Aus dem „Katechismus der Deutschen“

Ich möchte hier meine drei Lieblingskapitel aus Heinrich von Kleists „Katechismus der Deutschen“ aus dem Jahr 1809 zitieren. Kleist formuliert darin mächtige Gedanken, die zum Nachdenken anregen und die ich nicht vergessen kann, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe. Es geht um die Fragen: „Warum sollten wir unser Vaterland lieben“?, „Wie ist der zu bewerten, der zu grundlegenden Fragen keine Partei ergreift?“ und „Welches Opfer ist die Freiheit wert?“

Von der Liebe zum Vaterlande

Frage. Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?

Antwort. Ja, mein Vater; das tu ich.

Frage. Warum liebst du es?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist.

Frage. Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?

Antwort. Nein, mein Vater; du verführst mich.

Frage. Ich verführte dich?

Antwort. – Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst, und allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr gesegnet, als Deutschland. Gleichwohl, wenn deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.

Frage. Warum also liebst du Deutschland?

Antwort. Mein Vater, ich habe es dir schon gesagt!

Frage. Du hättest es mir schon gesagt?

Antwort. Weil es mein Vaterland ist.

Eine Nebenfrage

Frage. Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel oder in die Hölle?

Antwort. In den Himmel. Frage. Und der, welcher haßt?

Antwort. In die Hölle.

Frage. Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?

Antwort. Welcher weder liebt noch haßt?

Frage. Ja! – Hast du die schöne Fabel vergessen?

Antwort. Nein, mein Vater.

Frage. Nun? Wohin kommt er?

Antwort. Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.

Schluß

Frage. Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von Österreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben?

Antwort. Nein, mein Vater.

Frage. Warum nicht?

Antwort. Weil Gott der oberste Herr der Heerscharen ist, und nicht der Kaiser, und es weder in seiner, noch in seines Bruders, des Erzherzog Karls Macht steht, die Schlachten so, wie sie es wohl wünschen mögen, zu gewinnen.

Frage. Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und das Land verheert worden.

Antwort. Wenn gleich, mein Vater.

Frage. Was; wenn gleich! – Also auch, wenn alles unterginge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch billigen?

Antwort. Allerdings, mein Vater.

Frage. Warum?

Antwort. Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben.

Frage. Was aber ist ihm ein Greuel?

Antwort. Wenn Sklaven leben.

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/politische-schriften-des-jahres-1809-5888/1