Was ist Gott wirklich?

Ich habe in letzter Zeit viel über Gott und Wunder nachgedacht. Wie das so ist mit philosophischen Atheisten, tun wir das weit häufiger als der durchschnittliche Gläubige. Ich bin dabei zu einem für mich neuen, philosophisch und psychologisch fundierten Verständnis gelangt, was „Gott“, Heilige und Propheten im Leben der Gläubigen wirklich darstellen – und ich verstehe jetzt, wozu die Idee von Wundern dient.

Gott als platonische Idee

Das Christentum hat bekanntlich starke neoplatonische Einflüsse. Es handelt sich nicht um eine bloße Interpretation der Bibel, sondern der christliche Glaube beruht auch auf den Ideen christlich-platonischer Philosophen wie Clemens von Alexandria, Origines und Augustinus. Ich denke, die platonische Ideenlehre ist ein hilfreicher Ansatz, die Idee von „Gott“ zu verstehen.

Der Ideenlehre zufolge haben die durch Allgemeinbegriffe bezeichneten Ideen eine von den Einzeldingen unabhängige Existenz. Will heißen: So etwas wie „Schönheit“ als solche, „Wahrheit“ als solche, „Gerechtigkeit“ als solche gibt es wirklich. Sie sind nicht nur Hilfskonstrukte im menschlichen Geist, die der menschlichen Erkenntnis dienen (letzteres besagt die objektivistische Epistemologie, der ich zustimme).

Darauf möchte Platon mit seinem bekannten Höhlengleichnis hinaus: Die Menschen sehen nur die Schatten der Ideen, aber nicht die eigentlichen Ideen dahinter. Platons Ideenlehre verweist die Eingeweihten auf eine Art übernatürliche Sphäre oder eine andere Dimension, wo die Ideen wie das Schöne oder das Wahre existieren. Für Platon sind diese Ideen göttliche Wesen. Und genau das ist in gewisser Hinsicht das Konzept „Gott“: Eine Einheit bestimmter platonischer Ideen.

Darum ist die religiöse Moral absolut

„Gott“ ist die höchste platonische Idee und besteht aus Ideen wie „Allmacht“, „Omniszienz“, „Omnipräsenz“, etc. Er ist für die Gläubigen in diesem Sinne das „Höchste“. Wenn jemand an Gott glaubt, dann bedeutet das meiner Interpretation zufolge, dass er versucht, sich an Ideen wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Schönheit zu orientieren – verstanden auf eine Weise, die über die Annäherungen im beobachtbaren menschlichen Leben hinausgehen.

Gläubige versuchen also nicht nur, sich auf weiße Lügen zu beschränken oder sich an einer „sozialen Gerechtigkeit“ zu orientieren, die ihren unmittelbaren Interessen dient, sondern sie orientieren sich an Wahrheit und Gerechtigkeit als absolute Ideen – daher ist die religiöse Moral auch als „absolute“ Moral bekannt.

Dieser Herangehensweise wohnt eine Art von Utopismus inne und so erklären sich auch die totalitären Exzesse, sobald eine Religion wie Christentum oder Islam die politische Macht in einem Land erobert hat: Ist jemand nicht absolut gut, entsprechend der göttlichen Idee des Guten an sich, dann ist er böse. Du sollst nicht lügen, Punkt, und wer sagt „Dein Kleid sieht hübsch aus“, obwohl das nicht so ist, muss sterben.

Wunder als Verbindung zur Ideenwelt

Propheten sind die „Verkünder der göttlichen Wahrheit“, wie sie Thomas von Aquin genannt hat, sie ergänzen das „Wissen“ über Gottes Willen um neue Aspekte. Heilige hingegen leben die bestehende religiöse Moral besonders vorbildlich und stehen damit den Ideen näher als andere. Propheten und Heiligen werden Wunder nachgesagt – diese sind Anzeichen für ihre Verbindung mit der Ideenwelt. Wer Menschen durch ein Wunder heilt, der ist der Idee des Guten näher als Normalsterbliche. Heilige und Propheten gelten als Helden und somit als Vorbilder und die Wunder, die ihnen nachgesagt werden, dienen dazu, ihre Funktion als solche zu untermauern.

Die religiöse „Erbauung“ dient als Motivation, sich an den Ideen zu orientieren. Der Gottesdienst und auch die Kunst erfüllen diesen religiösen Zweck, aber die Kunst ist meiner Ansicht nach nicht darauf beschränkt. Ein Kunstwerk verdinglicht die Weltanschauung des Künstlers, macht sie mit den Sinnen erfahrbar. Der Künstler muss keine religiöse Weltanschauung haben.

Darum führt der Glaubensabfall oft zum Nihilismus

Ich habe oft beobachtet, dass Menschen, die ihren Glauben verlieren, zu Nihilisten werden. Das ist auch naheliegend, da sie ihren Glauben an die Ideen verlieren und somit an das, woran sie sich bislang orientiert haben. Die Ideen sind ihre Werte und ohne Ideen, so erscheint es, keine Werte. Geht man allerdings nicht von der Ideenlehre aus und sieht Werte als weltlich an, dann ergibt sich daraus kein Nihilismus, sondern ein Streben nach weltlichen Werten. Dazu gehören materielle Werte wie Wohlstand, aber auch spirituelle Werte wie Liebe. Diese begründen sich dann nicht aus göttlichen Ideen, sondern aus biologischen und psychologischen Bedürfnissen.

Der Gedanke, dass wir alle Sünder sind, hängt damit zusammen, dass wir nie konsequent den Ideen entsprechend handeln, die Menschen sind nicht immer ehrlich, gut, schön und so weiter. Man kann die Tugenden der Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, etc. auch weltlich begründen und die Menschen als Sünder ansehen, wenn sie unehrlich, ungerecht etc. sind.

Ich denke, es steckt auch eine tiefe psychologische Wahrheit in der Auffassung, dass wir alle Sünder sind. Die moderne, empirische Psychologie und die evolutionäre Psychologie gelangen zunehmend zum Schluss, dass wir von Natur aus dazu neigen, uns in einem atemberaubenden Ausmaß selbst zu belügen und uns für ethisch viel besser zu halten, als wir es tatsächlich sind. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.