Warum Rapture gescheitert ist

Rapture ist die fiktive Unterwasserstadt im Videospiel „Bioshock“. Darin existiert eine utopische Gesellschaftsordnung, die auf den Ideen des Gründers Andrew Ryan beruht. Diese Figur baut wiederum auf der US-amerikanischen Philosophin Ayn Rand auf und Rapture, mehr oder weniger, auf ihrer Philosophie Objektivismus. Bis vor kurzem war das auch meine eigene Weltanschauung.

Ein Leser hat mich gefragt, wie groß der Abstand zwischen der Ideologie von Andrew Ryan und Ayn Rand ist. Außerdem möchte ich auf die Frage eingehen, warum Rapture gescheitert ist.

Die Ideologien von Ryan und Rand ähneln sich tatsächlich stark und der Abstand ist relativ gering. Jedenfalls bevor Ryan zum Diktator wird, versteht sich. Sie vertreten beide einen Laissez-faire-Kapitalismus auf der Basis von absolut verstandenen individuellen Rechten. Jeder Bürger sollte das, was er sich ehrlich erarbeitet hat, behalten dürfen. Weder Kirche, Gesellschaft noch der Staat haben ein Anrecht darauf.

Unterschiede zwischen Ryan und Rand

Es gibt aber mindestens zwei Unterschiede zwischen Ryans und Rands Philosophien. Zunächst einmal spricht Ryan von einer „großen Kette“ der Produktion, die alle Bürger miteinander verbindet. Jeder folgt seinem Eigeninteresse und so entsteht automatisch etwas Größeres. Rand hätte mit solchen Ideen ihre Probleme gehabt, sie wären ihr bereits zu altruistisch gewesen. Das weiß ich, weil die „große Kette“ auf der Idee einer „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith beruht und diese hat Rand explizit abgelehnt.

Ob Ayn Rand die Luft in der Unterwasserstadt auch privatisiert hätte wie Andrew Ryan, kann ich nicht mit Sicherheit sagen – aber ehrlich gesagt gehe ich davon aus. Schließlich wollte Rand die gesamte Infrastruktur privatisieren. In einer Unterwasserstadt wird die Luft durch Maschinen in die Stadt gepumpt, die jemand betreiben muss. Warum sollte das, aus objektivistischer Sicht, der Staat tun? Man könnte wohl niemandem die Luft einfach abdrehen, der nicht für sie bezahlt, aber so etwas würde sicher auch in Ayn Rands Rapture unter Strafe stehen oder freiwillige private Hilfe erfordern.

Ayn Rand war also ähnlich „extrem“ wie Ryan und in mancher Hinsicht sogar noch extremer. Interessanterweise funktioniert Rapture zwölf Jahre lang sehr gut, nämlich von 1946 bis 1958. Tatsächlich führt Ryans Vision zu einer sehr wohlhabenden, produktiven Gesellschaft, die den Nationen an der Oberfläche technisch weit voraus ist. Rapture geht unter anderem darum unter, weil Ryan seine Ideale verrät.

Wie Andrew Ryan seine Ideale verrät

So verbietet Ryan unautorisierten Handel mit der Oberfläche. Der illegale Handel wird zur zentralen Einnahmequelle des Schurken Frank Fontaine, der sich später „Atlas“ nennt (angelehnt an Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“). Als Ryan Debatten mit der altruistischen Psychologin Sofia Lamb verliert, lässt er sie einsperren. Er geht immer aggressiver gegen Fontaine vor und das jenseits von rechtsstaatlichen Mitteln. Schließlich verstaatlicht er Fontaine Futuristics, das Unternehmen seines Widersachers.

Davon abgesehen hat Ryan die Religion verbieten lassen und so entsteht ein Untergrund-Christentum, das Fontaine mit religiösen Utensilien durch Schmuggel beliefert. Im ausgebrochenen Bürgerkrieg setzt Ryan „Pheromone“ gegen die Bevölkerung ein, um sie durch Gedankenkontrolle beherrschen zu können. Schließlich wird er von seinem unehelichen Sohn mit einer Nachtclub-Tänzerin getötet, der wiederum von Atlas durch Gedankenkontrolle gesteuert wird: Dem Spieler.

Andrew Ryan hat also mehrmals und in großem Stil seine objektivistischen Ideale verraten: Er hat Religion verboten, seine intellektuellen Gegner einsperren lassen, hat mit unrechten Mitteln einen Schmuggler bekämpft, hatte ungeschützten Sex mit einer Tänzerin, kontrollierte den Willen der Bevölkerung und er ließ ein Unternehmen verstaatlichen. So ist es seinem Widersacher möglich, seine Stadt zu zerstören und ihn letztlich auszuschalten. Allerdings ist das nicht der einzige Grund für den Untergang Raptures.

Ist die menschliche Natur mit dem Objektivismus inkompatibel?

Das Spiel zeigt mehrere andere Faktoren, die darauf hinauslaufen, dass die menschliche Natur dem Objektivismus widersprechen soll. Die Bewohner setzen zur Selbstoptimierung die Droge Adam ein, die ihre Gene verändert und ihnen quasi übernatürliche Fähigkeiten verleiht. Das tun sie bis zu einem Grad, dass sie sich selbst damit zerstören. Es gibt ein großes Armenviertel mit einem hohen Maß an Kriminalität. Und die Bewohner Raptures lassen gefährliche Schönheitsoperationen durchführen, um auf dem Beziehungsmarkt bessere Chancen zu haben.

Generell wird die Gesellschaft in Rapture als rücksichtslos und dysfunktional dargestellt. Es kommt auch zur Bildung von religiösen Kulten und die Altruistin Sofia Lamb hat eine große Anhängerschaft, die sich Ryan widersetzt. Das Spiel möchte also zugleich zeigen, dass der Laissez-faire-Kapitalismus nicht funktioniert und dass es zur Katastrophe führt, seine Ideale (wie den Laissez-faire-Kapitalismus) zu verraten. So ganz will das nicht zusammenpassen.

Fazit: „Bioshocks“ Kritik am Objektivismus überzeugt nicht

Obwohl ich den Objektivismus nicht mehr vertrete, halte ich die Kritik daran in „Bioshock“ und dessen Nachfolgern für eher unplausibel. Tatsächlich bin ich in den Debatten zwischen Ryan und Sofia Lamb in „Bioshock 2“ deutlich auf Ryans Seite. Im reinen Kapitalismus gibt es weit geringere Möglichkeiten, durch Irrationalität erfolgreich zu sein. Schließlich gibt es keinen Staat, der die Bürger vor den Folgen ihrer schlechten Entscheidungen bewahren würde. Wer uneheliche Kinder zeugt, muss ohne Kindergeld, Kinderkrippen, Schulgeld, etc. sehen, wie er sie ernähren und aufziehen kann. Wenn er sie vernachlässigt, kommt er ins Gefängnis.

Wer sich durch Drogen wie Adam kaputtmacht und nicht mehr arbeiten kann, verhungert oder ist auf die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Wer sein Geld für Schönheitsoperationen ausgibt, dem fehlt es im Alter. Der Kapitalismus geht mit irrationalen Menschen gnadenlos ins Gericht. Deshalb ging Rand davon aus, dass sich die Religion auch nicht gut im Kapitalismus halten würde.

Nun gibt es auch gute Gründe gegen den Objektivismus und gegen den Laissez-faire-Kapitalismus. Aber in den „Bioshock“-Spielen erfahren wir sie nicht. Hier wird eher eine dysfunktionale Gesellschaft gezeigt, die unserer eigenen ähnelt: Hier können die Menschen uneheliche Kinder zeugen, ihr Geld für Schönheitsoperationen und Luxusgüter ausgeben, Drogen nehmen, sich religiösen Kulten und Psychokulten anschließen, zunehmend sogar Verbrechen begehen und so weiter. Der Staat springt für sie ein und nichts allzu Schlimmes kann ihnen passieren. Auch diesen Schluss kann man für zu extrem halten – aber die Kritik in „Bioshock“ trifft weniger auf Rapture zu als auf die westlichen Wohlfahrtsgesellschaften der echten Welt.

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Ein Kommentar zu “Warum Rapture gescheitert ist

  1. […] Edit: Herr Müller hat jetzt auch eine kleine Analyse zu Rapture geschrieben: Warum Rapture gescheitert ist. […]

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