Was die Willensfreiheit nicht ist

Die Willensfreiheit ist angeblich irgendein mystischer Unsinn wie Gott oder Unsterblichkeit. Diese drei Ideen wollte Immanuel Kant jedenfalls im selben Atemzug verteidigen, als hätten sie es gleichermaßen nötig. Heute haben sich vor allem viele Naturwissenschaftlicher von der Idee der Willensfreiheit abgewandt. Ich denke, sie irren sich damit, aber ich stimme ihnen insoweit zu, als bestimmte Ideen darüber, was die Willensfreiheit sein soll, unplausibel sind.

Ich denke, dass die Willensfreiheit nicht übernatürlich oder übernatürlichen Ursprungs ist, sie geht nicht auf Zufall zurück (Indeterminismus), sie ist nicht außerhalb der Kausalität verortet, sie ist keine Substanz und sie gilt auch nicht zugleich mit dem Determinismus („Kompatibilismus“). Was bleibt da überhaupt noch übrig? Das verrate ich im nächsten Beitrag zum Thema. Hier geht es erst einmal darum, was die Willensfreiheit alles nicht ist und warum.

  1. Religion: Gott soll dem Menschen die Willensfreiheit gegeben haben. Es gibt viele unterschiedliche Auffassungen unter gläubigen Menschen darüber, warum er das getan hat, wozu sie da ist und wie die Willensfreiheit mit Gottes Allmacht und Allgüte vereinbar sein könnte. Da Gott eine willkürliche Behauptung darstellt, die geglaubt werden muss, braucht diese Idee über die Willensfreiheit nicht näher erwogen zu werden.
  2. Indeterminismus: Zumindest einige unserer Handlungen werden laut dem Indeterminisms durch Zufall ausgelöst. Oftmals wird dieser Zufall auf Vorgänge auf der atomaren oder subatomaren Ebene zurückgeführt, wie schon vom griechischen Philosophen Epikur. Indeterministen sehen sich oftmals als Vertreter der Willensfreiheit, doch freie Handlungen können nicht auf Zufall beruhen. Sind die eigenen Handlungen zufällig (unverursacht), dann lassen sie sich schließlich nicht auf unseren freien Willen und unsere bewusste Kontrolle zurückführen. (Davon abgesehen gehe ich aufgrund metaphysischer Überlegungen von einem vollkommen kausalen Universum ohne Zufall aus).
  3. Kompatibilismus: Der Kompatibilismus hält die Willensfreiheit und den Determinismus für vereinbar. Der Willensfreiheit zufolge kann ein Mensch unter gegebenen Umständen unterschiedlich handeln. Dem Determinismus zufolge kann ein Mensch unter gegebenen Umständen nur auf eine Weise handeln. Das führt zu gewissen Problemen, wenn beide Ideen für vereinbar erklärt werden.

Einer weit verbreiteten Auffassung zufolge sind wir dem Kompatibilismus zufolge frei, wenn wir unabhängig von physischem Zwang handeln können. Unser Wille wäre aber weiterhin von internen Faktoren (Gehirn, Gene, etc.) bestimmt, also nicht wirklich frei. Ein besserer Begriff für die Freiheit von physischem Zwang wäre daher „Handlungsfreiheit“.

Einer weiteren kompatiblistischen Vorstellung zufolge sollen wir die Wahl haben, nicht einfach unseren Leidenschaften zu folgen, sondern alternativ auf unseren Verstand zu hören. Die duale Wahl soll also aus Verunft und Gefühl bestehen. Das bedeutet allerdings, dass wir nur auf diese schon bestehende Wahl reagieren könnten. Unbeantwortet bleibt die Frage, auf welcher Grundlage und wie wir diese Entscheidung treffen. Zudem soll der eigentliche Denkvorgang automatisch ablaufen und wir können ihn nur akzeptieren, ihn aber nicht durchführen (also frei denken). Wir entscheiden uns offenbar nicht auf Grundlage der Vernunft oder des Gefühls für Vernunft oder Gefühl.

Aus kompatiblistischer Sicht wäre ein freier Willensakt am Ende auf eine unverursachte Ursache zurückzuführen und somit ein Ding der Unmöglichkeit. Letztlich lassen sich Determinismus und Willensfreiheit also nicht vereinbaren. Sie scheinen sich nicht nur zu widersprechen. Sie widersprechen sich.

(Philosophischer) Libertarismus: Der Libertarismus geht von der Willensfreiheit aus und davon, dass der individuelle Mensch ein Akteur mit einer kausalen Kraft ist. Wir können unter gegebenen Umständen demnach verschiedentlich handeln und wir tragen, zumindest bis zu einem gewissen Grad, die „Letztverantwortung“ für unsere Handlungen. Auch wenn ich den meisten Vertretern des Libertarismus bei der Art, wie sie die Willensfreiheit erklären, widerspreche, gehe ich auch davon aus, dass wir unter gegebenen Umständen verschiedene Entscheidungen treffen und auf ihrer Grundlage handeln können und dass wir, bis zu einem gewissen Grad, die Letztverantwortung für unsere Handlungen tragen.

Wie das funktionieren soll, erläutere ich in kommenden Beiträgen.