Elite des Nichts

Was muss man denken, um im Westen dazuzugehören? Die Vertreter einer selbsternannten Mainstream-Elite verstehen sich als linksliberal, grün, einer demokratischen Mitte zugehörig, aufgeklärt und auf der Seite der Wissenschaft stehend. Eigentlich sind sie nichts davon.

Aufgeklärte Elite?

Der Soziologiestudent Terry Newman schrieb im Freidenkermagazin Quilette: „Mein Doktorvater konnte die Möglichkeit nicht völlig ausschließen, dass ich die Vorherrschaft der Weißen anstrebe. Wie Goebbels.“ Der Anlass? Newman hört sich gerne Podcasts des beliebten liberalen Comedians Joe Rogan an.

Eine Studie namens Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube des Forschungsinstituts Data and Society, finanziert von The New York Times, UNICEF, der Bill & Melinda Gates Foundation und anderen, verortet Rogan, zusammen mit diversen US-amerikanischen Konservativen, Liberalen und Libertären, auf einem „Netzwerk“ von YouTubern. Dieses Netzwerk wird von den Autoren als eine Art Einstiegsdroge für Nazis wie Richard Spencer angesehen. Warum? Sie gehören nicht zum „linken“ Mainstream. Und Nazis gehören auch nicht zum „linken“ Mainstream. Eine verdächtige Gemeinsamkeit, oder?

Zum Mainstream gehört dafür der Verschwörungsmythos rund um Trumps geheime Absprache mit Russland, die ihm den Wahlsieg verschafft haben soll. Wo sind die Belege?, fragten die Skeptiker. Warten wir auf den Bericht von Sonderermittler Robert Mueller, hieß es, der wird alles beweisen. Nun ist der Bericht da und er hat aufgezeigt, dass es keine Absprache mit Putin gegeben hat. Trump wurde nicht wegen einer Verschwörung gewählt. Jetzt suchen Trumps Mainstream-Gegner nach einer weiteren Geheimbund-Erklärung für den Wahlsieg.

Heuchelei und Ignoranz

Wie soll man diesen „intellektuellen“ Mainstream überhaupt bezeichnen? Er sieht sich selbst als ökologisch bewusst, linksliberal und zur demokratischen Mitte zählend an, aber er ist nichts davon. Wäre er ökologisch bewusst, dann würde er es nicht zulassen, dass Windräder Insekten und Vögel schreddern und dass die von ihm favorisierte ökologische Landwirtschaft aufgrund ihres Flächenverbrauchs mehr Arten bedroht als schützt. Und er würde die verlässlichen, effizienten und CO2-armen Atomkraftwerke befürworten und nicht Windräder und Solarenergie.

Wäre der Mainstream liberal, würde er Meinungsfreiheit verteidigen und nicht sämtliche Andersdenkenden in die Naziecke stecken und versuchen, ihnen Redeverbot zu erteilen oder ihre Karriere zu gefährden. Würde er zur demokratischen Mitte zählen, müsste er den Willen des englischen Volkes akzeptieren, die Europäische Union zu verlassen. Und keine Neuwahlen fordern, bis er seinen Willen bekommt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse akzeptiert diese „linke“ Elite nur selektiv. Beispielsweise sind biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die auch Denken, Wahrnehmung und Verhalten beeinflussen (nicht determinieren), wissenschaftlicher Konsens. Persönlichkeit und Intelligenz sind laut aktuellem Forschungsstand zu größeren Teilen angeboren. Gentechnik und Atomkraft erschaffen keine Mutantenmonster, sondern gehören zu den sichersten Technologien in der Geschichte der Menschheit.

Marx und Engels über das Nullwachstum

Dann wäre da noch die „linke“ Identität, die unser Eliten-Mainstream wie eine Errungenschaft vor sich herträgt. Die Linke hat allerdings bis zum Aufstieg der Grünen immer die wirtschaftliche und technologische Entwicklung befürwortet und wollte sie für die Massen zugänglich machen. Nun predigen selbsternannte Linke ein „Nullwachstum“. Was hätte Karl Marx davon gehalten?

Nun, das hat er selbst geschrieben. Karl Marx wollte die industrielle Gesellschaft nicht zerstören, sondern er verstand sie als Fortschritt gegenüber dem mittelalterlichen Feudalismus. Er lobte die Fortschritte des Kapitalismus und wollte diese zur vermeintlich nächsten Stufe weiterführen. So schrieb er im Kommunistischen Manifest:

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt.“

Marx und Engels über die Beherrschung der Natur

Natürliche Ökosysteme sollen wir schützen, meint jene grüne Mainstream-Elite. Wir sollen die Natur nicht mit Technologien wie der Gentechnik verändern (sondern nur mit älteren Technologien, welche der Natur viel mehr Schaden zufügen, wie in der ökologischen Landwirtschaft). Auch das sahen Marx und Engels völlig anders.

„Aber gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens, und im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs seine Intelligenz.“ (Friedrich Engels, Naturdialektik, MEW 20, 498.)

„Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen.“ (Karl Marx, Kapital III, MEW 25, 828.)

Nun verbringt jene „linke“ Elite ihre Zeit damit, den Menschen mit Tieren gleichzusetzen. So seien wir im Kern ein „nackter Affe“, ein „Trockennasenaffe“ und so weiter. All dies widerspricht ebenso den Überzeugungen von Karl Marx und Friedrich Engels. Tatsächlich hat ihre Idee einer staatlich gelenkten Planwirtschaft (die ich ablehne) ihren Ursprung in einem Verständnis davon, wie sich der Mensch vom Tier unterscheidet:

„Je mehr die Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an.“ (Friedrich Engels, Menschwerdung des Affen, MEW 20, 451.)

Karl Marx wäre kein Fan unserer „linken“ Elite

Von einer Weisheit der Naturvölker, von einem „edlen Wilden“, wie ihn unsere selbsternannten intellektuellen Führer propagieren, wollte Marx ebenso nichts wissen. Im Gegenteil träumte er von einem Ausrottungskrieg gegen „reaktionäre Völker“.

„Ich bin autoritär genug, die Existenz solcher Naturvölkchen mitten in Europa für einen Anachronismus zu halten. (….) so müssen sie (…) den Interessen des europäischen Proletariats ohne Gnade geopfert werden.“ (Karl Marx, MEW 35,283.)

„Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt.“ (Karl Marx, MEW 6, S. 168 – 176, Neue Rheinische Zeitung 13.01.1849.)

Ihr angebliches ideologisches Vorbild hätte die heutigen selbstbezeichneten „Linken“ mit ihrem Nullwachstum, ihren mittelalterlichen Windrädern und ihren edlen Wilden am liebsten in einem Weltkrieg ausgerottet. Weil Marx sie als reaktionär verstanden hätte, nicht etwa als progressiv. Offensichtlich halte ich nichts von genozidalen Visionen, der Punkt ist: Jemand, der sich als „links“ ansieht, obwohl ihn der wohl bedeutendste linke Denker am liebsten für seine reaktionäre Ideologie ermordet hätte, der sollte mal einen selbstkritischen Blick auf die Art seiner Überzeugungen werfen.

Was sind die Vertreter unserer Mainstream-Elite also wirklich? Sie sind nicht links, sondern gegen wirtschaftlichen und technischen Fortschritt, sie sind dabei nicht wirklich an Tier- und Klimaschutz interessiert, sie sind nicht rational, sondern glauben an Verschwörungsmythen, sie sind nicht liberal, sondern intolerant gegenüber Andersdenkenden, sie stellen sich gegen die Wissenschaft, wo sie ihnen nicht passt, sie sind nicht humanistisch, sondern setzten den Menschen mit Tieren gleich und demokratisch sind sie auch nicht, sobald jemand entgegen ihrer Interessen wählt. Aber was sind sie dann?

Sie sind das große Nichts, das an die Macht gelangt ist.