Asche auf Euer Haupt

Die Aktionskünstler des Zentrums für Politische Schönheit errichteten in der Nähe des Reichstags eine Säule mit der Asche von in Auschwitz Ermordeten. Die Aktion wurde von verschiedenen Kreisen, darunter vom Zentralrat der Juden und von der AfD-Fraktion Berlin, kritisiert und das ZPS entschuldigte sich schließlich für eine Verletzung religiöser Gefühle.

Wenn sich jemand für die Verletzung religiöser Gefühle entschuldigt, ist das schon einmal ein Warnsignal. Bedenkt man die Hintergründe und den Kontext der Aktion, teile ich die Meinung des Historikers Götz Aly dazu: Ich finde sie insgesamt gut. Und ich kann die Kritik rund um eine angeblich „gestörte Totenruhe“ angesichts dessen, wo die Asche vorher war – irgendwo verstreut und keineswegs bestattet – nicht nachvollziehen.

Die Aktion führte auf Twitter sofort zu empörten Verurteilungen. Darunter auch aus liberalen Kreisen, denen ich ideologisch nahestehe. So twitterte Marc Felix Serrao von der Neuen Zürcher Zeitung: „Was das sogenannte Zentrum für politische Schönheit hier veranstaltet, ist Störung der Totenruhe. Leichenschändung. Nichts anderes. Die Asche von Opfern des Naziterrors wird ausgebuddelt und ausgestellt – als PR-Stunt. Ekelhaft.“ NZZ-Redakteurin Anna Schneider twitterte: „Das ist auf so vielen Ebenen widerwärtig. Anstand, wo.

Es ist jedoch vor allem eine Aktion, die auf den bisherigen widerwärtigen und unanständigen Umgang mit der Asche der Nazi-Opfer hinweisen sollte. Und das auf eine Weise, welche die nötige Aufmerksamkeit erzeugte, damit über dieses Thema gesprochen wird. Denn bevor ein Teil der Asche in dieser Säule landete, wo war sie vorher?

„Die Überreste, die in die Flüsse geworfen wurden, sind an deren Biegungen angeschwemmt worden und dort zu sehen. In der Asche sind kleine Knochenstücke. Diesen Relikten begegnet man überall. Das ist kein Geheimnis. Schüler und Erwachsene haben immer wieder kleine Knochenstücke aus dem Boden der Vernichtungslager als Andenken mitgenommen.“ Das schreibt die Berliner Zeitung. Und dieser Artikel war einer der ersten, der zur Aktion veröffentlicht wurde, man hätte dies also vor empörten Reaktionen wissen können.

Was stört die Totenruhe?

Der Zentralrat der Juden twitterte dazu: „Die jüngste Aktion von @politicalbeauty ist aus jüdischer Sicht problematisch, weil sie gegen das jüdische Religionsgesetz der Totenruhe verstößt. Sollte es sich tatsächlich um Asche von Schoa-Opfern handeln, dann wurde die Totenruhe gestört.“ Das scheint zu implizieren, dass es besser gewesen wäre, die Asche einfach liegenzulassen.

Die Totenruhe wurde dann wohl offenbar nicht dadurch gestört, dass die Asche nie bestattet wurde oder dass sie einigen Besuchern als Andenken an den Vernichtungslager-Besuch diente. „Mitunter lagen Knochen direkt unter der Grasnarbe und ragten metertief in einen Abgrund. Wir fanden Knochenkohle, sedimentierte Asche und menschliche Fragmente in den Flussläufen der Weichsel, Zähne direkt auf Feldern, Knochenreste in allen erdenklichen Körnungsgrößen. Es gibt dort kein Grab, keine letzte Ruhestätte“, so die Berliner Zeitung. Alles kein Problem für das „jüdische Religionsgesetz“? Die Leute aufzurütteln und sie darauf hinzuweisen, wie man bislang mit der Asche verfahren ist – in Form eines Denkmals – das soll vielmehr das Problem sein.

Der Historiker Götz Aly im MDR-Interview zum Thema: „Die deutschen Kriegsgräber für unsere Soldaten sind überall gepflegt, von Sankt Petersburg bis Kreta. Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet. Das ist schon eine Art von Verdrängung, von ’nicht wissen wollen.'“ Den wissenschaftlichen Begleittext zur Aktion, Die Wege der Asche, bewertet Aly laut Deutschlandfunk als „wissenschaftlich sehr seriösen Text, der erste Text, der das Thema systematisch aufarbeite.“

Bislang gab es keine (!) wissenschaftlichen Arbeiten über die sterblichen Überreste der von den Nazis in den Lagern ermordeten Juden. Das Zentrum für Politische Schönheit hat sich hier also verdient gemacht um die wissenschaftliche Forschung und um die historische Aufarbeitung. Inzwischen hat sich die orthodoxe Rabbinerkonferenz der Asche angenommen und sie kann bestattet werden. Was vor der Aktion nicht geschehen war. Ein weiterer Verdienst des ZPS.

Die wahren „Volksverräter“

Abgesehen von diesem legitimen Kernanliegen nutzt das ZPS die Asche auch, um die AfD und eine angeblich mögliche Zusammenarbeit der CDU/CSU mit der AfD zu kritisieren. Wie Götz Aly sagt: „Ich würde es nicht instrumentalisieren gegen die jetzige AfD.“ Das ist der Aspekt an der Aktion, der schon zweifelhafter ist.

Allerdings hat die AfD durchaus massive Abgrenzungsprobleme zu Rechtsextremen – und das ist milde ausgedrückt. Ich empfehle dazu einen neuen Artikel von meinem Freund Lukas Mihr: Die wahren „Volksverräter“. Diese sehr deutliche und dabei sehr differenzierte und faktenreiche Kritik an der AfD wollten konservative Publikationen nicht veröffentlichen. Übrigens hat das ZPS den Grabstein des konservativen Hitler-Ermächtigers Franz von Papen vor der CDU-Parteizentrale abgestellt, um die „historische Schuld des deutschen Konservatismus“ zu thematisieren.