beginnt, desto besser. Nicht selbst zu denken, bedeutet stets, die Verantwortung für die eigenen Worte und Taten auf andere zu schieben, also keine Verantwortung für sich zu übernehmen.

Wo bleibt die aufgeklärte Moral?

An die Stelle der christlichen Moral ist noch keine aufgeklärte Moral getreten, sondern Relativismus und Nihilismus. Statt dass sie wenigstens die zehn Gebote befolgen, halten konventionelle Menschen sich jetzt nicht einmal mehr an einfache Regeln wie „Du sollst nicht lügen“, „Du sollst nicht ehebrechen“ und „Du sollst nicht stehlen“. Schließlich gibt es ja keinen Gott, wie diese schlauen Menschen sagen, also entfallen mit ihm auch diese Richtlinien.

In Hamburg gibt es zum Beispiel Werbeplakate, die für eine „diskrete“ Gelegenheit werben, fremdzugehen, also Ehebruch (oder Lebensabschnittspartnerbruch) zu begehen. Moralisch ist das verwerflich, so ähnlich wie eine Werbung für eine diskrete Gelegenheit, eine Bank zu überfallen. Hamburg ist ohnehin Sodom und wird hoffentlich bald von Gott vernichtet. Jedenfalls ist das ein gutes Beispiel für die Beliebigkeit, welche die christliche Moral ersetzt hat. Sie war zwar eine fehlerhafte Moral, aber sie war zumindest eine.

Das kann einen zwar aufregen und skeptisch machen, ob wir nicht doch besser beim Christentum geblieben wären, aber die Fehler hier bestehen darin, nicht genau hinzusehen, woher diese Entwicklung kommt und darin, vom Determinismus auszugehen. Anders gesagt: Es hätte auch anders laufen können und es kann noch anders kommen. Leider gab es im 18. Jahrhundert noch keine Ayn Rand oder einen vergleichbaren Aufklärer und ihre objektiv begründete säkulare Ethik, sondern es gab nur ein Stochern im Nebel und Versuche, die christliche Moral zu säkularisieren.

Es ist also nur logisch, dass wir uns in der jetzigen, unbefriedigenden Position befinden. Das ist aber kein Anlass, sich das Christentum zurückzuwünschen, sondern ein Anlass, das Projekt der Aufklärung zu vollenden.