Bauernprotest: Sind auch die Landwirte schuld?

Mit den Bauerndemos demonstrieren Landwirte gegen widersprüchliche, existenzbedrohende Gesetze. Sie möchten nicht mehr als Buhmann der Nation angesehen werden und viele fühlen sich nicht länger demokratisch vertreten. Ich unterstütze den Bauernprotest. Am Rande übe ich auch eine Kritik: Die Landwirte haben sich ihre Probleme teilweise selbst zuzuschreiben.

Und zwar, indem sie ihren politischen Gegnern immer weiter entgegengekommen sind bei Themen wie Arten-, Tier-, Gewässerschutz, Genfood und Pestizideinsatz – als die wirklichen Probleme in diesen Bereichen schon längst gelöst waren. Und, indem sie kaum etwas für ihre ideologische Selbstverteidigung getan haben.

Was bekommt man dafür, wenn man seinem politischen Gegner entgegenkommt? „Wir haben in den letzten Jahren auf unserem Hof viele Maßnahmen für Artenvielfalt erprobt. Das war so erfolgreich, dass 20% meiner Fläche unter Naturschutz gestellt werden soll“, berichtet ein Landwirt aus Oberbayern (via Bernhard Barkmann). Grüne Ideologen sind erst zufrieden, wenn ihre Utopie von kleinen Bauernhöfen mit glücklichen Kühen aus dem Bilderbuch Realität wird. Also nie. Denn solche Bauernhöfe hat es niemals gegeben und kann es nicht geben.

In der modernen „Massentierhaltung“ geht es den Tieren tatsächlich besser als: 1. jemals in der Geschichte der Tierhaltung und 2. als in der freien Natur, wo sie von Raubtieren und Parasiten gefressen werden, erfrieren oder verhungern. Die Lebenserwartung von Tieren ist in der modernen landwirtschaftlichen Haltung deutlich höher als in der Wildnis. Obwohl man sie letztlich für ihr Fleisch tötet. Und es geht ihnen gesundheitlich deutlich besser. Für Belege siehe das Buch „Kritik der vegetarischen Ethik“ vom ausgebildeten Landwirt und Diplomsozialwissenschaftler Klaus Alfs. Das hören Sie zum ersten Mal? Dann ahnen Sie, wie weit der grüne Unsinn in unserer Kultur bereits verankert wurde.

Gehört die ideologische Selbstverteidigung zu den Aufgaben eines Landwirts?

Auf Twitter führte ich mit einigen der einflussreicheren Aktivisten unter den Landwirten eine Diskussion über die eigene Verantwortung, die sich die Bauern zuzuschreiben haben. Ich bemerkte: „Die Bauern haben sich ihre Probleme auch selbst zuzuschreiben. Sie haben zugesehen, wie grüne Ideologen die Medien, Schulen, Universitäten und die Kunst eroberten. Sie haben so gut wie gar nicht in ihre ideologische Selbstverteidigung investiert.“

Die Landwirtin, studierte Philosophin und gelernte Redakteurin Susanne Günther (die auch für Novo schreibt wie ich) bemerkte als Antwort: „Wann denn? Hast Du eine Ahnung, wieviel Arbeitsstunden so eine Woche in der Landwirtschaft hat? Die Kulturschaffenden sind da klar im Vorteil. Mein Beitrag ist übrigens hier: schillipaepa.net“ (ihr Agrar-Blog).

Klar, Susanne Günther ist die letzte und nicht die erste Person, der man eine mangelnde Investition in die ideologische Selbstverteidigung ihrer Branche vorwerfen kann. Ihre Antwort weicht trotzdem dem Thema aus. Landwirte hätten demnach einfach keine Zeit und wir faulen Medienmenschen schon. Die Idee, dass ausgerechnet wir eine ruhige Kugel schieben könnten, halte ich für arg weit hergeholt. Vielleicht war das einmal so, aber bestimmt ist das heute nicht mehr so. Ich antwortete: „Die Kulturschaffenden gehören zu den Geringverdienern in der Mittelschicht, aktuell kommt auch noch das Zeitungssterben dazu.“

Der Journalismus befindet sich in einer existenziellen Krise, unter anderem deshalb mache ich auch kaum noch welchen, sondern Marketing. Als ich noch Bücher schrieb und journalistisch tätig war, dachte ich: Ok, wenn ich das weiter mache, werde ich verhungern. Ein wichtiger Antrieb für Menschen, heute noch „journalistisch“ tätig zu sein, ist die Verbreitung ihrer Ideologie mit Hilfe der Massenmedien. Und heute ist das oftmals eine nihilistische, grün-sozialistische Ideologie.

Weiterhin bemerkte Günther: „‚hat man überall siegen lassen‘ – Das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die jetzigen Medienmenschen sind mit Karl dem Käfer, dem Waldsterben und ‚No Future‘ sozialisiert worden. Da ist Umweltschutz das Heilsversprechen überhaupt.“ Ich wies darauf hin: „Eben. Ihr habt aufgegeben, bevor ihr angefangen habt, weil es ein Kampf gegen Windmühlen sein soll. Ist es nicht.“ Ich habe empfohlen, die Landwirte bräuchten eine gut finanzierte Lobbygruppe für die publizistische Öffentlichkeitsarbeit, eigene hochwertige und reichweitenstarke Publikationen. Mit genügend Geld und Zeit ist das zu machen.

Es ist natürlich schwieriger geworden, weil man so lange geschlafen hat. Und es wird immer schwieriger werden, je länger die Branche weiter schläft. Dasselbe gilt für die Atomkraftbranche, die Gentechnikbranche, die Autobranche und im Grunde geradezu jede Branche, die von „linken“ und grünen Kapitalismuskritikern angegangen wird. Ja, das kommt auch für die Windkraft- und Ökolandwirtschafts-Branchen. Die sind auch „kapitalistisch“.

Trecker in Hamburg (Foto: Andreas Müller)

Wozu der Bauernprotest (hier in Hamburg), wenn ihr eigentlich schon aufgeben habt? (Foto: Andreas Müller)

Von Selbstzweifeln gelähmt

Wir Geisteswissenschaftler können uns schon lange viel Hohn und Spott darüber anhören, wie ökonomisch nutzlos unser Wissen über Kultur, Literatur, Geschichte, Philosophie sei. Die Leute, die uns veralbern, werden jetzt von grünen Ideologen mit oftmals geisteswissenschaftlichem Hintergrund existenziell vernichtet. Ich hatte immer auch ein starkes Interesse an Naturwissenschaften und Ökonomie, wohl vor allem deshalb teile ich die grünen Wahnvorstellungen nicht. Viele Menschen aus den „harten“ MINT-Fächern schätzen die Bedeutung von Ideen falsch ein. Wenn ihr euch am Ideenwettstreit in Gesellschaft und Politik nicht beteiligt, werden sie euch nicht in Ruhe lassen, sondern ihr könnt euren Beruf aufgeben oder auswandern.

Günther: „Landwirtschaftliche Lobbygruppen gibt es zuhauf, die werden von der Presse nicht als glaubwürdig wahrgenommen. Schau mal, wie etwa @BayerPresse_DE angegangen wird.“ Bayer wird seit der Übernahme in der Öffentlichkeit als das „böse“ Monsanto wahrgenommen – gegen das in der Realität übrigens gar nichts spricht, jedenfalls nicht mehr als gegen irgendein anderes Unternehmen. Und meines Wissens gibt es ungefähr einen Menschen in Deutschland, der sich öffentlich mit Monsanto solidarisieren würde.

Als ich mit meinem Monsanto-T-Shirt durch Hamburg gelaufen bin, reichten die Reaktionen von Amüsiertheit (na ja, sollen sich die Grünen auch mal aufregen) und blankem Horror – als hätte ich ein riesiges Hakenkreuz auf dem Shirt. Und doch sind es letztlich alles Lügen, was über Monsanto verbreitet wird, und die moralisch richtige Haltung ist es, sich auf die Seite der Opfer von Rufmord und Propaganda zu schlagen. Hätten das genügend Menschen mit genügend Mitteln lange genug getan, hätten heute die Monsanto-Kritiker den Ruf von Monsanto.

Und das ist wohl der Kern des Problems: Viele Landwirte zweifeln daran, dass sie überhaupt auf der moralisch richtigen Seite stehen. Sie teilen streckenweise die grüne Ideologie und planzen lieber mal ein Biosiegel und einen „Ohne Gentechnik“-Sticker auf ein Produkt, als sich zu wehren. Ich verlange ja nicht einmal, dass sich Menschen, wie ich als Aufklärer, generell und praktisch ohne Eigennutzen (eher mit Eigenschaden) für die Verbreitung der Wahrheit einsetzen. Nein, sie müssen sich nur für ihre eigenen engen ökonomischen Interessen einsetzen und sich zu diesem Zweck informieren über die ideologischen Zusammenhänge, die Motivation der grünen Aktivisten. Aber das tun viele einfach nicht.

Aufgeben bedeutet Verlieren

Letztlich musste ich da fragen, was der Sinn von Günthers Blogs eigentlich sein soll und wozu der Bauernprotest dient, wenn sie die weiße Flagge schon längst gehisst hat? Günther: „Der Blog ruht derzeit einigermaßen. Es ist sinnvoller, mit den Kindern Vokabeln zu lernen. Die werden sie nämlich brauchen.“ Das glaube ich nicht, da „linke“ (eigentlich nihilistische) Aktivisten und Politiker auch die Bildung in Deutschland zerstören.

Es gibt immer mehr Kinder, die den Sinn von Texten nicht verstehen können. Und immer mehr Menschen, die lieber trommeln, tanzen und Parolen schreien, statt sich zu informieren und rational zu argumentieren und zu diskutieren. Ihr mögt eure Branche aufgeben und auf andere umsatteln, während ihr den Nachwuchs für andere Karrierpfade fit macht. Dann werden die sozialistischen Ideologen eure nächste Branche zerstören und den anderen Karrierepfad eurer Kinder. Ihr kämpft oder ihr sterbt. Punkt.

Und daher die letzte Frage, die ich in der Diskussion gestellt hatte:

Wo ist euer Greenpeace? Wo ist eure Greta? Wo ist euer Online-Magazin?

Andreas Müller mit Monsanto T-Shirt (Foto: Andreas Müller)

Ich mit Monsanto-T-Shirt (Foto: Andreas Müller)

Und im Übrigen: Warum lasst ihr es zu, dass das journalistisch-publizistische Novo so unterfinanziert ist, dass es nicht einmal mehr einen Chefredakteur hat? Da serviert man euch eine traditionsreiche Publikation, welche die richtigen Zielgruppen erreichen kann – nämlich die einflussreicheren, akademischeren Zielgruppen – auf dem Silbertablett. Und dann nörgelt ihr herum, dass „die Medien“ so gegen euch wären und lasst es vor sich hin vegetieren.