Liberale Kriegslieder

Im müden, postmodernen Deutschland ist es unvorstellbar geworden, dass irgendwer noch für seine Werte und Überzeugungen eintritt. Dafür bräuchte man schließlich Überzeugungen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts zogen die Vormärz-Revolutionäre für die Freiheit in die Schlacht. Sie wollten die Fürstenherrschaft stürzen und die Republik ins Leben rufen.

Damals erschallte liberaler Schlachtengesang – einige wenige Lieder dieser Art werden heute noch geschrieben. Hier sind freiheitliche Kriegslieder von damals – und von heute.

Aufruf!

Von Georg Herwegh (1817-1875)

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Laßt, o laßt das Verseschweißen!
Auf den Amboß legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

Eure Tannen, eure Eichen –
Habt die grünen Fragezeichen
Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
Nein, sie soll nicht untergehen!
Doch ihr fröhlich Auferstehen
Kostet eine Höllenfahrt.

Deutsche, glaubet euren Sehern,
Unsre Tage werden ehern,
Unsre Zukunft klirrt in Erz;
Schwarzer Tod ist unser Sold nur,
Unser Gold ein Abendgold nur,
Unser Rot ein blutend Herz!

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Hört er unsre Feuer brausen
Und sein heilig Eisen sausen,
Spricht er wohl den Segen drein.

Vor der Freiheit sei kein Frieden,
Sei dem Mann kein Weib beschieden
Und kein golden Korn dem Feld;
Vor der Freiheit, vor dem Siege
Seh‘ kein Säugling aus der Wiege
Frohen Blickes in die Welt!

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, laß die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Reißt die Kreuze aus der Erde!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Gen Tyrannen und Philister!
Auch das Schwert hat seine Priester,
Und wir wollen Priester sein!

Schwarz-Rot-Gold

Von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

In Kümmernis und Dunkelheit, da mussten wir sie bergen!
Nun haben wir sie doch befreit, befreit aus ihren Särgen!
Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt!
Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold!

Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme!

Das ist das alte Reichspanier, das sind die alten Farben!
Darunter haun und holen wir uns bald wohl junge Narben!
Denn erst der Anfang ist gemacht,
Noch steht bevor die letzte Schlacht!

Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme!

Die Freiheit ist die Nation, ist aller gleich Gebieten!
Die Freiheit ist die Auktion von dreißig Fürstenhüten!
Die Freiheit ist die Republik!
Und abermals: die Republik!

Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme!

Das Lied vom Hasse

Von Georg Herwegh (1817-1875)

Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluss
Dein Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuss,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Hass, dein Jüngst Gericht,
Brich du, o Hass, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die lasst uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll’s
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn Unterlass,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Hass
Als unsre Liebe werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen

Liberaler Schlachtengesang von heute

Heute werden noch radikal-liberale Lieder in Deutschland geschrieben, aber soweit mir bekannt ist nur von der einen Band, die irgendwie nicht mitbekommen hat, dass 1848 in der Vergangenheit liegt: Die Punk-Band OHL. Wer zufällig gerade auf dem Schützenfest ist, um bei Schießübungen einen großen Teddybären zu gewinnen, der sollte lieber davon absehen, sie sich anzuhören. Sonst zieht er wahrscheinlich stattdessen in den Krieg und versucht eigenhändig, Kim Jong-Un zu stürzen oder so etwas.

Gerade ist eine Single mit vier neuen Songs von OHL erschienen, „Adrenalin“. Die sind teils so extrem, da bleibt einem die Spucke weg.

Aus: „Tod den Gotteskriegern“

Der kranken Religion bringe ich den Hass

Demokratie und Freiheit hat dort keinen Platz

Nieder, nieder, nieder mit den Gotteskriegern

Tod den Gotteskriegern

Aus: „Eure Tage sind gezählt“ (aus dem Album „Feindkontakt“)

Lass Raketen ihre Opfer treffen

Mach die Flammenwerfer heiß

Lass die Panzer wieder rollen

Gleichheit, das ist unser Preis

Wir sind das Gute, die freie Welt

Ihr seid das Böse, eure Tage sind gezählt