Jetzt sind Marxisten „rechtsradikal“

Von 1988 bis 2000 erschien in England das Magazin „Living Marxism“. Es handelte sich um das Parteiorgan der britischen Revolutionären Kommunistischen Partei RCP („Revolutionary Communist Party“). Das Magazin wurde im Jahr 2000 unter einem anderen Namen von denselben Redakteuren neu aufgelegt, die sich weiterhin offen als Marxisten verstehen.

Nun bezeichnete ein Autor der großen britischen Zeitung „Guardian“ diese Publikation als „hard right“, als rechtsradikal. Das verrät uns einiges über die Zeit, in der wir leben.

Seit 1992 hat „Living Marxism“ ein deutsches Partnermagazin. Für dieses schreibe ich seit einigen Jahren gelegentlich und war zeitweise als Redakteur und als Social Media Manager dafür tätig. Ich hatte auch das 25-jährige Jubiläum des Partnermagazins im Jahr 2017 in Berlin mitgefeiert und ein wenig bei der Organisation mitgewirkt.

Gespannt lauschte ich bei der Gelegenheit den Debatten über die gute alte Zeit, als einige der Redakteure von „Living Marxism“ versuchten, britische Minenarbeiter aus den Fängen der Kapitalisten zu befreien. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht befreit werden wollten, also gab es eine Tracht Prügel von den Arbeitern.

Außerdem ging es bei den Debatten um die schwierige Lage der Arbeiterklasse in unserer Zeit und um die Tragödie, dass heute kaum noch jemand von „Klassen“ redet. Schließlich war auch der Plan der Aktivisten für eine revolutionäre Umgestaltung der Wirtschaft ein Thema. Dabei ging es keineswegs um sozialistische Planwirtschaft – vom Sozialismus grenzen sich die revolutionären Kommunisten ab. Dafür sind sie zu radikal.

Eines steht für mich fest: Wenn irgendjemand auf diesem Planeten ein Recht hat, sich „links“ zu nennen, dann sind es diese Leute.

„Living Marxism“ heißt heute „Spiked„. Das deutsche Partnermagazin ist „Novo Argumente“ oder inzwischen kurz „Novo„.

Heutige „Linke“ sind oft das Gegenteil

Der Meinungsartikel im britischen Guardian von Aditya Chakrabortty bezeichnet Spiked als „hard right“. Tatsächlich ist Spiked, wie dessen Redakteur Tom Slater auf Twitter betonte, „für die Meinungsfreiheit, für die Demokratie, für die Immigration, gegen den Rassismus, gegen den Imperialismus und gegen die Monarchie.“ Das waren offensichtlich noch nie „rechtradikale“ Positionen.

Viele Aktivisten, die sich heute im Westen als „links“ verstehen, haben nichts mit der linken Tradition am Hut. Sie befürworten ökologische Ideen wie ein Nullwachstum und betrachten Menschen nur noch als Bestandteile von biologisch definierten Kollektiven wie Frauen, Schwarze, Asiaten, Schwule und Intersexuelle. Menschen auf ihre biologischen Identitäten wie Rasse, Geschlecht und Sexualität zu reduzieren, ist eigentlich typisch für rechtsextreme Ideologien. Wie ich in Elite des Nichts aufgezeigt habe, hätte Karl Marx die heutigen „Linken“ wahrscheinlich als reaktionäre Klassenfeinde verstanden.

Insofern steckt ein Funken Wahrheit in der Aussage des Guardian-Autors: Diese „Spiked“-Leute sind ganz anders als die heutigen „Linken“. Sie sind nämlich links. Und keine Rechtsextremisten, die sich selbst als „links“ und „progressiv“ verstehen, obwohl sie ein tribalistisches Weltbild haben und wirtschaftlich-technischen Fortschritt zu Gunsten einer ökologischen Blut- und Boden-Ideologie ablehnen.

Und so stehe ich als ein von Ayn Rand beeinflusster Vertreter von Individualismus und Kapitalismus heute revolutionären Kommunisten näher als dem „linken“ politischen Mainstream. Willkommen in der Postmoderne.

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