Große Kinder und Erwachsene

„Werde doch endlich erwachsen“, haben sie mir gesagt und wollten dann nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich weiß nicht, was an mir spezifisch nicht erwachsen sein soll, aber vermutlich gibt es einiges. Grundsätzlich klingt das nach einer guten Idee. Wir sollten alle versuchen, erwachsen zu werden. Was wir vermeiden sollten: Ein großes Kind zu sein und uns selbst dafür auf die Schulter zu klopfen, wie erwachsen wir vermeintlich sind.

Wie von mir zu erwarten, habe ich wieder einmal genau über diese wohl eher gedankenlos dahingesagten Worte nachgedacht und sie im Detail analysiert. Ich glaube, Folgendes sind die Unterschiede zwischen Kindern, Großen Kindern und Erwachsenen.

Kinder: Potenzial für Gut und Böse

Kinder sind sehr ehrlich und direkt, was große Kinder als „naiv“ bezeichnen. Wenn ein Kind seinen Pudding hasst, dann spuckt es ihn aus und sagt: „Ich hasse den Pudding, Bäh!“ Kinder lösen Konflikte oft mit Beleidigungen und Gewalt. „Du hast mein Spielzeug geklaut, Deine Mutter ist schwul, ich hau Dir in die Fresse!“ Ausgehend von ihrer Neigung zu Beleidigungen und Gewalt, können sich Kinder zu Großen Kindern oder zu Kriminellen entwickeln. Da sie aber auch ehrlich und direkt sind, haben sie das Potenzial, zu Erwachsenen zu werden.

Große Kinder: Stecken Dir das Messer in den Rücken

Große Kinder lösen Konflikte selten mit direkter Gewalt, aber häufig mit unehrlichen Methoden wie Lügen, Einschüchterung, Bedrohung, Bestechung, Mobbing und allen Mitteln, die man als „hintendrum“ bezeichnen könne. Sie bewahren dabei stets nach außen hin den Anschein der Redlichkeit. Sie haben die Tugend der Kindheit in ihr Gegenteil verkehrt: Sie sind nicht mehr ehrlich und direkt, sondern unehrlich und indirekt. Große Kinder sind Schauspieler, die so tun, als wären sie Erwachsene. Es gibt fließende Übergänge zwischen Großen Kindern und Kriminellen.

Erwachsene: Sind ehrliche Händler

Erwachsene hingegen lösen Konflikte, indem sie ihre Interessen und ihre Probleme mit anderen Menschen ehrlich und möglichst höflich zur Sprache bringen, aber stets so, dass sie auch verstanden werden. Das ist die Grundbedingung für einen zivilisierten Austausch, der mit höherer Wahrscheinlichkeit für beide Seiten zufriedenstellend ausfällt. Erwachsene erhalten die Tugenden der Kindheit und geben die Laster auf. Sie lösen Konflikte nicht durch Gewalt und nicht hintendrum, sondern ehrlich und zivilisiert.

Kriminelle: Das Böse

Schließlich gibt es auch noch Kriminelle, die weiterhin zu direkter Gewalt greifen wie Kinder und die obendrein zu indirekter Gewalt greifen wie Große Kinder, aber sie sind die Ausnahme.

Meiner Lebenserfahrung nach sind die meisten Menschen, die das Kindesalter hinter sich gelassen haben, Große Kinder. Ich habe bislang nur sehr wenige Erwachsene kennengelernt.

Mich selbst schätze ich als unvollkommenen Erwachsenen ein, weil ich nicht immer in der Lage bin, alle Gegenstände ehrlich und höflich auszusprechen (einiges ist ganz schön heikel). Im Gegensatz zu Großen Kindern oder Kriminellen versuche ich sie dann aber nicht, Konflikte mit hinterhältigen Methoden oder Gewalt zu klären, sondern sie bleiben ungeklärt, bis es mir gelingt, die Dinge anzusprechen, oder bis mein Handelspartner genug von mir hat. Da meine Handelspartner in der Regel Große Kinder sind, ist von ihrer Seite leider keine Klärung zu erwarten, sondern ein Messer in meinem Rücken.

Auf der Habenseite können die ganzen Messer, die inzwischen in meinem Rücken stecken, nicht mehr dazu verwendet werden, die aktuell populären Messerangriffe weiter in die Höhe zu treiben.