Der Feind meines Feindes

Der YouTuber Computing Forever alias Dave Cullen ist zum Christentum übergetreten. In seinen Videos hatte er sich dem Nihilismus und Relativismus der westlichen Kultur widersetzt, sich aus einer weitgehend liberalen Perspektive gegen radikalen Feminismus und Identitätspolitik ausgesprochen. Wie für mich hatten die Neuen Atheisten wie Richard Dawkins und Sam Harris einen erheblichen Einfluss auf Cullens intellektuelle Entwicklung.

Ich habe ihm geschrieben, was ich von seiner Konversion halte.

In diesem YouTube-Video erläutert Cullen die Gründe für seine Konversion:

Das einzige philosophische Argument für Gottes Existenz in dem Video ist das Designargument (das teleologische Argument). Cullen wird die atheistische Antwort darauf bereits selbst kennen.

Er führt den Sein-Sollen-Fehlschluss an, demzufolge wir von dem, was ist, nicht darauf schließen können, wie es sein sollte, also von Beobachtungen auf die Moral.

Er hält die traditionellen Familienwerte hoch und betont die negativen Folgen von deren Aufgabe.

Und er meint, die Entwertung unserer christlichen Kulturgeschichte, der Ursprungserzählung unserer Kultur, führe zu einer Fokussierung auf die schlimmsten Aspekte unserer Geschichte (etwa die Fokussierung auf den Nationalsozialismus und den Kolonialismus).

Schließlich bedeute die Abwendung von Gott ein Erstarken des Staates, das zum Totalitarismus führe.

Meine Antwort an Dave Cullen

Hier zunächst meine Antwort, die ich ihm auf YouTube in seiner Sprache geschrieben habe, und anschließend die deutsche Übersetzung:

So an ought cannot come from an is. But it can come from a not-is, from a nonexisting god, apparently. You gave no reasons why there even should be a god apart from the design argument. You know the atheist reply to it.

There is a lot wrong with western culture right now. There is a lot wrong with christianity. Yes, some aspects of christian culture and philosophy make sense (like family values to some extend, though take a look at where they originated), but others do not (metaphysics, epistemology like miracles, prophecy).

Becoming religious means surrendering your mind. Facing the reality that there is no easy answer to many questions and we need to be all the more rational and think carefully, that’s a strong perspective that demands strength from us. I’m sorry that you gave up and that the enlightenment lost you.

Auf Deutsch übersetzt:

„Sollen kann also nicht aus einem Sein folgen. Aber es kann offenbar aus einem Nicht-Sein folgen, aus einem nicht existierenden Gott. Du hast, abgesehen vom Design-Argument, keine Gründe dafür angegeben, warum es überhaupt einen Gott geben sollte. Du kennst die atheistische Antwort darauf.

Die westliche Kultur unserer Zeit hat viele Fehler. Und das Christentum hat viele Fehler. Ja, einige Aspekte der christlichen Kultur und Philosophie ergeben Sinn (wie Familienwerte, bis zu einem gewissen Grad, aber sieh Dir an, woher diese kommen), aber andere nicht (wie Metaphysik und Epistemologie, etwa Wunder, Prophezeiungen).

Religiös zu werden bedeutet, Deinen Verstand aufzugeben. Die Realität anzuerkennen, dass es keine einfache Antwort auf viele Fragen gibt und dass wir umso rationaler sein und umso klarer denken müssen, das ist eine starke Perspektive, die Stärke von uns verlangt. Es tut mir leid, dass Du aufgebeben hast und dass die Aufklärung Dich verloren hat.“

Ergänzende Ausführungen

Ich bin sicherlich dagegen, das Baby mit dem Badewasser auszuschütten. Ich hatte mich im Kontext der Gottesbeweise näher mit Thomas von Aquin befasst und ich hatte mich im Kontext der Entwicklung der Menschenrechte und der Familienwerte näher mit der katholischen Philosophie generell, im Zusammenhang mit der Frage nach der Willensfreiheit näher mit der protestantischen Philosophie auseinandergesetzt.

Überhaupt kommt man nicht um das Christentum herum, wenn man sich ernsthaft für Philosophie interessiert. Christliche Denker haben Aufschlussreiches über wichtige Fragen zu sagen gehabt. Das Christentum ist ein wichtiger Aspekt unserer Kultur- und Geistesgeschichte und es hat nicht nur Falsches und Böses hervorgebracht. Tatsächlich hat es einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der individuellen Rechte geleistet.

Aber darum konvertiere ich nicht zum Christentum. Die Familienwerte, die Cullen anspricht, kann ich in der Bibel nirgends entdecken. Vielmehr entdecke ich darin patriarchale Stämme, angeführt von Großfamilien, die wie selbstverständlich Sklaven halten, Inzest praktizieren und Kriege gegen andere Stämme führen. Die sogenannten „christlichen“ Familienwerte wie lebenslange Ehe und Treue haben sich kulturell aus verschiedenen Traditionen – mit einem starken römischen Einfluss – entwickelt, und wurden dann von der katholischen Kirche durchgesetzt.

Ich finde, dass eine Aufklärung über unsere Kulturgeschichte nicht ihre Entwertung bedeutet, sondern ihre ernsthafte Würdigung. Wir können uns weiterhin Mythen und Lügen erzählen oder wir können ernsthaft über unsere Vergangenheit und über unsere Werte reflektieren. Dass wir heute so sehr auf Aspekte wie Nationalsozialismus und Kolonialismus fokussiert sind, hat nichts mit der Aufklärung zu tun, sondern das geht von nihilistischen Neulinken aus.

Die Abwendung von Gott bedeutet nicht das Erstarken des Staates. Islamistische Gottesstaaten oder die auch weltlich mächtige Kirche der frühen Neuzeit sind Gegenbeispiele. Sozialistische, faschistische und theokratische Ideologen fordern einen totalitären Staat.

Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass wir als Liberale, Aufklärer, Freidenker, Akademiker, Wissenschaftler, Philosophen selbst eine stolze Tradition und bedeutende Werte haben. Was wäre die Geschichte ohne unsere Beiträge? Zu großen Teilen Lügen, Unsinn und Barbarei. Wir sollten alles prüfen und das für unser Leben mitnehmen, was wahr ist, schön ist und gut ist. Alles andere sind Ausstellungsstücke für Museen. Von Christentum ist einiges gut, das nehmen wir mit, und einiges nicht, das kommt ins Museum.

Der Feind meines Feindes ist nicht unbedingt mein Freund. Er kann ebenfalls mein Feind sein. Jetzt finde ich zu meiner eigenen Tradition zurück und zitiere die Punk-Band OHL zum Thema („Mein eigener Prophet“, In: Krieg der Kulturen):

Der Glaube ist für Schwache,

für Menschen ohne Geist.

Ich brauche keine Religion,

die mir den Weg weist.

.

Die Gebete sind für Schwache,

für Menschen ohne Kraft.

Ich brauche keine Religion,

die mich zum Märtyrer macht.

.

Die Schriften sind für Schwache,

für Menschen im Wahn.

Ich brauche keine Religion,

keine Bibel und keinen Koran.

.

Nie falte ich die Hände,

spreche nie ein Gebet.

Ich bin mein eigener Gott,

mein eigener Prophet.