Seit der 5. Staffel ist „Game of Thrones“ nicht mehr dasselbe

Wie so viele schaue ich mir gerade die letzte Staffel der Fantasyserie „Game of Thrones“ an. Leider ist es fast schon eine Pflichtübung geworden, denn aufgrund von massiven Fehlern im Storytelling ist es mir nun fast egal, was mit Charakteren wie Dany, John, Tyrion und Arya passiert. Wie ist es dazu gekommen?

(Enthält Spoiler)

Bis zum Ende der vierten Staffel fieberte ich mit und hoffte, dass wenigstens John, Tyrion und Arya überleben. Da in „Game of Thrones“ wichtige Charaktere unerwartet das Zeitliche segneten, konnte man sich darauf nicht verlassen. Die Serie war enorm spannend, gut geschrieben, gut gespielt, gut gefilmt, einfach gut.

Dann kam die fünfte Staffel. Das war die erste Staffel, zu der George R.R. Martin, Autor der Buchvorlage, kein Drehbuch mehr beisteuerte. Jaime und Bronn brechen darin nach Dorne auf – und von da an geht es bergab mit „Game of Thrones“. In den letzten Staffeln sind wichtige Charaktere wie Arya, aber auch John und Tyrion, nicht wiederzuerkennen. Das sind einige der größten Fehler im Storytelling von Game of Thrones:

1. Beliebige Rückkehr von den Toten

Bis hin zur vierten Staffel wurden die Zuschauer immer wieder mit dem Tod beliebter Figuren konfrontiert. Teils waren sie für die Handlung scheinbar so entscheidend, dass man sich kaum vorstellen konnte, wie die Serie ohne sie überhaupt weitergehen sollte. Robb und Catelyn Stark – ermordet. Danys Mann Khal Drogo, Johns Geliebte Ygritte – tot. Wahnsinn. Es konnte jeden treffen.

Doch in der sechsten Staffel erweist sich Sendor „The Hound“ Clegane, den Arya am Ende der vierten Staffel scheinbar tot zurückgelassen hatte, überraschend als lebendig. Obendrein ist er unversehrt im Gegensatz zu schwer verletzt. Wie das? Man weiß es nicht.

An der Stelle dachte ich: Der Tod bedeutet in „Game of Thrones“ nichts mehr. Wahrscheinlich kommen bald Ygritte, Catelyn und Co. auch aus dem Reich der Toten zurück. Ich werde hier veralbert von den Drehbuchautoren. Tatsächlich wurde das Wunder gleich noch getoppt durch Johns vorübergehendes Ableben. Er wird von seinen Männern der Nachtwache ermordet, nur um von einer Hexe wieder zum Leben erweckt zu werden.

Arya wird in der sechsten Staffel mehrfach von Waif mit einem Messer in den Bauch gestochen. Sie hätte tot sein müssen. Stattdessen erweist sie sich als lebendig, wird nach kurzer Zeit wieder völlig fit und tötet Waif. Anschließend ist Arya praktisch unbesiegbar, eine Art Terminator. Die Serie verlor damit ein großes Stück Spannung, dass der Tod auf einmal nicht mehr als endgültig galt. Wer starb, konnte wieder zum Leben erweckt werden oder sich unerwartet als lebendig erweisen.

2. Zentrale Charaktere sind plötzlich anders

Arya war ursprünglich ein mutiges, heldenhaftes Mädchen, das alles für ihre Freunde und ihre Familie tat. Nach ihrem Aufenthalt im nihilistischen Todeskult (oder was das sein mag) in Braavos wird sie zu einem anderen Menschen. Sie bedroht ihre Schwester Sansa, trägt Gesichter von Toten mit sich herum, kann es auf einmal mit der erfahrenen Kämpferin Brienne aufnehmen. Fast alles, was sie sagt, ist gemein und aggressiv.

Schließlich hat sie ihr „erstes Mal“ mit Gendry. Das hatte sich zwar angekündigt – aber als sie noch ein normaler Mensch war und man vermutete, dass es passieren würde, sobald sie einige Jahre älter ist. Doch nun ist sie ein Terminator-Kind und benutzt Gendry für Sex, ohne dass er ihr offenbar noch viel bedeutet. Die Szene fühlt sich einfach falsch an. Wie Arya sich überhaupt inzwischen falsch anfühlt.

John ist seit seinem Tod nicht mehr derselbe. Er trifft absurde Entscheidungen wie seinen selbstmörderischen Schlachtplan gegen das Haus Bolton oder seinen selbstmörderischen Ausflug hinter die Mauer, um einen Zombie (White Walker) einzusammeln. Mit solchen Aktionen riskiert er nicht nur sein eigenes Leben, das ihm offenbar nicht mehr viel bedeutet (er bittet die Hexe schließlich, ihn nicht mehr ins Leben zurückzubringen). Er riskiert auch das Leben seiner Brüder der Nachtwache, seiner Freunde, seiner Familie. John ist kein Held mehr.

Tyrion ist nicht mehr weise. Er macht bescheuerte Witze über Eunuchen und gibt Dany schlechte Ratschläge. Er glaubt, er könnte mit den Sklavenhändlern verhandeln. Er glaubt, dass seine Schwester Cersei, die bösartigste und selbstsüchtigste Person überhaupt, ihn mit einer Armee unterstützen würde.

Er unterstützt Dany weiterhin, obwohl sie Gefangene bei lebendigem Leib verbrennen lässt – Vater und Bruder von Samwell Tarly. Er wusste bereits zuvor, dass Dany eine rücksichtslose, machthungrige Wahnsinnige ist, da ihm ihre Kreuzigung 163 ehemaliger Herren von Meereen bereits zu Ohren gekommen war. Tyrion ist ein anderer Mensch, nachdem er seinen Vater tötete. Und kein sehr interessanter oder inspirierender Mensch mehr.

Sansa ist ab der siebten Staffel auf einmal eine kluge, erfahrene und autoritäre Herrscherin von Winterfell. Aber warum? Bevor sie zu einer klugen Herrscherin wurde, war sie stets ein naives Kind. Das war sie noch als Sexsklavin von Ramsay Bolton. Wann, wie und wo soll sie sich zu einer erfahrenen Herrscherin entwickelt haben?

Es gibt auch Charaktere, die mehr oder weniger dieselben geblieben sind oder die eine natürliche Entwicklung durchliefen. Dazu gehören Sam, Jaime und Brienne. Das hätte man sich allerdings für die wichtigeren Figuren auch gewünscht.

3. Dorne

Alles an der Handlung in Dorne ist falsch. Eine so hochrangige Figur wie Jaime geht als Geheimagent nach Dorne, um seine Schwester Myrcella zu befreien, begleitet nur von einem scheinbar gewissenlosen Söldner namens Bronn. Ellaria Sand tötet Doran Martell, den Bruder ihres Geliebten und Herrscher von Dorne. Warum? Weil ihr Geliebter in einem Duell getötet wurde, an dem er freiwillig teilgenommen hatte. Und Doran will darum keinen Krieg anfangen, denn es wäre schließlich verantwortungslos.

Ellaria ermordet Myrcella, die niemandem etwas angetan hat. Sie lässt den Sohn von Doran, Trystane Martell, ermorden. Der Grund: Trystane war, wie sein Vater, ein „schwacher Mann“. Und „schwache Männer werden nie wieder über Dorne herrschen“. Was für ein durchgeknallter Feminazi.

Die gesamte Dorne-Handlung ist wahnsinnig unplausibel. Offenbar soll sie feministisch sein auf irgendeine psychotische „Wir töten schwache Männer“-Art. Was auch immer.

4. Das Patriarchat ist jetzt weiblich

Überhaupt fällt ein Muster auf: Die Frauen in „Game of Thrones“, wie Sansa, Dany und Arya, werden auch auf Kosten der Männer zu starken Frauen. Sie wirken stärker, weil John und Tyrion schwächer gemacht werden – nicht aus eigener Kraft, als Resultat einer plausiblen persönlichen Entwicklung. Und sie werden unglaubwürdig mächtig, wie Terminator-Arya und Super-Herrscherin Sansa. Während Männer zu fatalistischen, unfähigen Nichtsnutzen degradiert werden. Dabei hatten sich auch viele Zuschauerinnen mit John und Tyrion identifiziert.

Der YouTuber „The Critical Drinker“, dessen Channel ich empfehle, hat etwas Interessantes zu diesem Thema zu sagen:

Fazit: Vielleicht lese ich die Bücher

Die Serie ist ein derartiger Unsinn geworden, dass mich nun interessiert, ob die Bücher die Geschichten der Figuren plausibler erzählen werden. Wer am Ende der Serie noch lebt und herrscht, falls jemand herrscht, ist mir fast egal. John, Arya und Tyrion waren einmal meine Lieblingscharaktere, nun sind sie kaum noch ein Schatten ihrer selbst. Dann sollen sie eben sterben. Sie werden sowieso wieder von einer Hexe zum Leben erweckt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht wirklich tot waren. Was auch immer.