Danys Entscheidung in „Game of Thrones“ war konsequent, aber …

Die dramatische Entscheidung von Daenerys Targaryen in der fünften Episode der achten Staffel von „Game of Thrones“ hat unter Fans viel Enttäuschung und Empörung ausgelöst. Die Drachenmutter scheint sich als anderer Mensch erwiesen zu haben, als es ihre Anhänger erwartet hatten.

Ich finde hingegen, ihre Entscheidung war nur konsequent. Das heißt nicht, dass sie moralisch richtig war – sie war konsequent angesichts von Danys Persönlichkeit und ihren Zielen. Allerdings habe ich ein grundlegendes Problem mit ihren politischen Zielen.

Spoiler!

Dany gewinnt in der Folge den Krieg gegen die bösartige Königin Cercei. Als sich ihre Truppen ergeben haben, stellt Dany den Angriff auf die Stadt King’s Landing jedoch nicht ein. Vielmehr brennt sie mit ihrem Drachen die ganze Stadt ab, inklusive der Zivilbevölkerung.

Danys Entscheidung ist strategisch sinnvoll – wenn sie die Alleinherrschaft anstrebt

Über ihre Motive wird viel gerätselt, aber sie benannte diese explizit: Sie wird in Westeros nicht geliebt und wenn sie herrschen möchte, dann funktioniert das nur, indem sie die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, wenn sie gefürchtet wird.

Gegenüber Tyrion sagt sie: „Unsere Gnade ist unsere Stärke. Unsere Gnade gegenüber zukünftigen Generationen, die nicht von einem Tyrannen als Geisel gehalten werden.“ Gegenüber dieser Generation wird sie keine Gnade zeigen.

Als Herrschaftsstrategie ist ihre Entscheidung, King’s Landing abzubrennen, durchaus plausibel. In Westeros kennt sie niemand, Jon Snow ist viel beliebter und hat den besser begründeten Anspruch auf den Thron. Wenn er nicht herrschen möchte, dann macht ihn das für viele, wie Varys, zu einem noch besseren König.

Die Katastrophe hätte trotzdem vermieden werden können, wenn Tyrion Dany nicht mehrmals überzeugt hätte, nicht mit ihren Drachen die Rote Festung einzunehmen. Bei seinen alternativen Plänen und der Schlacht gegen die White Walkers gingen Dany schließlich die Truppen aus für ein alternatives Vorgehen.

Dany hat ihr Vorhaben seit den ersten Staffeln angekündigt

Nun herrscht allerlei Aufruhr unter den Zuschauern der Serie, weil die Sklavenbefreierin Dany eine Stadt abbrennt. Dabei hat sie mehrmals, seit den ersten Staffeln, explizit angekündigt, dass sie Städte verbrennen möchte, die sich ihr widersetzen.

Beispielsweise bei ihrer Ankunft in Quarth (Staffel 2, Episode 4): „Wenn meine Drachen groß sind, werden wir das zurücknehmen, was von mir gestohlen wurde und die zerstören, die mir ein Unrecht angetan haben! Wir werden ihre Armeen vernichten und Städte abbrennen!“

Episode 6: „Ich werde nehmen, was mir gehört, mit Feuer und Blut!“

Staffel 4, Episode 7:“ Sie können in meiner neuen Welt leben oder in ihrer alten Welt sterben.“

Staffel 6, Episode 6 (zu den Dothraki): „Werdet ihr meine Feinde in ihren Eisenkleidern töten und ihre Steinhäuser niederreißen?“

Oder gegenüber Lord Varys: „Ich schwöre: Falls Du mich jemals betrügst, werde ich Dich lebendig verbrennen!“

Auch Slaver’s Bay wollte sie abbrennen und nur Tyrion hat sie davon abgehalten. Und nun sind viele überrascht, dass die machthungrige Drachenmutter das tut, was sie mehrmals angekündigt hat.

Die Bewohner von King’s Landing haben Tyrannen unterstützt

Danys Einschätzung der Bevölkerung von King’s Landing als moralisch korrumpierte Tyrannensklaven, welche die Untaten diverser Regime mitgetragen und unterstützt haben, ist korrekt. Auch die Flüchtlinge aus der umgebenden Region Crown Lands, die sich während Danys Angriff in King’s Landing aufhalten, haben die Herrschaft mehrerer grausamer Könige mitgetragen.

King’s Landing ist die Stadt, welche die brutale Tyrannei einer ganzen Reihe von grausamen Herrschern weitgehend widerstandslos akzeptiert und deren Befehle ausgeführt hat: Der Mad King, der Unschuldige lebendig verbrannte, Robert Baratheon, der seine Frau Cercei regelmäßig offen betrog und das Geld des Königreichs verprasste, der unfähige, feige und sadistische Joffrey, der religiöse Fanatiker Der Hohe Spatz, die brutale und rücksichtslose Cercei. Das Volk hat fast nichts gegen sie unternommen. Nur gegen Joffrey gab es bei einer Gelegenheit einen kleinen Aufstand, ansonsten aber auch für ihn viel Unterstützung.

Wie Varys richtig bemerkte, ist Macht ein „Schatten an der Wand“: Die Macht liegt dort, wo die Menschen glauben, dass sie es tut. Die Menschen in den Crown Lands glaubten, die Macht würde bei bösartigen Herrschern liegen.

Sogar der humanistische Tyrion Lannister sagte bei seinem Gerichtsprozess zu den adeligen Herrschern der Stadt: „Ich wünschte, ich wäre das Monster, für das ihr mich haltet. Ich wünschte, ich hätte genug Gift für das ganze Pack, das ihr seid. Ich würde mein Leben dafür geben, dabei zusehen zu dürfen, wir ihr es trinkt.“

Der Angriff auf King’s Landing ist ungefähr mit dem Bombenangriff auf deutsche Städte während des Zweiten Weltkriegs zu vergleichen. Die Deutschen hatten jahrelang die Herrschaft der Nazis mitgetragen. Dann wurden sie lebendig verbrannt für ihre Verbrechen. Dabei kamen auch Unschuldige zu Tode. Einen wichtigen Unterschied gibt es natürlich: Dany hatte den Krieg schon gewonnen und brannte die Stadt trotzdem ab, um ihre Macht zu zementieren. Selbst, wer also das Flächenbombardement deutscher Städte gutheißt, sollte die Zerstörung von King’s Landing kritisch sehen. Obwohl große Teile der Bevölkerung in beiden Fällen keineswegs unschuldig sind.

Dany sollte nicht herrschen

Mein Problem besteht vor allem darin, dass Dany aufgrund ihrer politischen Ziele nicht herrschen sollte – und von daher ist natürlich auch die Zerstörung von King’s Landing ein Verbrechen, denn strategisch sinnvoll ist nicht moralisch richtig. Sie meinte, sie möchte „das Rad zerbrechen“, also den „Game of Thrones“, den blutigen Kampf verschiedener Fürstenfamilien um den Eisernen Thron, beenden. Und sie möchte ihn beenden, indem sie die Alleinherrschaft ihrer eigenen Familie Targaryen für alle Zeiten etabliert, eine Erbmonarchie errichtet, die durch die Hinrichtung des Mad King unterbrochen wurde.

Das ist ihr Ziel. Ein Ende der Sklaverei gehört auch zu ihren Zielen, ist aber untergeordnet. Sie möchte ihre Vorstellungen von Moral mit Hilfe ihrer Alleinherrschaft überall auf der Welt mit Feuer und Blut durchsetzen.

Klingt nach einer guten Idee? Viele haben das so gesehen und sind nun überrascht, dass sich Möchtegern-Alleinherrscher so verhalten, wie sie sich als solche verhalten müssen. Ich gehöre offenbar zu einer Minderheit der Got-Fans, welche die ganze Idee eines Königs für schlecht halten.

Ich bin für eine freie Gesellschaft, eine repräsentative, konstitutionelle Demokratie, wie es sie in Deutschland gibt. Eine Weile lang dachte ich sogar, Dany würde so ein ähnliches, freies System einführen wollen, denn nichts anderes könnte wirklich nachhaltig das „Rad zerbrechen“. Möchte sie aber nicht. Kein Wunder, dass sie Städte abbrennt, um ihre Macht durchzusetzen. Das ist eben das, was autoritäre Herrscher tun. Ihr wolltet es so. Ihr habt es bekommen. Und jetzt beschwert euch nicht.

Fazit: Danys Zerstörung von King’s Landing war ein schlimmes Verbrechen. Und nichts anderes war von einer Möchtegern-Alleinherrscherin zu erwarten. Um Westeros beherrschen zu können, ergibt Danys mörderischer Schachzug strategisch Sinn. Sie sollte aber nicht herrschen, weil sie das alte System der Erbmonarchie fortsetzen möchte. Westeros braucht eine freiheitliche Demokratie, keine Monarchie, um das Rad zu zerbrechen. Republiken brennen keine Städte ab, sondern Könige und andere Diktatoren begehen solche Verbrechen.

Die Probleme mit „Game of Thrones“ sehe ich an anderen Stellen, siehe: Seit der 5. Staffel ist „Game of Thrones“ nicht mehr dasselbe.