Wie der Wille frei sein kann

Wie kann es so etwas wie Willensfreiheit geben? Schließlich leben wir in einem von Naturgesetzen beherrschten, kausalen Universum. Einige Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass die Willensfreiheit eine Illusion ist und unsere Entscheidungen vielmehr von deterministischen Prozessen bestimmt werden. Viele Evolutionsbiologen erkennen nicht, wie so etwas wie der freie Wille evolviert sein könnte – allenfalls als Nebenprodukt der natürlichen Selektion räumen ihm manche eine Rolle ein.

Im Folgenden möchte ich erläutern, was der freie Wille aus der Sicht von Ayn Rands objektivistischer Philosophie ist, wie er in ein kausales Universum passt und warum er von der natürlichen Selektion als prägendes Merkmal des Menschen zur Weitergabe bestimmt wurde.

Willensfreiheit als emergentes Vermögen des Menschen

Wie sich Lebewesen von unbelebter Materie unterscheiden, so unterscheidet sich der menschliche Geist von dem anderer Lebewesen. Wie Lebewesen im Gegensatz zur unbelebten Materie über die Macht verfügen, sich von sich aus zu bewegen, so besitzt der Mensch die Macht, mit Hilfe seines freien Willens seine eigenen Gedanken anzustoßen, zu denken. (Vgl. dazu Ayn Rand: “The Metaphysical and the Man-Made,” Philosophy: Who Needs It?“)

Ich denke, dass der Geist ein emergentes Vermögen des Menschen ist und durch eine bestimmte biologische Struktur erzeugt wird. Der Geist hängt vom menschlichen Gehirn ab und existiert nicht ohne ein funktionierendes Gehirn. Dass wir einen Geist haben, ist grundsätzlich selbst-evident und kann daher nicht bewiesen werden. Aus diesem Grund ist es auch unmöglich, Konzepte wie „Geist“ oder „Bewusstsein“ zu definieren. Wir erkennen, dass wir sie haben, indem wir sie verwenden. Wir bemerken, dass wir uns der Welt um uns herum bewusst sind, dass wir mit Begriffen über die Welt nachdenken können. Das tun wir mit unserem Geist. Wer den Geist leugnen will, muss ihn verwenden, um ihn zu leugnen, und widerspricht sich damit selbst.

Die wohl größte Verwirrung in der philosophischen Debatte um die Willensfreiheit wird durch die Annahme ausgelöst, dass die gesamte Welt deterministisch funktioniert und ausschließlich physikalischen, materialistischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sei. Deterministischen Materialisten zufolge lässt sich die Welt der Lebewesen und die Welt des Geistes auf die Welt der unbelebten Materie reduzieren, alles folgt letztlich ihren physikalischen Gesetzmäßigkeiten.

Tatsächlich – so die objektivistische Sicht – ist das Leben jedoch ein emergentes Phänomen, das eigenen, biologischen Regeln gehorcht. Darum gibt es die Biologie als separate Wissenschaft und wir können uns nicht einfach mit Physik begnügen. Der menschliche Geist ist wiederum ein emergentes Phänomen einer bestimmten biologischen Struktur, und gehorcht ebenso seinen eigenen Regeln. Mit diesen befassen sich Geisteswissenschaften wie die Psychologie und die Kulturwissenschaften.

Warum der freie Wille mit der Kausalität vereinbar ist

Ein universell gültiges Naturgesetz gibt es zwar für die unbelebte Natur, für Lebewesen und für den Geist, also für die ganze Welt, aber es ist nicht der Determinismus, der eine grundlegend falsche Annahme ist. Es ist die Kausalität. Und die Kausalität bedeutet nicht etwa (wie der schottische Philosoph David Hume meinte), dass ein Ereignis notwendig aus einem anderen Ereignis hervorgeht, ein Ereignis die Ursache eines anderen Ereignisses ist. Aus dieser deterministischen Sicht ließe sich eine Kette von automatisch abfolgenden Ereignissen bis zum Urknall zurückverfolgen. Tatsächlich ist eine Ursache jedoch eine, im weiten Sinne, handelnde Entität.

Zum Beispiel verursachen wir Hitze, wenn wir unsere Hände aneinander reiben. Wir (Entität) tun also etwas (Handlung). Das Ereignis „heiße Hände“ wird nicht durch das Ereignis „Hände, die aneinander reiben“ automatisch ausgelöst. Ebenso stößt eine Kugel zum Beispiel an eine andere und schiebt sie so von sich weg. Das Ereignis „Stoßen“ führt nicht zum Ereignis „Wegschieben“, sondern eine Kugel (Entität) stößt an eine andere (Handlung) und schiebt sie so davon (Ereignis).

Demnach gibt es keine unendliche Kette an Ursache-Wirkung-Ereignissen, sondern es gibt nur handelnde Entitäten, die Ereignisse auslösen. Es muss im Übrigen keine erste Ursache (Gott) geben, sondern es kann eine zeitlich unendlich zurückreichende Menge an Entitäten (nicht nur Lebewesen, auch Moleküle, Atome, etc.) geben, die Dinge verursachen. Das Universum kann also, in irgendeiner Form, schon immer existiert haben. Der Urknall gilt nur als der Anfang des uns bekannten Universums – nicht von allem, was ist, also vom Universum im philosophischen Sinne.

Die Willensfreiheit bedeutet, dass wir Gedanken und Handlungen selbst einleiten können. Daher ist sie zwar nicht mit dem Determinismus, aber mit dem universellen Kausalgesetz vereinbar. Wir (Entität) verursachen Gedanken und Handlungen. Es gibt keine unendliche Kette von Ursache-Wirkung-Ereignissen, die schließlich automatisch zu unseren Gedanken und Handlungen führt. Und es gibt keinen Grund, warum es sie geben sollte oder müsste.

Warum ist der freie Wille evolviert?

Das Vermögen, Gedanken und Handlungen selbst einleiten zu können, hat erhebliche evolutionäre Vorteile. Wir sind die dominante Lebensform auf unserem Planeten, weil wir die Willensfreiheit besitzen und diese rational zur Erkenntnis und Nutzung der Welt einsetzen können. Wir können uns entscheiden, den Dingen, die wir beobachten, Begriffe zuzuordnen und das, was wir beobachten, auf seine Kausalität zu erforschen. Wir können über die Welt reden, sie verstehen und sie für unser Leben nutzen. 

Dank unseres konzeptuellen Denkvermögens können wir Informationen außerhalb unseres Geistes speichern, etwa in Büchern oder Computern. Wir können lange in die Zukunft planen und so unser Überleben sichern, wo andere Tiere sterben würden. Unwetter machen uns weit weniger aus als anderen Lebewesen, weil wir uns auf sie vorbereiten können. Wir ertrinken nicht einfach, wenn eine Flut kommt, sondern bauen einen Damm. Wir verbrennen nicht bei einem Waldbrand, sondern wir rufen die Feuerwehr, die wir für solche Fälle eingeplant haben, und so wird der Brand gelöscht.

Unser Geist und die Willensfreiheit, mit der wir bewusste Gedanken und Handlungen auslösen, sind also von entscheidender Bedeutung für den evolutionären Erfolg des Menschen. Dass so viele Biologen und Neurowissenschaftler den Geist bestenfalls als wenig bedeutendes „Nebenprodukt“ der Evolution betrachten, sagt einiges über sie und unsere Kultur aus – aber nichts über unseren Geist. Und nichts über die Willensfreiheit.

Literatur

  • Alfred R. Mele: Free. Why science hasn’t disproved free will.
  • Ayn Rand: „The metaphysical and the man-made“. In: Philosophy. Who needs it.
  • Daniel N. Robinson: Consciousness and its implications.
  • Edwin A. Locke: The illusion of determinism. Why free will is real and causal. 
  • Kenneth R. Miller: The human instinct.
  • Raymond Tallis: Aping mankind.
  • Raymond Tallis: Why the mind is not a computer.

Mehr zum Thema Kausalität und Willensfreiheit unter: Metaphysik.