Ayn Rands Ethik ist falsch: Teil 3 über individuelle Rechte

Wir sollten die Rechte unserer Mitbürger respektieren. Wir können demnach tun und lassen, was wir möchten, solange wir andere nicht in derselben Freiheit einschränken. Die US-amerikanische Philosophin Ayn Rand führt für diese radikal-liberale Position eigene, auf einer egoistischen Ethik beruhende Argumente an. Eine solche Achtung der individuellen Rechte anderer Menschen sei Rand zufolge in unserem eigenen Interesse.

Zwar nennt die Denkerin überzeugende, in der Regel kaum beachtete egoistische Gründe für die Achtung individueller Rechte, doch sie gelten nur innerhalb einer Gesellschaft, wo der Respekt für die Rechte anderer bereits konsequent durch Institutionen geschützt wird. Und das ist ein ernsthaftes Problem. Eine solche Gesellschaft existiert nämlich nicht.

In früheren Zeiten hätte ein Objektivist ein Sklavenhalter sein und das mit Rands Ethik rechtfertigen können – auch wenn Rand das persönlich wohl abgelehnt hätte. Auch in heutigen westlichen Gesellschaften dürfte ein Objektivist bestimmte Gelegenheiten nutzen, andere gewaltsam auszubeuten. Rand war das Ausmaß der Implikationen ihres ethischen Maßstabs sicherlich nicht klar, aber Ari Armstrongs Argumente in „What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics“ zeigen auf, wohin ihre Logik führt.

Der egoistische Sklavenhalter

Warum sollte etwa ein egoistischer Sklavenhalter im Amerika des 18. Jahrhunderts seine Sklaven befreien? Rands Ethik dient dem individuellen Überleben und inwiefern wäre es dem Überleben des Sklavenhalters förderlich, seine Sklaven zu befreien und ihnen eine Entschädigung zu zahlen? Sklaverei war damals gesellschaftlich akzeptiert und gehörte zum Alltag. Ein Sklavenhalter konnte ganz offen operieren, es wurde sogar von ihm erwartet, und er war seinerseits nicht gefährdet, selbst als Sklave zu enden. Schädigt die Sklaverei dem moralischen Charakter des Sklavenhalters? Nicht laut Rands Ethik, denn die Moral dient schließlich letztlich dem individuellen Überleben.

Es wäre denkbar, dass ein Anhänger von Rands Ethik zu jener Zeit seine Sklaven humaner behandelt, sie vielleicht bezahlt und sie nach seinem Tod befreit hätte, wie es etwa George Washington tat, aber er hätte sie nicht befreit. Das wäre nicht im Interesse seines Überlebens auf lange Sicht gewesen.

Ich sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es hier explizit um die Implikationen von Rands Ethik geht, von der ich mich verabschiedet habe. Ich bin der Meinung, dass Sklaverei sehr wohl immer falsch ist, aber diese Position lässt sich nicht auf Grundlage von Rands Ethik, wie sie diese in ihren philosophischen Büchern erläutert, begründen. In jenen finsteren Zeiten wäre es ein heroischer Akt für einen Sklavenhalter gewesen, die eigenen Sklaven zu befreien und sie gar noch zu entschädigen, aber genau das wäre das ethisch Richtige gewesen.

Das gewaltsame Streben nach Werten

Tatsächlich gilt Rands Grundsatz, dass wir niemals Werte durch Gewalt anstreben dürfen, nur in einer Gesellschaft ohne institutionalisierte Gewalt. Eine solche Gesellschaft existiert heute allerdings nicht. Ein Beispiel für institutionalisierte Gewalt ist der Wohlfahrtsstaat, der Menschen durch staatliche Zwangsmaßnahmen einen Teil ihres Einkommens nimmt und es auf andere Menschen umverteilt. Rand machte selbst Gebrauch von der staatlichen Gesundheitsfürsorge und argumentierte, dass sie schließlich auch eingezahlt habe. Mit anderen Worten ist es demnach durchaus legitim, sich in unseren halbfreien Wohlfahrtsstaaten gewaltsam an anderen Menschen zu bereichern.

So wäre es demnach auch ethisch legitim, als staatlich finanzierter Lehrer, Professor (so viel zu meiner Idee, mich aus moralischen Gründen dagegen zu entscheiden) oder sonstiger Beamter zu leben oder gar als Mitarbeiter beim Kartellamt – Objektivisten lehnen derweil das Kartellrecht ab. Man könnte legitimerweise so ziemlich alles tun, was die Art von Institution stützt, die es in Rands perfekter Gesellschaftsordnung, dem Laissez-faire-Kapitalismus, nicht mehr geben soll. Wenn es um das individuelle Überleben als ethischen Maßstab geht, dürften Objektivisten als „Parasiten“ (wie Rand das nannte) leben und als staatlich sanktionierte Räuber. Schließlich ist Rands Ethik nur „kontextuell“ absolut und nicht, na ja, absolut absolut.

Auch ein „Free Rider“ zu sein, wäre mit einer Überlebens-basierten egoistischen Ethik kompatibel. Hier ist die Wohlfahrt wieder ein Beispiel. Egoistische Objektivisten könnten von privat finanzierten Wohlfahrtsprogrammen profitieren, ohne jemals selbst in sie einzuzahlen. Genau das ist ein Argument für unseren Wohlfahrtsstaat, nämlich dass alle, die es können, auch einzahlen müssen. Wir profitieren heute, ein anderes Beispiel, alle von unserer halbfreien Gesellschaft in Deutschland, und doch tun nur wenige etwas für Freiheit und Demokratie. Die meisten Menschen sind Nutznießer oder bekämpfen sogar unsere freiheitlich-demokratischen Grundwerte, ob aus Ignoranz oder mit Absicht.

Es gibt noch viel mehr zu sagen, aber wer sich näher für die Kritik an Rands Ethik interessiert, den muss sich an „What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics“ von Ari Armstrong verweisen.

Und was glaube ich nun?

Ich gebe zu, dass ich nun mit der objektivistischen Ethik und teils Politik einen wichtigen Teil meiner eigenen ethisch-politischen Orientierung verloren habe. Ich war aber schon früher, bevor ich auf Rands Schriften gestoßen war, ein liberaler Humanist und ich bin es weiterhin. Es gibt, unabhängig von Rand, sehr gute Gründe dafür. Meine Ethik orientiert sich nun am individuellen menschlichen Leben und nicht mehr am bloßen Überleben. Was genau das bedeutet, ist allerdings schwer zu beantworten, und daran arbeite ich nun.

Zu Teil 1: Ayn Rands Ethik ist falsch

Zu Teil 2: Über Kinder, Berufswahl und Pflichten