Die Wahrheit über Greta Thunberg

Wie könnt ihr es wagen? Im Gegensatz zu manch anderen Klimaaktivisten wie Luisa Neubauer wird Greta Thunberg in vielen Punkten zu unrecht kritisiert. Hier geht es darum, was Greta wirklich sagt, wo sich ihre Kritiker irren – und was ich selbst an ihr zu kritisieren habe.

Was Greta sagt:

  1. Was sagt Greta?
  2. Sollte Greta wegen ihres Asperger-Syndroms nicht ernst genommen werden?

Widerlegung der Kritik:

  1. Ist Greta eine Marionette?
  2. Was, wenn Greta stattdessen gegen Einwanderung demonstrieren würde?
  3. Ist Greta nicht qualifiziert, über Klimaforschung zu sprechen?
  4. Möchte Greta eine Klimadiktatur?
  5. Ist Gretas apokalyptische Rhetorik kontraproduktiv?
  6. Ist Greta eine Heuchlerin?

Meine Kritik:

  1. Gretas Ablehnung der Atomkraft
  2. Gretas Kooperation mit Luisa Neubauer
  3. Gretas Veganismus

Was sagt Greta?

Greta zitiert in ihren Reden wissenschaftliche Erkenntnisse aus den IPCC-Berichten. Sie fordert auf dieser Grundlage und auf der Grundlage internationaler Vereinbarungen wie dem Übereinkommen von Paris Politiker zur CO2-Reduktion in den wohlhabenden Ländern auf. Entwicklungsländer hingegen sollen zunächst, auch durch CO2-Ausstoß, ihren Wohlstand aufbauen können („Klimagerechtigkeit“). Greta möchte armen Ländern also keineswegs den Wohlstand des Westens vorenthalten.

Aus ihrer Rede an die Nationalversammlung in Paris vom 23. Juli 2019: „[Viele Leute] sagen, wir Kinder übertreiben, wir sind Alarmisten. Um darauf zu antworten, möchte ich auf Seite 108, Kapitel 2 im neuesten IPCC-Bericht verweisen. Dort werden Sie all unsere ‚Meinungen‘ zusammengefasst vorfinden […].“

Aus ihrer Rede bei den Vereinten Nationen am 3. Dezember 2018: „Das heißt, dass reiche Länder wie meines ihre Emissionen innerhalb von sechs bis zwölf Jahren bei der heutigen Ausstoßgeschwindigkeit auf Null reduzieren müssen, sodass Menschen in ärmeren Ländern ihren Lebensstandard anheben können, indem sie einen Teil der Infrastruktur errichten, die wir schon gebaut haben. Darunter Krankenhäuser, Elektrizität und sauberes Trinkwasser.“

Sollte Greta wegen ihres Asperger-Syndroms nicht ernst genommen werden?

Das Asperger-Syndrom ist eine milde Form von Autismus. Das Syndrom beeinträchtigt die nicht-verbale Kommunikationsfähigkeit (vor allem Gesichtsausdrücke), nicht aber das rationale Denken. Im Gegenteil haben einige wenige Menschen mit Asperger-Syndrom eine höhere Intelligenz als der Durchschnitt, manche sind sogar hochbegabt. Berühmte „Aspies“ waren nach heutiger Auffassung unter anderem Sir Isaac Newton, Michelangelo, Charles Darwin, Wolfgang Amadeus Mozart und Steve Jobs. Schließlich gibt es meiner Ansicht nach plausible Spekulationen darüber, dass die US-amerikanische Philosophin Ayn Rand das Asperger-Syndrom hatte.

Mit anderen Worten hatten einige der größten Genies der Menschheitsgeschichte wahrscheinlich das Asperger-Syndrom. Wer sie darum nicht ernst nehmen und etwa die Erkenntnisse von Netwon und Darwin lieber ignorieren möchte, müsste auf einige der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse verzichten. Im Gegensatz zu schwerwiegenderen Formen von Autismus hat das Asperger-Syndrom bei einigen wenigen Betroffenen also auch Vorteile oder „Superkräfte“, wie Greta sie nennt. Neben der erhöhten Intelligenz vor allem die Fähigkeit, sich sehr tiefgehend und intensiv fokussiert mit einem Thema oder einer Aufgabe befassen zu können. Und eine erhöhte Objektivität, Ehrlichkeit und Rationalität – auch wenn diese zum Teil aus den Defiziten hervorgehen.

Wie Greta in ihrer TEDx-Rede sagte: „Für uns auf dem [autistischen] Spektrum ist fast alles schwarz oder weiß. Wir sind nicht so gut im Lügen und wir genießen es für gewöhnlich nicht, am gesellschaftlichen Spiel teilzunehmen, das die Übrigen von euch so zu genießen scheinen.“ Greta sieht das Asperger-Syndrom laut einem Facebook-Beitrag (übersetzt von Volksverpetzer) auch als Vorteil: „Wäre ich ‘normal’ und sozial gewesen, hätte ich mich in einer Organisation wiedergefunden oder eine selbst gegründet. Doch da ich nicht so gut darin bin, mit anderen Menschen zu sozialisieren, habe ich stattdessen das gemacht.“ Und mit dieser Vorgehensweise hatte sie großen Erfolg.

Die wohl größte Beeinträchtigung von Aspies ist ihre Schwierigkeit, Gesten und Mimik ihrer Gesprächspartner intuitiv richtig zu interpretieren. Sie können offensichtliche Emotionen und Signale wie Lachen und Weinen verstehen, aber wenn es um die Deutung von graduelleren Emotionen und des subtilen Subtextes bei der Kommunikation und bei menschlichen Beziehungen geht, stehen sie vor einer großen, Energie raubenden Herausforderung. Für sie ist die Interpretation von nichtverbalen Signalen eine intellektuelle Aufgabe, während neurotypische Menschen dafür kaum einen Aufwand betreiben müssen und sie intuitiv verstehen.

Wie andere Autisten haben Aspies Probleme damit, Menschen für längere Zeit in die Augen zu sehen – wohl, weil die Interpretation des Blicks besonders schwierig für sie ist und sie verunsichert. Auch sind sie für ihren oftmals neutralen, emotionsarmen Gesichtsausdruck bekannt. Greta wirkt daher manchmal gefühlskalt – innerlich ist sie das sicher nicht, wohl eher im Gegenteil. Die Schwierigkeiten bei der Interpretation der Signale und Emotionen anderer haben Aspies auch bei der Interpretation ihrer eigenen Emotionen. Sie wissen oft nicht genau, warum sie sich schlecht fühlen und etwa deprimiert sind – unter Depressionen leiden Aspies häufig, auch Greta.

Wie erwähnt neigen Aspies dazu, sich sehr tiefgehend und intensiv mit bestimmten Lieblingsthemen wie dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Aspies sind sie „wundersamen“ Kinder, die manche vielleicht in Schulzeiten kennen lernten, die zum Beispiel alles über Batterien wussten oder alles über den spanischen Bürgerkrieg und jedem gerne darüber ausführlich berichteten. Aspies mögen, wie andere Autisten, am liebsten in ihrer bekannten Umgebung bleiben und sie genießen es, immer wieder dasselbe oder etwas ähnliches zu tun.

Die vielen Reisen, die Greta unternimmt, sind für Aspies untypisch und vermutlich sind sie sehr anstrengend für das Mädchen. Wahrscheinlich sind sie im größeren Kontext zu sehen: Sie engagiert sich für ihr Lieblingsthema. Dazu kommt bei Aspies und anderen Autisten häufig eine gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Lärm, Licht und intensivem Geschmack (wie scharfes Essen).

Auch typisch für das Asperger-Syndrom ist die Neigung der Betroffenen, Dinge in Kategorien zu stecken. Ayn Rand sammelte zum Beispiel Briefmarken und Steine. Sie hatte am Ende 200 Kartons vom Gemüsehändler, in die sie verschieden farbige Steine einsortiert hatte. Einige Aspies haben zudem, wie Autisten generell, motorische Probleme und ein gestörtes Körpergefühl, versagen daher etwa beim Sport. Auch haben manche ein Problem mit der Interpretation von Metaphern und sie neigen dazu, alles wörtlich zu nehmen. Schließlich haben sie oft eine individuell eigentümliche Art zu sprechen, die in Wortwahl und Satzbau anspruchsvoll, aber auch recht gleichförmig ausfallen kann. Allerdings gibt es verschiedene Ausprägungen und nicht alle Symptome müssen auf einen individuellen Aspie zutreffen.

Der Aufbau von Freundschaften ist für Aspies schwierig, der Aufbau romantischer Beziehungen noch schwieriger. Die meisten haben keine Nachkommen. Nur etwa 20 Prozent gehen einer geregelten Tätigkeit nach. Und längst nicht alle der Hochbegabten unter ihnen sind beruflich tätig – hier entgeht unserer Gesellschaft ein enormes Potenzial und das auch darum, weil nur wenige Menschen mit Asperger-Autismus vertraut sind, viele die Betroffenen falsch verstehen und keine Rücksicht auf ihre Sonderbarkeiten nehmen. Wer wissen möchte, welches Potenzial uns entgeht: Ich erinnere daran, dass Newton und Darwin wahrscheinlich Aspies waren.

Infos: Autismus-Kultur.de

Literaturtipp: Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom: Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. 2016.

Ist Greta eine Marionette?

Angeblich soll Greta eine PR-Figur des Unternehmers Ingmar Rentzhog sein oder als Goldesel für ihre Eltern dienen. Dann wäre da noch die antisemitische Rothschild-Verschwörung rund um das Segelboot, das sie auf dem Weg in die USA nutzte. Das ist alles falsch.

Was, wenn Greta stattdessen gegen Einwanderung demonstrieren würde?

Da Greta für den Klimaschutz eintritt, erhält sie viel Unterstützung. Wäre Greta aber die Fürsprecherin für ein anderes Anliegen wie ein ethnisch gesäubertes Land, dann wäre sie nicht mehr so populär. Soweit das Argument. Was mit diesem „Argument“ ausgesagt werden soll, ist mir nicht klar. Wäre Greta ein Nazi, würden sie die meisten Menschen demnach nicht mehr toll finden. Ja, dem wird gewiss so sein. Gretas Popularität hängt sicher auch von der ethischen Qualität ihres Anliegens ab. Das dürfte auch kaum jemand bezweifelt haben.

Ist Greta nicht qualifiziert, über Klimaforschung zu sprechen?

Greta ist nur ein Teenager und kein Klima-Experte. Warum wird sie dann überhaupt ernst genommen?

  1. Die Klima-Experten sagen seit Jahrzehnten dasselbe wie Greta und werden weitgehend ignoriert.
  2. Greta stellt keine originellen Thesen auf und hat auch nicht diesen Anspruch. Sie zitiert lediglich Experten und weist auf deren Forschung hin. Ein Journalist könnte dasselbe tun und niemand würde von ihm verlangen, selbst Experte sein zu müssen.
  3. Gretas Reden werden von Klimaforschern zunächst auf Faktentreue geprüft.

Möchte Greta eine Klimadiktatur?

Einige Klimaaktivisten befürworten tatsächlich eine Diktatur, da sie die Demokratie für ungeeignet halten, den CO2-Ausstoß hinreichend zu reduzieren. Greta gehört aber nicht dazu. Gegenüber dem New York Magazine sagte sie auf die Frage, welche Art von politischer Machtstruktur sie bevorzuge: „Ich kann mich zu solchen Dingen nicht wirklich äußern; niemand würde mich ernst nehmen. Ich versuche also, nicht über Politik und diese Art von … Struktur zu reden. Ich denke einfach, dass wir auf die Wissenschaftler und die Experten hören sollten, damit sie sagen können, wie mit der Situation am besten umzugehen ist.“

Ist Gretas apokalyptische Rhetorik kontraproduktiv?

Greta hat mit Phrasen wie „Unser Haus steht in Flammen“, „Wie könnt ihr es wagen?“ und „Ich möchte, dass ihr in Panik geratet“ Schlagzeilen gemacht. Sie wird gerne auf diese Phrasen reduziert und die Leute beschäftigen sich oft nicht mit ihren eigentlichen Aussagen und verzichten darauf, sich ihre vollständigen Reden anzuhören. Greta stellte nun laut Tagesspiegel selbst fest, dass ihre emotionale Rhetorik kontraproduktiv war und dass sie diese nicht mehr einsetzen möchte. Auch sie ist der Meinung, dass die Rhetorik eher von ihrem Anliegen ablenkt.

Ist Greta eine Heuchlerin?

Auf Facebook und Twitter werden Fotos von Greta geteilt, die sie angeblich als Heuchlerin entlarven. Eines davon zeigt sie im Zug mit Plastikverpackungen von Lebensmitteln. Das Engagement gegen Plastik seitens vieler Umweltaktivisten hat eigentlich nichts mit CO2 und Klimawandel zu tun. Das ist ein separates Thema. Es geht hier um 1. angeblich für Menschen schädliches Mikroplastik (dafür gibt es keine Belege), 2. angeblich für Tiere schädliches Mikroplastik (dafür gibt es für bestimmte Meeresbewohner Belege) und 3. die Vermüllung des Ozeans mit Plastik (dafür gibt es Belege, aber der Müll wird vor allem in einigen Entwicklungsländern ins Meer geworfen und kaum im Westen – auch wenn der Müll ursprünglich aus dem Westen stammt). Selbst, wenn man einen Zusammenhang mit dem Klimawandel sieht: Einige Lebensmittel haben eben Plastikverpackungen. Na und?

Ein weiteres Foto zeigt Greta zuhause bei ihren Eltern. Im Wohnzimmer sind Möbelstücke zu sehen, die angeblich viel Geld gekostet haben. Als Beleg verweisen die Urheber auf schwedische Möbelprospekte, die ähnlich aussehende Möbelstücke zeigen und die ein ansehnliches Preisschild besitzen. Die auf dem Foto zu sehenden Möbelstücke sind wahrscheinlich jedoch günstigere Nachbildungen oder andere Möbel mit einem ähnlichen Design wie die Luxusmöbel. So oder so verstehe ich nicht, was damit ausgesagt werden soll. Hat sich Greta schon einmal gegen teure Möbel engagiert? Ist die globale Erwärmung eine Lüge, weil Gretas Eltern teure Möbel kaufen? Worum geht es überhaupt?

Meine Kritik: Gretas Ablehnung der Atomkraft

Mein hauptsächlicher Kritikpunkt an Greta ist ihre skeptische Haltung gegenüber der Atomkraft („Persönlich bin ich gegen Atomkraft“, schrieb sie laut der Welt auf Facebook, obwohl der IPCC sie befürwortet). Meiner Ansicht nach ist die beinahe CO2-neutrale Atomkraft die entscheidende Technologie im Kampf gegen die globale Erwärmung. Sie ist verlässlich, effizient, wirtschaftlich betreibbar und stellt genügend Energie bereit für eine moderne Zivilisation. Außerdem ist die Technologie sicherer als alle anderen. So hat die Atomkraft bis heute weniger Todesopfer verursacht als jeder andere Kraftwerkstyp – Tschernobyl und Fukushima eingerechnet. Die Endlagerung ist ein politisches, kein technisches Problem.

Literaturtipp: Novo-Dossier zur Atomkraft

Meine Kritik: Gretas Kooperation mit Luisa Neubauer

Ferner finde ich Gretas Kooperation mit Luisa Neubauer fragwürdig. Neubauer wurde zurecht dafür kritisiert, dass sie selbst schon als Vielfliegerin Reisen in zahlreiche Länder unternommen hat und nun anderen Menschen die Flugreisen erschweren möchte – jetzt, wo sie schon alles gesehen und erlebt hat. Ferner hat sie ihre Solidarität mit Ende Gelände erklärt und dies meines Wissens noch nicht zurückgenommen.

Ende Gelände gehört zur Interventionistischen Linken (IL) – eine linksextreme Organisation, die der Verfassungsschutz im Auge hat. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt: „Die IL als derzeit mobilisierungsstärkste linksextremistische Struktur übernimmt eine ‚Scharnierfunktion‘ zwischen dem linksextremistischen und dem nicht extremistischen Spektrum.“ Es geht der IL und ihren Abspaltungen wie Ende Gelände um die Gewinnung der linksliberalen Mitte für ihre Anliegen. Argumentativ hat Ende Gelände nicht viel zu sagen, siehe dazu meine eigene Diskussion mit den Aktivisten. Die Extremisten freuen sich zweifellos über die Schützenhilfe vonseiten Fridays for Future.

Greta selbst hat meines Wissens nichts mit Extremisten am Hut. Es war allerdings achtlos von ihrem Vater und ihr, dass sie sich im Hambacher Forst mit einer Vermummten fotografieren ließ. Viele Leute im libertären und rechten Spektrum halten Klimaaktivisten für verkappte Sozialisten, die eine Klimadiktatur errichten wollen. Klimaaktivisten, die das tatsächlich nicht möchten, sollten sich nicht mit Linksextremisten solidarisieren oder sich mit ihnen fotografieren lassen. Das Foto war allem Anschein nach und laut Aussage von Gretas Vater aber seitens der beiden nicht so beabsichtigt.

Meine Kritik: Gretas Veganismus

Greta bleibt vage, was ihre Lösungsvorschläge der Klimakrise für die Gesellschaft angeht. Sie persönlich hat jedoch unter anderem die Konsequenz für sich gezogen, vegan zu leben (das heißt völlig ohne tierische Produkte, wie sie erklärt), wofür sie neben ethischen auch Umwelt- und Klimagründe anführt. Auf ihre Gründe geht sie nicht näher ein. Die mir bekannten Argumente gegen den Fleischkonsum sind alle nachweislich falsch.

Im Gegenteil sollten wir sowohl aus ethischen wie aus klimatischen Gründen am ehesten mehr Fleisch konsumieren, da 1. Nutztiere ein längeres und gesünderes Leben führen als Wildtiere und 2. Nutztiere wie Kühe für den Menschen unbrauchbare Pflanzen in verwertbare Nahrung umwandeln und 3. in der modernen Landwirtschaft (inklusive Nutztierhaltung) der CO2-Ausstoß im Vergleich zur ökologischen Landwirtschaft erheblich geringer ist, was auf die viel höhere Effizienz der ersteren zurückgeführt werden kann.

Literaturtipp: Klaus Alfs: Kritik der vegetarischen Ethik. 2019.