"Kritik der vegetarischen Ethik" von Klaus Alfs ist das wichtigste Buch zur Tierethik

Das Buch „Kritik der vegetarischen Ethik“ des ausgebildeten Landwirts und Diplom-Sozialwissenschaftlers Klaus Alfs ist ein neues Standardwerk zur Tierethik. Mit anderen Worten muss es jeder lesen, der sich mit Tierethik befassen möchte, und es reiht sich neben Peter Singers „Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere“ und Tom Regans „Case for Animal Rights“ ein. Im Unterschied zu diesen Klassikern argumentiert Alfs gegen übersteigerten Tierschutz beziehungsweise Tierrechte und gegen den Vegetarismus.

In „Kritik der vegetarischen Ethik“ werden einerseits die Argumente gegen Tierrechte und Vegetarismus von Philosophen wie Tibor Machan und Norbert Hoerster zusammengefasst und andererseits entwickelt Klaus Alfs eigene Argumente. Ergebnis ist nach meinem Dafürhalten eine vernichtende Kritik.

Das Buch ist in sieben Hauptkapitel plus einführende Kapitel, Fazit und Literaturverzeichnis unterteilt. Jedes Kapitel befasst sich mit einer Art von Argument für Vegetarismus beziehungsweise Tierrechte und widerlegt dieses. So geht es in „Zweierlei Maß“ um die Doppelmoral bezüglich Haustieren, die Vegetarier und Tierrechtler häufig halten. Es kümmert sie nicht, wie viele Vögel und Mäuse die geliebte Hauskatze tötet und dass auch Hunde das Fleisch von getöteten Tieren essen, aber die Vegetarier selbst verzichten auf Fleisch.

Unter „Massentiere“ und „Verschwendung“ geht es um die „Massentierhaltung“ und die Zahlenspiele, die Tierrechtler dazu vorlegen. Diesen zufolge könnten angeblich viel Land und Ressourcen gespart werden, würde man keine Tiere, sondern nur Salat und Gemüse essen. Und der Fleischkonsum produziere mehr CO2 als der Konsum von Pflanzen. Wie Alfs aufzeigt, ist beides schlicht empirisch falsch. Davon abgesehen spielt die bloße Menge der gehaltenen Tiere keine Rolle bei der Frage, wie gut sie gehalten werden. Nutztieren kann es auf großen Farmen mit vielen Tieren besser gehen als auf kleinen Bauernhöfen.

Die Kapitel „Wie wir!“ und „Zu uns!“ behandeln die Versuche von Tierrechtlern, Tiere menschenähnlich erscheinen zu lassen. Doch letztlich bleibt der entscheidende Unterschied zwischen Menschen und Tieren: Die Moralfähigkeit des Menschen. So können nur Menschen freie Entscheidungen treffen, ihr Verhalten reflektieren, sich an Regeln und Gesetze halten oder sich entscheiden, dies nicht zu tun. Nur Menschen sind moralisch verantwortlich und somit Rechtsträger. Ich würde ergänzen, dass die Moralfähigkeit auf eine noch grundlegendere Eigenschaft zurückgeführt werden kann: Menschen sind die einzigen vernunftbegabten Lebewesen – die einzigen Lebewesen, die begrifflich denken können.

Das Buch befasst sich in den letzten Kapiteln „Achtung“ und „Das Maß aller Dinge“ mit philosophischen Themen wie der Natur von Rechten, der Würde des Tieres und der Menschen und einer konsequenten Schlussfolgerung aus der vegetarischen Ethik, die ihre Vertreter aber nur selten zu ziehen bereit sind: Der Mensch müsste eigentlich Wildnispolizist spielen, also dafür sorgen, dass Raubtiere den Pflanzenfressern, wenn nicht den Pflanzen, kein Leid mehr zufügen können. Schließlich ist das natürliche Leid, das sich in freier Natur täglich abspielt, viel größer als das Leid, das Menschen Tieren antun.

Klaus Alfs hat mir dankenswerterweise ein Exemplar des Buches geschickt und er hatte eine gewisse Befürchtung, dass ich mit Bezug auf seine Ausführungen über Rechte anderer Meinung sein könnte. Das bin ich aber nicht, ich stimme sehr weitgehend mit dem gesamten Buch überein. Schließlich befürwortet Alfs schlussendlich die Konzepte der Menschenwürde und der Menschenrechte, soweit sie nicht willkürlich erweitert werden, und das sehe ich ebenso. Und er argumentiert, warum sich „Rechte“ und „Würde“ nicht auf Tiere übertragen lassen, und auch hier stimme ich zu.

Ich müsste extrem pedantisch sein, um ein paar Sätze herauszusuchen, mit denen ich inhaltlich nicht übereinstimme. Etwas schwieriger finde ich hingegen das Verhältnis des Schreibstils zum Inhalt. So ist der Stil eine Mischung aus sachlicher Argumentation und Polemik. Alfs verspottet gelegentlich die Heuchelei und besonders alberne Argumente von Vegetariern – wenn auch inhaltlich berechtigt. Zudem wird das Buch thematisch bedingt immer anspruchsvoller, da sich Alfs in den letzten Kapiteln mit philosophischen Grundsatzdebatten befassen muss. Ohne diese wäre das Buch unvollständig, zugleich dürfte er später einige Leser verlieren, denen diese Themen zu hoch sind.

Kurzum sehe ich gewisse Schwierigkeiten bei der Frage, welche Zielgruppe das Buch ansprechen und erreichen könnte. Aufgrund des Stils ist es kein wissenschaftlich-philosophisches Fachbuch, wozu es aufgrund der Stärke der Argumente eigentlich berechtigt wäre. Zugleich ist es kein leicht verdauliches Sachbuch für jeden, da vor allem die abstrakte philosophische Thematik der späteren Kapitel nur Leser mit einer gewissen Vorbildung erreichen dürfte.

Fazit

„Kritik der vegetarischen Ethik“ sollte jeder lesen, der sich ernsthaft mit den Themen Vegetarismus und Tierrechte befassen möchte. Wer also Peter Singer oder Tom Regan liest, der muss aus intellektueller Aufrichtigkeit auch Klaus Alfs lesen, um die Argumente der Gegenseite kennenzulernen.

Dasselbe gilt eingeschränkt für die Fans der Bücher von Autoren wie Richard David Precht, Hilal Sezgin und Jonathan Safran Foer – eingeschränkt darum, weil letztere Schwierigkeiten haben könnten, die späteren Kapitel zu begreifen. Die Argumente von Alfs ergeben eine vernichtende Kritik am Vegetarismus und der Tierrechts-Idee. Nur stilistisch ist die Mischung aus Sachbuch und Polemik etwas gewöhnungsbedürftig.

Klaus Alfs: Kritik der vegetarischen Ethik. Wie vernünftig ist der Verzicht? Eichelmändli Verlag. 2019.