Das Recht, zu urteilen

Ich bin ein Mensch mit starken Überzeugungen. Einst war ich als „Taliban der Aufklärung“ (Michael Schmidt-Salomon) bekannt. Meine Überzeugungen finden teilweise großen Anklang, teilweise stoßen sie auf heftige Ablehnung. So weit, so gut. Leider wird mir oftmals streitig gemacht, diese Überzeugungen offen vertreten oder sie auch nur in meinem Kopf beherbergen zu dürfen. Es heißt, ich würde anderen ihr Leben vorschreiben wollen.

Das möchte ich nicht – und habe es nie behauptet, im Gegenteil. Ich fordere keine Gesetze, die Rechte und Freiheiten meiner Mitbürger einschränken. Hier ist das, was ich tun möchte: Ich möchte zu einem Mann, der seine Frau betrügt (oder umgekehrt) sagen dürfen: Ich finde, dass sich Partner treu sein sollten und daher verurteile ich Dein Verhalten. Ich möchte zu jemandem, der sich täglich betrinkt sagen dürfen: Ich denke, das ist weder gut für Dich noch andere, und ich verurteile Dein Verhalten. Das ist alles. Wenn sie es trotzdem machen, ist es ihre Sache. Aber es ist meine Sache, sie zu be- und verurteilen, wenn ich das möchte.

Verhängnisvollerweise verstehen viele Menschen den Unterschied zwischen Ethik und Politik nicht. Oder den Unterschied zwischen der Beurteilung einer Ethik und dem Verbot, eine Ethik zu leben. Darum liefere ich in diesem Beitrag eine präzise und differenzierte Erklärung, warum jeder Bürger jeden anderen als unmoralisch oder als guter Mensch beurteilen darf.

  1. Wozu sind Ethik und Politik gut?
  2. Urteilen vs. Verbieten
  3. Ist Treue eine Sünde?

Wozu sind Ethik und Politik gut?

Bei der Ethik geht es um die Frage, welche Art von Mensch man als Individuum sein sollte. Daraus folgt, wie man handeln sollte. Zum Beispiel könnte man ein stoischer, heroischer, hedonistischer, christlicher Mensch sein.

Bei der Politik geht es um die Gestaltung des Gemeinwesens. Um die Frage, unter welchen Bedingungen wir am besten zusammenleben können. Zum Beispiel unter der Herrschaft eines Diktators, in einer Oligarchie, in einer Demokratie.

In der freien Welt haben wir die politische Frage grundsätzlich so beantwortet, dass jeder Bürger handeln darf, wie es ihm sein Gewissen aufträgt, solange er dieselbe Freiheit aller anderen Bürger achtet. Belange, welche das Gemeinwesen als solche betreffen, werden demokratisch entschieden, die übrigen individuell.

Daraus folgt, dass wir als individuelle Bürger eine große, wenn auch nicht unbegrenzte Bandbreite an ethischen Überzeugungen leben dürfen. Auch dürfen wir darüber streiten, welche gut oder besser ist und wir dürfen über die Frage streiten, wie wir die Belange des Gemeinwesens am besten regeln.

Urteilen vs. Verbieten

Wir dürfen also auch die ethischen Überzeugungen anderer be- und verurteilen. Dies hat nichts damit zu tun, diese verbieten zu wollen, also die Freiheiten anderer einschränken zu wollen. Die Urteilsfindung ist ein normaler, bedeutender Teil jedes freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens. Jeder Mensch, der eine Ethik hat, beurteilt vor allem sich selbst, aber auch andere.

Jeder Bürger darf also etwa der Meinung sein, dass Homosexualität eine Sünde ist oder super, dass es gut oder schlecht ist, Kinder zu haben, dass Gewalt in Filmen gut oder schlecht ist. Man darf alles denken und alles sagen.

Auch folgt aus keiner der Prinzipien unseres Gemeinwesens, dass jemand glauben müsste, die Ethik oder Lebensweise eines anderen Bürgers sei als gut zu bewerten oder dass eine wirklich besser sei als eine andere – obwohl sie es durchaus sein könnte. Und obwohl jeder der Überzeugung sein darf, dass seine Ethik besser ist.

Auf der ethischen Ebene kann ich also sagen: Ich finde es gut, wenn sich Partner treu sind. Und ich finde es schlecht, wenn sie es nicht sind. Ich finde es gut, wenn jemand weitgehend auf Drogen verzichtet. Ich finde es schlecht, wenn jemand täglich betrunken im Straßengraben liegt.

Das heißt nicht, dass ich die Rechte und Freiheiten anderer einschränken möchte. Jeder soll sich untreu sein und sich täglich betrinken dürfen. Es sollte kein Gesetz dagegen geben. Ich sage einzig: Wenn sie es machen, finde ich das falsch und äußere diese Überzeugung womöglich. Punkt.

Und dieses Recht, urteilen zu dürfen, gehört zum Recht, eine Ethik leben und Überzeugungen haben zu dürfen – und ist somit ein Grundrecht eines jeden Bürgers.

Ist Treue eine Sünde?

Anlass dieses Beitrags war ein Streit auf Facebook. Ich bin der oben erwähnten Meinung, dass sich Lebenspartner treu sein sollten, solange sie zusammen sind. Klingt vielleicht trival. Ist aber offenbar sehr strittig in unserer Gesellschaft. Ich glaube, das liegt daran, dass wir in einem nihilistisch-relativistischen Höllenschlund leben und immer mehr Menschen den Verstand verlieren – andere glauben vielmehr, ich sei intolerant und reaktionär aufgrund meiner Überzeugung, dass sich Partner treu sein sollten. Das kann jeder sehen, wie er möchte.

Jedenfalls lasse ich eines nicht zu: Dass man mir mir sagt, ich dürfe mir kein Urteil bilden. Dass man mir vorwirft, ich würde anderen ihr Leben vorschreiben wollen, nur weil ich meine ethische Überzeugung äußere, ohne dabei jegliche Verbote oder Gesetze zu fordern. Das passiert immer wieder und es untergräbt die öffentliche Meinungsbildung. Und es kotzt mich an.

Wir müssen uns einerseits von der Idee verabschieden, anderen unsere ethischen Überzeugungen via Gesetz aufzwingen zu wollen, und andererseits, anderen die freie Urteilsbildung und die Teilnahme an der öffentlichen Willensbildung aufgrund ihrer Überzeugungen untersagen zu wollen.