Und Ethik ist trotzdem objektiv

Ich habe die Fehler von Ayn Rands Ethik differenziert dargestellt. Ich habe auch explizit klargemacht, was meiner Ansicht nach nicht aus ihren Fehlern folgt. Die meisten Repliken, die ich auf meine Beiträge über Rands fehlerhafte Ethik gelesen habe, waren vernünftig und auf ein besseres Verständnis ausgerichtet. Ich erhielt jedoch auch Zuschriften von Leuten, die offenbar nur darauf gewartet haben, dass wieder mal eine Ethik zusammenbricht, eine Welterklärung umkippt, damit sie endlich aufgeben und ihren beliebigen Launen folgen können. Da irren sie sich aber gewaltig.

Auch finde ich es verdächtig, dass „Ayn Rands Ethik ist falsch“ besonders oft geteilt wurde im Vergleich zu anderen philosophischen Beiträgen auf meinem Blog. Ich habe den Eindruck, dass manche nur darauf gewartet haben, dass Andreas endlich einmal einen Denkfehler begeht (hat Seltenheitswert) und andere sich nun enttäuscht abwenden mit dem Gedanken „Oh, es gibt ja doch keine objektive Ethik“. Einige Leser scheinen zu vergessen, dass ich bereits lange vor meiner Adoption von Rands Ethik für eine objektive Ethik argumentiert hatte und dass ich vorher bereits ein Neo-Aristoteliker gewesen bin. Siehe etwa meinen Artikel „Ethik für alle„, den ich als Meinungsbeitrag auf darwin-jahr.de für die Giordano Bruno Stiftung im Jahr 2010 verfasst hatte.

Damals vertrat ich die „Ziel-Theorie“ des US-amerikanischen Philosophen Richard Carrier. Der ethische Maßstab ist laut dieser Theorie das individuelle glückliche Leben des Menschen anstelle des individuellen Überlebens laut Rands Theorie.

„Ein glückliches Leben zu führen, das ist ein universelles menschliches Verlangen, also eines, das bei jedem Menschen von Natur aus eingebaut ist. Das Verlangen nach und somit der Wert der Glücklichkeit ist in Bezug auf den Menschen (= relativ) folglich objektiv gegeben. Darum ist eine Ethik, die auf dem Streben nach Glücklichkeit beruht, objektiv.“

Auch für ethische Prinzipien und persönliche Integrität hatte ich damals bereits argumentiert. Und auch nachdem ich die fehlerhaften Prämissen von Rands Ethik erkannt habe, teile ich weiterhin die grundlegend selben Positionen:

1. Ich bin Humanist

2. Ich bin Naturalist

3. Ich bin ein Neo-Aristoteliker

4. Ich vertrete eine objektive, auf den Tatsachen beruhende, universelle Ethik

5. Ich bin liberal

Das sind nun schon seit über zehn Jahren meine Überzeugungen, einige vertrete ich bereits seit über 15 Jahren. Es hat sich nichts Grundlegendes daran geändert. Vielmehr haben sich nur Details geändert, so bin ich heute ein nicht-reduktionistischer Naturalist und ursprünglich war ich ein reduktionistischer Naturalist. Ich vertrat einige Jahre lang den Objektivismus (der zu den neo-aristotelischen Philosphien zählt) und heute nenne ich mich wieder allgemeiner „Neo-Aristoteliker“. Ich habe bislang zwei verschiedene Versionen einer objektiven Ethik vertreten, die ich beide als fehlerhaft erkannt habe, und nun vertrete ich eine dritte, deutlich komplexere Version. Weil das Leben, wie sich herausgestellt hat, nun einmal ganz schön kompliziert ist. Ich war einmal linksliberal und heute bin ich (noch immer) libertär, also radikal liberal.

Ich bin froh, dass ich die Fehler in Rands Ethik erkannt habe, denn so kann ich einen Schritt weiter in Richtung Wahrheit gehen. Genau so funktioniert Philosophie.

Ich habe nicht den geringsten Respekt vor Menschen, die nun das Handtuch werfen, nur weil sich gezeigt hat, dass ein philosophisches System bestimmte Fehler (und noch immer viel Wahres) enthält. Ein philosophisches System ist eine vollständige Welterklärung, so etwas ist unglaublich schwierig zu entwickeln, unfassbar komplex und ich war höchst erstaunt und beeindruckt, und bin es heute noch, wie wenige Fehler Ayn Rand beim Versuch gemacht hat, eine umfassende Welterklärung zu entwickeln. Was habt ihr eigentlich derweil gemacht?

Diejenigen, die ernsthaft an Philosophie interessiert sind, werden weiterhin gehaltvolle Beiträge im Feuerbringer-Magazin finden. Die nächsten drehen sich um Ayn Rands unzureichende Verteidigung individueller Rechte und um die Willensfreiheit, die ich noch immer verteidige.

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