Wenn ein Christ die Vernunft erklären muss

Ich lese gerade das „Handbook of Christian Apologetics“ des thomistisch-katholischen Philosophen Peter Kreeft. Also ein Buch für Katholiken, die ihren Glauben argumentativ verteidigen möchten. Die Argumente für Gottes Existenz und den christlichen Glauben darin überzeugen mich nicht, ich bleibe also weiterhin Atheist. Da ich jedoch auch in einer aristotelischen Tradition stehe, bin ich bei den Ausführungen über die Vernunft und bei der Kritik an modernen und postmodernen Philosophien oft einer Meinung mit Kreeft.

Wenn er etwas „Häresie“ nennt, denke ich mir daher gar nicht so selten: Hm, er hat Recht, dieser Unsinn ist wirklich Häresie. Kreeft glaubt wie Thomas von Aquin, dass der christliche Glaube und die Vernunft vereinbar sein müssen. Er hat eine sehr hohe Meinung von der Vernunft als eine Art von Gottesgeschenk an den Menschen. Hier möchte ich einige besonders schöne Passagen aus dem Buch über die Vernunft und den Unsinn, den unsere Kultur heute stattdessen so treibt, zitieren und kommentieren.

„Normalerweise entscheiden Menschen nicht, was sie glauben möchten, indem sie sich die Belege ansehen, sondern indem sie ideologische Etiketten betrachten, vor allem „links“ oder „konservativ“, oder indem sie sich fragen, mit welcher Gruppe sie assoziiert werden möchten oder durch vage Gefühle und Assoziationen, die durch eine Idee in ihrem Geist ausgelöst werden, statt dass sie sich die Idee selbst ansehen und die Realität außerhalb ihres Geistes, auf die sie hindeutet.“

Orientiert euch an der Realität

Wie Kreeft auch halte ich das für einen gefährlichen Irrweg. Das fällt mir nicht nur bei den Grünen und Klimaaktivisten wie meiner Flamme auf, die einseitig Twitter vollpredigen, ohne sich auf jedwede (auch rationale) Debatte einzulassen. Sondern ebenso an einigen meiner AfD-nahen Facebook-Freunde, die den unglaublichsten Mist, den ihre Partei anstellt, noch verteidigen, obwohl sie inhaltlich gar nicht damit übereinstimmen. Oder an meinen libertären Facebook-Freunden, die Argumente bringen, welche die globale Erwärmung leugnen oder relativieren, weil sonst vielleicht der Staat eine gewisse Anreizfunktion übernehmen müsste und ihnen das ideologisch nicht in den Kram passt.

Schaut euch die Realität an und nicht eure ideologische Gruppe. Wie Kreeft schreibt: „Einen solchen Vernunftersatz brauchen wir nicht und sollten wir nicht einsetzen, um mit denen ‚in Kontakt zu treten‘ oder für jene ‚relevant zu sein‘, die das tun. Wir nehmen Kontakt auf und sind relevant, indem wir nicht die Rationalität durch die Irrationalität austauschen, sondern indem wir die Irrationalität durch die Rationalität austauschen.“

Der Mann hat ein mittelalterliches Weltbild. Er glaubt an Gott, an Engel, an Wunder. Und er ist weit weniger bescheuert als die meisten anderen Leute in unseren Tagen. Welch ein Armutszeugnis für unsere Kultur! Ich könnte unserer Kultur mit einem Handbuch für christliche Apologetik eine Ohrfeige verpassen!

Ein gutes Argument ist wie ein Diamant

In einer besonders schönen Passage vergleicht Kreeft ein gutes Argument mit einem Diamanten. „Wie ein Diamant ist das Licht eines guten Argumentes schön und reflektiert das Licht des Tages, der objektiven Realität. Wie ein Diamant kann das gute Argument kein Licht aussenden, sondern es nur von seiner Quelle in der Realität reflektieren. Wie ein Diamant ist es wertvoll. Wie ein Diamant ist es hart, nicht leicht zu zerschneiden, nicht leicht zu widerlegen; es schneidet durch andere, weichere Materialien, widerlegt und überwältigt Fehler.“

Schließlich antwortet Kreeft auf Ludwig Wittgenstein und seine Erben, die Sprache nur als Spiel ansehen. Demnach korrespondieren Begriffe nicht mit der Realität und müssen nicht klar definiert sein, um eine Bedeutung zu haben. Kreeft: „Ein Begriff ist klar, wenn er verständlich und eindeutig ist. Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit der Realität korrespondiert, wenn sie sagt, was ist. Ein Argument ist valide, wenn die Schlussfolgerung notwendig aus den Prämissen folgt. (…) Das sind nicht die Regeln eines Spiels, das wir erfunden haben und verändern können. Das sind die Regeln der Realität.“

Über eine objektive Ethik

Wie Christen glaube ich auch an eine objektive, faktische Grundlage der Ethik. Aus meiner Sicht ist das allerdings die objektive Realität selbst, die Natur aller Entitäten und ihre Wechselwirkung, die Natur des Menschen und das, was er für ein gutes Leben mit anderen benötigt und tun muss. Aus christlicher Sicht ist die objektive Grundlage der Ethik Gott, ein übernatürliches Geistwesen, also eigentlich ein Subjekt. Sei es drum, ich bin wiederum mit Kreeft einer Meinung, dass „die Gesellschaft“ keine gute Antwort auf die Frage nach der Grundlage der Ethik ist.

Kreeft: „‚Gesellschaft‘ ist eine beliebte Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Moral; ‚diese oder jene spezifische Person‘ eine sehr beliebte Antwort. Doch die beiden sind dasselbe. ‚Gesellschaft‘ heißt nur mehr Individuen.“

Weitere schöne Zitate

„An Wissen über universelle Wahrheiten wie ‚Alle Menschen sind sterblich‘ können wir gelangen und gelangen wir nicht nur durch die Sinneserfahrung (da wir nie alle Menschen wahrnehmen), sondern durch die Abstrahierung der gemeinsamen Essenz oder Natur der Menschheit von den wenigen Einheiten, die wir mit unseren Sinnen erfahren.“ (Soviel zum „Induktionsproblem“)

„Der korrekte theologische Begriff für viele, die sich selbst als ‚liberale‘ oder ‚linke‘ oder ‚progressive‘ Theologen bezeichnen, lautet ‚Häretiker‘.“ (Oder Leute, die noch absurderes Zeug glauben als herkömmliche Katholiken).