Ehe für alle und das dritte Geschlecht

Was bedeutet „Ehe“ eigentlich heutzutage? Wozu ist es gut? Und kann man sagen, dass es ein – oder kein – „drittes Geschlecht“ gibt?

Das dritte Geschlecht und die Identitätspolitik

Aus biologischer Sicht gibt es im Grunde nur zwei Geschlechter, allerdings gibt es sehr „männliche“ Frauen und sehr „weibliche“ Männer. Es existieren auch Intersexuelle, die aus genetischen Gründen eine Mischung aus männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen besitzen (Adrenogenitales Syndrom). Falls nun jemand, der sich „Zwischen den Stühlen“ fühlt, als Mitglied eines dritten Geschlechts verstehen möchte – warum eigentlich nicht?

Als fragwürdig empfinde ich vielmehr die Politisierung dieses Themas im Kontext der Identitätspolitik. Menschen werden dabei in verschiedene Opfergruppen unterteilt, obwohl sie sich selbst nicht unbedingt so verstehen oder nicht unbedingt wirklich Opfer, Ausgegrenzte, Unterdrückte sind. So haben Intersexuelle, wie alle Menschen, verschiedene Rollen und Identitäten im Leben. Sie sind etwa deutsche Staatsbürger, Arbeitnehmer, Steuerzahler, Freunde, Söhne, Töchter (oder als was sie sich eben verstehen), Sozialdemokraten, Liberale oder gar Konservative. Wir sind eben nicht nur unsere geschlechtliche und sexuelle Identität.

Ich selbst verstehe mich vor allem als Philosoph und als klassisch liberaler Humanist. Mich interessiert die Qualität der Argumente einer Person, wie sie zu ihren Aufassungen gelangt, und auch die Person als individueller Mensch. Alles andere ist mir die meiste Zeit völlig egal. Nun werde ich offenbar als „weißer Hetereo-Cis-Mann“ oder ähnliches eingeordnet, was fast gar nichts über mich aussagt. Aber es passt bestimmten Ideologen und Politikern so ins Konzept, Menschen auf ihre Rasse, ihr Geschlecht oder ihre sexuelle Orientierung zu reduzieren. Ich finde es menschenverachtend.

Was bedeutet Ehe?

Ehe wurde einst als lebenslange Verbindung zwischen Mann und Frau verstanden, die ihre gemeinsamen Kinder zusammen aufziehen. Eheleute waren eine wirtschaftliche Einheit, teils eine rechtliche Einheit, und die Partner standen sich in allen Lebenslagen bei, „in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet“. Nicht zuletzt diente die Ehe dem Schutz und dem Aufzucht der Kinder. Die Eltern waren Verpfleger, Erzieher, Rollenvorbilder – der Vater war etwa wichtig, um dem männlichen Nachwuchs Grenzen aufzuzeigen.

Eine so intensive Verbindung war natürlich immer auch eine Herausforderung und bedeutete Einschnitte bei der individuellen Freiheit und eine Notwendigkeit, über die eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und sie gegebenenfalls zurückzustellen – vor allem für die Kinder.

Dann diente die Ehe nicht mehr unbedingt dazu, gemeinsame Kinder aufzuziehen. Mann und Frau konnten auch ohne Kinder verheiratet sein. Damit entfiel ein wichtiger Sinn der Ehe, nämlich die Familie und die Gesellschaft fortzusetzen. Ehe war eher eine Art von ausgedehnte Liebesbeziehung mit der Möglichkeit, Geld zu sparen. Auch Scheidungen waren immer problemloser möglich und die Ehe galt schließlich nicht mehr „in guten wie in schlechten Zeiten“, sondern nur noch in guten Zeiten. Und nicht mehr „bis dass der Tod uns scheidet“, sondern bis ein attraktiverer Partner den Ehepartner ersetzt.

Anschließend konnten auch Männer andere Männer und Frauen andere Frauen heiraten. Und beliebig wieder scheiden lassen. Falls Kinder darin vorkommen, werden sie entweder adoptiert oder durch eine „Leihmutter“ oder einen „Leihvater“ mit den Genen eines der Ehepartner gezeugt.

Ich denke, dass die Frage der „Toleranz“ an der Sache eher vorbeigeht. Ethisch betrachtet soll jeder mit jedem eine ernsthafte und ausgedehnte Liebesbeziehung führen können – warum auch nicht? Aber kann man sinnvollerweise bei jeder Beziehung dieser Art von einer „Ehe“ sprechen? Muss man das? Und was ist eigentlich mit den Kindern, seitdem jeder jeden heiraten und sich beliebig wieder scheiden lassen kann? Die Ehe diente nicht zuletzt dem Schutz der Kinder. Mit der Ausdehnung der „Ehe“ auf jede mögliche Beziehungskonstellation und der Einführung der beliebigen, nicht näher zu begründenden Scheidung ist der Kinderschutz entfallen.

Bei all dem Fortschritt, das traditionelle Konzept der „Ehe“ aufzuweichen und es allen zur Verfügung zu stellen, ist auch der Sinn der Ehe flöten gegangen. Warum überhaupt heiraten, wenn man sich sowieso gleich wieder scheiden lassen kann? Und wenn man ohnehin keine Kinder haben will oder sie mit dem nächsten Lover aufzieht, wenn der erste langweilig wird? Kann man das heutige Verständnis von „Ehe“ überhaupt noch sinnvollerweise so bezeichnen?

Jedenfalls kann nun jeder „heiraten“. Auch wenn es nichts mehr bedeutet. Und insofern lassen es immer mehr Menschen inzwischen bleiben. Das ist dann auch mein persönliches Problem mit dem Ehe-Relativismus: Ich suche stets nach Sinn, Bedeutung und Orientierung im Leben. Und überall werden in unserer Kultur Sinn, Bedeutung und Orientierung aufgelöst. Ergebnis ist der Nihilismus, die Ablehnung aller Werte.