Die Deutsche Bahn ist ein achtjähriges Mädchen

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat nun die Intention hinter seiner Kritik an einer Werbung der Deutschen Bahn näher erläutert. Er argumentiert unter Bezug auf einflussreiche Texte von Intellektuellen, die sich kritisch mit der Identitätspolitik befassen. Die Deutsche Bahn reagierte darauf wie ein achtjähriges Mädchen.

Hier die Replik von Boris Palmer auf die Behauptung der Deutschen Bahn AG, er habe „offenbar Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft“:

Auf diese Argumentation reagierte die Deutsche Bahn wie folgt:

„Ihre Worte überzeugen uns nicht“ ist die Verweigerung einer gesellschaftlichen Debatte, durch die sich Demokratien auszeichnen. Die Deutsche Bahn hat, wie nun klar geworden ist, die Bildauswahl bei ihrer Werbekampagne absichtlich aus identitätspolitischen Gründen getroffen. Nun weigert sie sich, über die eigene politische Kampagne, die nicht als solche ausgezeichnet war, zu diskutieren. Die Haltung der Deutschen Bahn entspricht bestenfalls der eines achtjährigen Mädchens. „Ich will aber Vielfalt, ich will aber, wäh!“ „Aber bedenke doch die Argumente von Francis Fukuyama, der sagte …“ „Nein, Vielfalt, wäh, Vielfalt!“

Und schlimmstenfalls ordnet sich die Bahn bei Pegida, AfD und Co. ein, die auch nicht diskutieren wollen und nur ihre Parolen verbreiten. Für eine politische Organisation ist das eine Schande, für ein Privatunternehmen ist es Selbstmord. Diesen Punkt habe ich gegenüber der DB angesprochen:

Die Deutsche Bahn ist ein Privatunternehmen mit Kunden, die sich nicht nur durch ihre Hautfarbe, sondern auch durch ihre Weltanschauung, durch ihre Ideen und Überzeugungen, unterscheiden. Das Unternehmen begibt sich auf höchst umstrittenes Terrain, wenn es sich die kollektivistische Identitätspolitik zu Eigen macht. Damit stößt sie vielen Kunden unnötig vor den Kopf.

Wenn sie schon Menschen in Gruppen mit unterschiedlichen Hautfarben unterteilen und ein politisches Pulverfass aufmachen möchte, dann sollte die DB zumindest über die eigene Kampagne diskutieren. Das Unternehmen diskutiert aber nicht, sondern schließt sich dem intoleranten Social-Media-Mob an, der Andersdenkende verunglimpft und ausschließt.

Boris Palmer ist ein Politiker und kann als solcher selbstverständlich politische Positionen vertreten und über diese diskutiert er auf einem weit höheren Niveau als die Bahn. Die Bahn ist ein Privatunternehmen, das im Interesse seiner Kunden handeln sollte – und die einzige Politik eines Privatunternehmens sollte die Unternehmenspolitik sein.

Boris Palmer führt kritische Schriften zum Thema Identitätspolitik an, darunter von Francis Fukuyama – der zur Zeit einflussreichste Politikwissenschaftler überhaupt. Die Bahn ignoriert das alles und begnügt sich mit infantilen „Vielfalt“-Tweets.

Literaturtipps von Palmer zur Identitätspolitik:

Francis Fukuyama: Die zersplitterte Gesellschaft gefährdet die Demokratie

Bernd Stegmann: Sind junge Frauen die besseren alten Männer?

Sandra Kostner (Hrsg.): Identitätslinke Läuterungsagenda und ihre Folgen für Migrationsgesellschaften

Meine Literaturtipps zur Identitätspolitik:

Novo Argumente: Identitätspolitik (Dossier)

Johannes Richardt (Hrsg.): Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik

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