Auf Wiedersehen, Gesellschaft

Ich ziehe mich in die Filterblase der Aufklärung zurück und trete nicht mehr in den Dialog mit der breiten Gesellschaft.

Meinungsfreiheit ist nicht das Problem

Michael Miersch hat bei den Salonkolumnisten einen empfehlenswerten Artikel namens Gibt es Meinungsfreiheit? publiziert, in dem er einige gute Beobachtungen über die „miese Streitkultur“ in Deutschland macht. Er stellt zunächst fest, dass Minderheiten schon immer sozial ausgegrenzt wurden und dass Deutschland die Meinungsfreiheit weiterhin garantiert, also niemand von der Polizei abgeholt wird, wenn er eine unangepasste Meinung vertritt. Das kann ich, als Experte für unangepasste Meinungen, bestätigen.

Allerdings sind zwei neuere Phänomene hinzugekommen, die Nonkonformisten ihre soziale Ausgrenzung „heute als besonders hart empfinden“ lässt. „Erstens: Sie werden häufig ungerechterweise in die AfD-Ecke gestellt“, denn „[a]rgumentationsschwache Kirchentagsgeister schätzen argumentationsschwache Gegner. Also schubsen sie jeden, der ihnen nicht passt, möglichst schnell in die AfD-Ecke.“

Zweitens ist der politische Streit „von Kuschelrhetorik und Pöbelei abgelöst worden.“ Einerseits werden strittige Themen ausgeklammert, die bloße Wahrnehmung abweichender Meinungen abgelehnt, und andererseits wird herumgepöbelt statt argumentiert. „Statt mit Argumenten zu streiten, werden Andersdenkende als Person angegriffen und hemmungslos beschimpft.“

Was genau müssen wir aushalten?

Nun steht die Frage im Raum, wie man damit umgehen soll. „Wer eine halbwegs stabile psychische Konstitution besitzt, muss es aushalten können“, so Miersch. „Man kann Freunde verlieren, aus Gruppen ausgeschlossen werden, nicht mehr zur Party eingeladen werden, vielleicht sogar einen Rüffel vom Chef bekommen.“ Oder alles davon. Oder alles davon zugleich. Oder alles davon zugleich, immer wieder. Es ist kein Wunder, dass manche freie Geister durch jene „sanfte Gewalt“ gezähmt werden und sich eines dieser öffentlichen Gesichter, dieser Masken anlegen, und so tun, als wären sie auch einer von denen. Wenn sie nicht wirklich zum Konformisten werden.

Warum wird die aufgeklärte Debattenkultur inzwischen grundlegend von der breiten Gesellschaft abgelehnt, obwohl diese Kultur die freie und offene Grundordnung konstituiert – weil sie das tut? Doch uns Hardcore-Freidenker braucht das alles nicht zu kümmern, meint Miersch. „Aber hey, liebe Andersdenkende, warum wollt ihr denn von diesen langweiligen Mainstreamern geliebt werden?

Will ich natürlich nicht. Aber das ist keineswegs die Frage, die wir uns heute stellen müssen. Wir mussten es schon immer aushalten, dass andere uns nicht zustimmen und dass irgendwelche Anpasser-Idioten uns ausgrenzen, das ist es aber nicht, was sich verändert hat. Die Frage lautet vielmehr: Warum sollten wir überhaupt weiterhin versuchen, mit einer Gesellschaft in den Dialog zu treten, die nur noch Kuschelrhetorik und Pöbelei kennt, und die sich dadurch für jeden vernünftigen Dialog disqualifiziert?

Regime der Kuschler und Pöbler

In meiner Freidenker-Filterblase gibt es große Meinungsdifferenzen, aber einheitliche Denk- und Argumentationsregeln (dass man denkt und argumentiert!). Ich teile den Eindruck von Miersch, dass die breite Gesellschaft sie jedoch aufgegeben hat. Also: Auf Wiedersehen, Gesellschaft.

Schreibe ich etwa einen kleinen Kommentar zur Tagespolitik, werde ich entweder angepöbelt oder ich ecke bei den Harmoniebedürftigen an. Praktisch jedwede Äußerungen zu breit „diskutierten“ Themen werden als eine Einladung verstanden, jemanden durch selektive Wahrnehmung in die AfD-Ecke zu stecken oder sich darüber zu empören, aber sie werden nicht mehr als Einladung wahrgenommen, die eigenen Argumente zu schärfen und die eigene Meinung kritisch zu prüfen.

Der einzige Kontext, in dem Tagespolitik noch eine Rolle in meinen Artikeln spielen kann, sind daher umfassendere kulturelle Analysen, welche die breite Gesellschaft nicht versteht oder liest. Ich ziehe es also vor, Artikel und Essays zu schreiben, welche die Kuschler und Pöbler nicht mehr kommentieren können, ohne sich zum Affen zu machen, weil sie schlichtweg zu dumm und ungebildet sind, um sie überhaupt zu begreifen. Übrig bleiben vernünfige Menschen, mit denen man sich auf einem gewinnbringenden Niveau auseinandersetzen kann. Das hat natürlich Nachteile. Bislang habe ich oftmals für eine breitere Leserschaft geschrieben und so konnte ich auch einige für Philosophie begeistern, die es sonst nie gekümmert hätte.

Ausgrenzung der Anpasser

Wer etwa einen kommenden Blogeintrag von mir zur Willensfreiheit kommentieren möchte, muss schon genau darüber nachdenken und wissen, was er tut. „Du gehörst doch zur AfD, weil, weil … Du irgendwas über Qualia geschrieben hast und … selbstreferenzielles Bewusstsein, Kausalität im Unterschied zum Determinismus, wie Gauland, und, und … Ich werde aufzeigen, dass Du ein totaler Nazi bist, sobald ich … ja, sobald ich all die Fächer studiert habe, die dafür nötig sind, das zu verstehen, was Du schreibst!“

Ich ziehe mich also, wie so viele heute, auch in eine Filterblase zurück, nur ist meine die Filterblase der Aufklärung, in der es viele verschiedene und dabei fundierte Meinungen und rationale Diskussionen gibt. Es ist Zeit, dass ich auch einmal jemanden ausgrenze: die bescheuerten Anpasser.

Im Übrigen verbanne ich auch einige ältere politische Kommentare ins Archiv, meine große Säuberung. Ich werfe keine Perlen mehr vor die Säue.