Wie die Debatte um Palmers Deutsche-Bahn-Post jeden schlecht aussehen lässt

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat mit einem provokanten Facebook-Beitrag eine „Debatte“ ausgelöst. Das ist ein infantiler Wettbewerb um das Statement, welches das Nazi-Regime beim Versuch, sich von einer Aussage zu distanzieren, am stärksten verharmlost.

Ich widerspreche Palmers Aussage aus verschiedenen Gründen ebenfalls. Leider sehen bei dieser Debatte fast alle Beteiligten, von einigen Witzbolden abgesehen, sehr schlecht aus. Darunter neben Boris Palmer auch die Deutsche Bahn.

Das hier ist der umstrittene Facebook-Beitrag:

Und hier ist der standardmäßige „Debattenbeitrag“:

Boris Palmer ist offenbar der Meinung, dass die Bahn-Bildauswahl die Gesellschaft widerspiegeln sollte. Ich denke hingegen nicht, dass Kunst, zu der teils auch Werbung gehört, die Realität abbilden müsste. In diesem Fall soll sie das seitens der Macher gewiss nicht, sondern ich halte die Bahn-Fotos für eine idealisierte und normative Darstellung: Die Bahn möchte zeigen, welche Fahrgäste sie sich wünscht. Nicht, welche Fahrgäste sie tatsächlich hat. Die Bilder zeigen erfolgreiche, gut verdienende Deutsche unterschiedlicher Hautfarbe beim zufriedenen Bahnfahren.

Dazu gehören der schwarze TV-Koch Nelson Müller, die türkischstämmige Moderatorin Nazan Eckes und der ehemalige deutsch-finnische Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg. Palmer glaubt, die Bahn-Werbung solle die Gesellschaft vielmehr 1:1 abbilden, was auch die Inspiration für einige witzige Reaktionen wie diesen auf seinen Beitrag war.

Die Sprecher der Deutschen Bahn reagierten durch eine bestimmte Interpretation von Palmers Tweet und durch eine politische Positionierung:

Mit der Reaktion schließt sich die Bahn zum Teil Palmers fragwürdiger Interpretation der Bildauswahl an, indem sie behauptet, die gezeigten positiven Identifikationsfiguren seien tatsächlich auch „repräsentativ“. Das bedeutet wohl: Repräsentativ für die Gesamtgesellschaft. Das stimmt natürlich nicht. Nur eine winzige Minderheit der Deutschen sind erfolgreiche TV-Köche, Rennfahrer oder Moderatoren.

Und wenn man von den Hautfarben ausgeht, stimmt das auch nicht: Die meisten Deutschen sind de facto weiß. Ich halte das zwar nicht für relevant, da Werbung die Gesellschaft aus meiner Sicht keineswegs abbilden muss (oder soll). Aber rein statistisch betrachtet handelt es sich offensichtlich nicht um eine repräsentative Auswahl. Da ist die Bahn mitten in ein Fettnäpfchen, wenn nicht in die Falle getappt. So entstehen dann Fragen wie diese:

Der Tweet der Bahn legt tatsächlich nahe, dass es bei der Werbung auch um die Hautfarben der Protagonisten ging. Und da fragen sich nun einige: Wieso eigentlich? Warum sind Hautfarben nun wieder wichtig? Außerdem stellen sich manche dann solche Fragen:

 

Schließlich gibt es noch den Aspekt, dass Boris Palmer mit seinem Beitrag, der sich gegen Identitätspolitik richten soll, selbst Identitätspolitik betreibt: Er hinterfragt die ethnische Zusammensetzung der Protagonisten der Bahn-Werbung, da sie nicht die Gesellschaft repräsentiere. Aber warum sollte sie das überhaupt? Und wenn unsere Gesellschaft tatsächlich durch Zuwanderung plötzlich aus einer Mehrheit von Schwarzen und Türken bestehen würde und die Bahnwerbung würde das abbilden, wäre Palmer dann zufrieden?