Eine Sekte namens Deutschland

Intellektuelle Auseinandersetzungen haben in Deutschland ein unterirdisches Niveau erreicht. Im Grunde finden sie nicht mehr statt. Das zeigte aktuell die Nicht-Debatte über den Migrationspakt im Bundestag. Es ging Politikern aller anderen Parteien nur darum, sich von der AfD zu distanzieren, eine inhaltliche Auseinandersetzung wagte man nicht. Und die AfD konnte ihr verschwörungstheoretisches Zeug unwidersprochen von sich geben.

Das macht die AfD stärker, denn sie kann nun behaupten, ihre Gegner hätten keine Argumente. Und so ist es offenbar auch. Nur sind die Argumente der AfD ziemlich schwach und niemand hat dies herausgestellt, weil es niemand für nötig hielt. Ein verhängnisvoller Fehler, wie Benedict Neff in der NZZ schreibt. Inhaltlich stimme ich Benedict Neff zu, falls sich jemand nun für meine Argumente und meine Position interessiert. Ich denke, dass sich die AfD über die Bedeutung des Migrationspakts irrt, er dürfte praktisch keine Konsequenzen haben, weil er Symbolpolitik ist. Die einzige Art von Politik, die noch gemacht wird.

Ich wurde auf Twitter darauf hingewiesen, dass ich in einem viele Jahre alten Blogeintrag die AfD als mögliche Option für liberale Wähler nannte, die mit der FDP unzufrieden waren. Also soll ich heute noch AfD-Unterstützer sein. Tatsächlich wurde die Partei damals, als Bernd Lucke noch an Bord war, von vielen Liberalen so wahrgenommen. Ich denke nicht, dass es heute noch viele so sehen (ich jedenfalls nicht). Man wusste damals einfach noch nicht, was man mit der Partei anfangen sollte, und sie hatte einige wirtschaftliberale Positionen. Diese alte Einschätzung einer damals neuen Partei macht mich natürlich heute nicht zu ihrem Unterstützer.

Was natürlich stimmt ist, dass die AfD inzwischen allerlei populäre Nicht-Mainstream-Positionen übernommen hat. Sie ergeben ein zusammenhangloses Konglomerat an liberalen, konservativen und reaktionären Forderungen, die sich logisch nicht unter einen Hut bringen lassen, außer eben als populistisches Sammelsurium für alle, die mit den Mainstream-Positionen nicht übereinstimmen. Der einzige Grund, den ich sehe, warum jemand so etwas tun sollte, ist der Wille zur Macht. Im Grunde tut die AfD dasselbe wie Merkel, nur mit den Positionen, die Merkel nicht besetzt hat.

So ergeben sich zwangsweise Überschneidungen von AfD-Positionen und allem, was nicht die Elitenideologie ist. Mir haben auch schon einige alte Bekannte aus meinen linken Tagen geschrieben, dass sie ebenso in die AfD-Ecke gesteckt werden, obwohl sie heute dasselbe sagen wie damals. Nur ist einiges davon, wie eine konsequentere Trennung von Kirche und Staat oder eine kritische Haltung gegenüber den undemokratischen EU-Institutionen, von der AfD besetzt worden, obwohl es vorher linke Positionen waren.

Nur, was soll ich als Intellektueller nun eigentlich machen? Wohin soll ich gehen? Ich nehme noch an Debatten in den linkslibertären Kreisen von Novo/Spiked und an Debatten im Umfeld des Ayn Rand Institute teil. Es ist mir aber unmöglich geworden, mit irgendeinem anderen Menschen noch über gesellschaftliche Themen zu sprechen. Das einzige Ergebnis solcher Versuche ist, dass ich entweder in die AfD-Ecke oder in die linksgrüne Gutmensch-Ecke gesteckt werde.

Tatsächlich hoffe ich inzwischen, dass ich nicht irgendwann von einer der beiden Sekten erschlagen oder erstochen werde. Davon abgesehen erwarte ich nichts mehr von meinen Mitbürgern. Lasst mich zufrieden und geht mir aus dem Weg.