Ist der Niedergang noch aufzuhalten?

Immer mehr Menschen, die sich politisch in der Mitte sehen, bekunden öffentlich ihre Nähe zu Extremisten. Und das ohne jegliche Konsequenzen. Vor einer Weile tat dies die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die sich mit der linksextremen Gruppe „Ende Gelände“ (gehört zur Interventionistischen Linken) solidarisierte.

Einige meiner eigenen Leser sehen die AfD als echte Alternative an und erkennen sie nicht als die rechtsextremen Bauernfänger, die sie sind. Und nun solidarisieren sich Abertausende auf Twitter mit der Antifa, welche laut Verfassungsschutz die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt.

Gerade breiten sich zwei verwandte Ideologien aus: Der Ethnopluralismus rechts und die Identitätspolitik links. Beide reduzieren das Individuum auf seine Gruppenzugehörigkeit und erwarten von ihm eine Ideologie, die der kollektiven Sichtweise des „authentischen“ (reaktionären) Teils ihrer Gruppe entspricht. Weit verbreitet ist etwa nun auch in der neuen „Mitte“ die Verteufelung des „alten, weißen Mannes“ (der aus „linker“ Sicht nicht „authentisch“ sein darf, weil er keine Minderheit ist). Dazu äußerte sich jüngst die Ethnologie-Professorin Susanne Schröter:

Die öffentliche „Diskussion“ wird immer parteiischer. Wer sich um Faktentreue bemüht, die nicht zum eigenen Narrativ passt, wird automatisch dem schlimmsten Teil der anderen Seite zugerechnet. Ich schrieb zum Beispiel, dass „rassistisch“ nicht der korrekte Begriff für den Angriff des US-Präsidenten (von dem ich nichts halte) auf vier demokratische Abgeordnete (von denen ich nichts halte) war. So wurde ich gleich als Pro-Trump-Rechtsextremist abgestempelt:

Die meisten Kommentatoren haben ihrerseits keine Ahnung, wen sie da eigentlich verteidigen. Warum habe ich sie „linksextrem“ genannt? Ein paar Hinweise:

Rashida Tlaib unterstützt die BDS-Bewegung

Die ideologische Phränologie von Ayaan Pressley

Ilhan Omars Antisemitismus

Holocaust-Überlebender will ­Alexandria Ocasio-Cortez aus dem Kongress befördert sehen

Die Welt gegen Blume

Schließlich findet gerade ein Kleinkrieg seitens konservativer Juden (sage ich mal, ist schwer einzugrenzen) gegen den Religionswissenschaftler Michael Blume statt. Er ist inzwischen Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Manche werfen ihm vor, er würde den Antisemitismusbegriff zu weit ausdehnen. Ich meine, seine Beiträge über die größere Einbettung des Antisemitismus befinden sich durchaus im Bereich des Zulässigen.

Da ich mich früher mit Blume über ein anderes Thema gestritten hatte, versuchen nun manche, mich für die Anti-Blume-Fraktion zu gewinnen. Dort sehe ich mich aber nicht. Und ich halte gar nichts von den Mitteln, mit denen gegen ihn agitiert wird, etwa wenn man seine Aussagen aus dem Kontext nimmt.

Unser Streit drehte sich vor zehn Jahren um Blumes damaligen Ansatz, Religionen auf Kosten von Atheisten miteinander zu versöhnen. Und ich lehnte seine These über die Ausbreitung von Gläubigen aufgrund evolutionärer Vorteile ab, so hätten konservative Gläubige mehr Kinder als Atheisten. Das war mir zu deterministisch, wo Religion doch ein kulturelles Phänomen ist. Die Kinder von Gläubigen sind nicht unbedingt selbst gläubig.

Mit seinem Buch „Islam in der Krise“ bestätigt er nun säkularisierende Tendenzen selbst in der islamischen Welt. Mich störte damals auch sein extrem „gutmenschliches“ Auftreten bei gleichzeitiger Abwertung von Atheisten. Der Streit war ziemlich ausgeartet, er bezichtigte mich in einer Sache des Antisemitismus und ich nannte ihn meinen Erznemesis, wenn auch eher humoristisch.

Seine neueren Texte finde ich vernünftiger, soweit ich sie kenne, also Schwamm drüber. Tilman Tarach („Der ewige Sündenbock“) kritisierte auf Facebook ebenso die Art, wie Blume gerade angegangen wird. Als wäre es nicht genug, dass ihn Rechtsextreme hinrichten wollen. Mich wollten sie nur zusammenschlagen, also geht der Punkt an Blume.

Und so geht das zunehmend einsame Eintreten für Freiheit und Demokratie weiter. Immerhin kann es selbst einstige Erzfeinde zusammenbringen.