Als Deutschland von der Freiheit träumte

Ich möchte einige meiner Lieblingsgedichte mit meinen Lesern teilen. Sie stammen aus dem deutschen Vormärz, als Mitte des 19. Jahrhunderts das Bürgertum nach Freiheit strebte.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874, Autor der deutschen Nationalhymne)

Schlafe! was willst du mehr?

Wo sind noch Würm‘ und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer?
Was kannst du weiter machen?
Schlafe! was willst du mehr?

Du hast genug gelitten
Qualen in Kampf und Strauß;
Du hast genug gelitten –
Schlafe, mein Volk, schlaf aus!

Wo sind noch Würm‘ und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer
Die Volksvertreter wachen:
Schlafe! Was willst du mehr?

Das Lied von der Freiheit

Es lebe, was auf Erden
nach Freiheit strebt und wirbt
von Freiheit singt und saget,
für Freiheit lebt und stirbt.

Die Welt mit ihren Freuden
ist ohne Freiheit nichts
die Freiheit ist die Quelle
der Tugend und des Lichts.

Es kann, was lebt und webet
in Freiheit nur gedeihn.
Das Ebenbild des Schöpfers
kann nur der Freie sein.

Frei will ich sein und singen,
so wie der Vogel lebt,
der auf Palast und Kerker
sein Frühlingslied erhebt.

Die Freiheit ist mein Leben
und bleibt es immerfort,
mein Sehnen, mein Gedanke,
mein Traum, mein Lied und Wort.

Es lebe, was auf Erden
nach Freiheit strebt und wirbt,
von Freiheit singt und saget,
für Freiheit lebt und stirbt.

Fluch sing ich allen Zwingherrn,
Fluch aller Dienstbarkeit!
Die Freiheit ist mein Leben
und bleibt es alle Zeit.

Robert Eduard Prutz (1816-1872)

Noch ist die Freiheit nicht verloren …

Noch ist die Freiheit nicht verloren,
Noch sind wir nicht, nicht ganz besiegt:
In jedem Lied wird sie geboren,
das aus der Brust der Lerche fliegt;
sie rauscht uns zu im jungen Laube,
im Strom, der sich durch Felsen drängt,
sie glüht im Purpursaft der Traube,
der brausend seine Bande sprengt.

Der sei kein rechter Mann geachtet,
dem lohne nie der Jungfrau Kuss,
der nicht aus tiefster Seele trachtet
wie er der Freiheit dienen muss.
Das Eisen wächst im Schoß der Erden,
es ruht das Feuer in dem Stein –
Und wir allein solln Knechte werden?
Ja, Knechte bleiben, wir allein?

Lasst euch die Kette nicht bekümmern,
die noch an eurem Arme klirrt:
Zwing-Uri liegt in Schutt und Trümmern,
sobald ein Tell geboren wird!
Die blanke Kette ist für Toren,
für freie Männer ist das Schwert:
Noch ist die Freiheit nicht verloren,
solang ein Herz sie noch begehrt.

Georg Herwegh (1817-1875)

Wiegenlied

Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach’ dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?

Lass’ jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?

Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?

Dein König beschützt die Kameele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Thaler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?

Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?

Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?