Einmal weniger Mob, bitte

Ich verbringe privat deutlich weniger Zeit in den sozialen Medien. Wer dort über Themen wie Politik, Wirtschaft und Kultur diskutieren möchte, wird sich bald von Links- und Rechtsextremisten und Verrückten umringt sehen. Das Niveau auf Facebook und Twitter war schon immer gering, aber hat gefühlt über die Jahre weiter nachgelassen. Ich würde auch anderen empfehlen, dort weniger Zeit zu verbringen.

  1. Willkommen im Dschungel
  2. Eine Chance zum Lernen von Selbstkontrolle (die kaum jemand ergreift)
  3. Ein Medium, das Verrückte macht
  4. Lieber Artikel als Social Media

Willkommen im Dschungel

Bei politischen Themen scheint sich Facebook mehr oder weniger in den Händen von Rechtsextremisten und Trollen zu befinden, Twitter in den Händen von Linksextremisten sowie Journalisten, Politikern, Aktivisten, die sich dort ausschließlich selbst darstellen (wobei es offenkundige Überschneidungen zwischen diesen Kategorien gibt). An einem Dialog ist praktisch niemand interessiert, nur am Niedermachen von Andersdenkenden.

Übrigens versuchen Rechtsextreme in den sozialen Medien, nach der Deutschlandflagge auch den Begriff „Andersdenkende“ für sich zu besetzen. Wer den Holocaust leugnet und keine Juden mag, ist demnach ein „Andersdenkender“, den andere nur nicht „tolerieren“. Man kann nur hoffen, dass niemand darauf hereinfällt oder ihnen auch noch den Gefallen tut, ihnen den Begriff zu überlassen. Wenn „Andersdenkender“ mit „Rechtsextremist“ gleichgesetzt würde, wären nur noch die Gleichdenkenden die Guten. Und das wage ich zu bezweifeln.

Ich denke, es war meine „Diskussion“ mit Tierrechtlern, die mir das letzte Interesse an der Sache geraubt hat. Ihr erinnert euch vielleicht – die tierlieben Menschen, die meinten, man sollte mir den „Schwanz abbeißen“, damit ich mich mal fühle wie ein Schwein, das so schrecklich gehalten werde in jener Massentierhaltung. Wobei es eigentlich so ist, dass sich die Schweine gegenseitig in die Schwänze beißen und die Landwirte sie davor zu bewahren versuchen – aber lassen wir das. Ich habe schon viel zu häufig Menschen, die sich auf einem solchen Niveau bewegen, ernst genommen und ihre Aussagen umfassend beantwortet. Ich hätte das nie tun sollen.

Eine Chance zum Lernen von Selbstkontrolle (die kaum jemand ergreift)

Die sozialen Medien erfordern Selbstkontrolle in einem bislang unbekannten Maße. Schließlich kann man spontan alles Mögliche schreiben und das ist dann da draußen, in der Öffentlichkeit. Nur, wer sich auch im Eifer des Gefechts zurückhält und Leuten, die eigentlich in ein Zuchthaus gehören (und möglicherweise tatsächlich in einem solchen sitzen und twittern), respektvoll behandelt, wird in den Augen einer breiteren Öffentlichkeit anerkannt. Insofern waren die sozialen Medien immerhin dazu gut, meine eigene Selbstkontrolle weiter auszubauen – und tatsächlich bin ich beruflich weiterhin in den sozialen Medien aktiv. Bei nicht-politischen Themen lässt sich das noch aushalten.

Da allerdings nur wenige, die auf Facebook und Twitter aktiv sind, ihre Selbstkontrolle allzu systematisch unter Beweis stellen, macht es kaum Spaß, sich dort mit besonders heißen Themen wie Politik, Wirtschaft und Kultur zu befassen. Ich bin mir geradezu sicher, dass fast jeder, der sich in den sozialen Medien über Politik streitet, im 19. Jahrhundert wegen eines schwerwiegenden Angriffs auf die Ehre seines Diskussionspartners zu einem Duell herausgefordert und erschossen worden wäre. Heute laufen die einfach weiter da draußen unbeschadet herum. Es hat eben nicht nur Fortschritte gegeben.

Ein Medium, das Verrückte macht

Mein Kerninteresse jenseits meiner beruflichen Interessen (Technik, Journalismus) sind Philosophie und Kulturanalyse sowie Kulturkritik. Politik interessiert mich vor allem aus einer philosophischen Perspektive – also die Grundsatzfrage, wie wir ein Gemeinwesen gestalten sollten.

Ideologisch kann man mich nicht mehr klar zuordnen. Jedenfalls nicht jenseits davon, dass ich ein entschiedener Vertreter von Freiheit und Demokratie bin. Ich lese viel und mal überzeugt mich ein Argument von einem Linken, mal eines von einem Liberalen oder Konservativen. Seit Frühzeiten hat die Philosophie viel mit dem Dialog zu tun, mit dessen Hilfe man sich eine Meinung bilden kann. Die sozialen Medien haben bei mir dazu nur geringfügig beigetragen, aber viel Schaden verursacht.

Beispielsweise hatte ich mich zeitweise mit der der Ethik rund um Partnerschaft und Ehe befasst. Was aus den sozialen Medien dazu kam: Jemand fragte mich, was ich von Stripclubs halte und ob er dort weiter hingehen soll und eine Dame berichtete über ihre Toleranz gegenüber ihrem Ehemann, der mit anderen Damen Sado-Maso-Sex praktizieren dürfe. Weil sie ihn ja liebe. Ich wollte weder das eine, noch das andere wissen. Und ich wünschte, ich hätte es niemals erfahren. Man darf die historische Entwicklung und den Wert der liberalen Vertragsehe wirklich nicht in den sozialen Medien thematisieren.

Ich habe nun den starken Eindruck, dass unsere Gesellschaft fundamental wahnsinnig ist und dass die Wahnsinnigen, die ich in den sozialen Medien kennenlernen durfte, auch da draußen herumlaufen. Und zum Teil sind sie mir auch schon dort begegnet. Ich hoffe, ich finde wieder einen Zugang zu unserer Gesellschaft und irgendwo Menschen, die noch ein bis zwei Tassen im Schrank haben. Aktuell habe ich mich nämlich einigermaßen von ihr verabschiedet.

Lieber Artikel als Social Media

Ich werde allerdings nicht meine Accounts löschen. Sollten in den sozialen Medien meine Artikel und Blogeinträge kritisiert werden, möchte ich dazu in der Lage sein, mich dagegen zu verteidigen. Dafür muss man erfahrungsgemäß sachlich, aber auch sehr bestimmt auftreten. Als Publizist kommt man leider schwer darum herum.

Im Kern möchte ich meine verbliebene Zeit jedoch eher für Novo-Artikel und Blogeinträge nutzen. Außerdem muss ich verstärkt lernen, an mich selbst zu denken, auch wenn es heißt, mich weniger für die Aufklärung zu engagieren. Erst kürzlich ist mir klargeworden, wie wichtig genügend guter Schlaf und gutes Essen eigentlich sind – und welche Investition und welche Kompromisse sie erfordern. Ich bin ein extrem intellektueller Typ und wie andere dieser Art habe ich so meine Probleme mit dem Alltäglichen. Wo wir vom intellektuellen Aspekt reden – ich habe kürzlich einige herausragende, äußerst wichtige Bücher gelesen, die ich hier wenigstens kurz besprechen sollte. Wenn ich mal genügend gegessen und geschlafen habe, sozusagen.

Als ersten Schritt sei auf meine neue Novo-Rezension von „Kritik der vegetarischen Ethik“ von Klaus Alfs verwiesen: Die Leere des Vegetarismus.

P.S. Ja, ich weiß, dass ich den Begriff „Extremismus“ einmal kritisierte, weil er zu vage ist und das „Extreme“ an sich abwertet, was nicht immer Sinn ergibt. Hier sind allerdings konkret Rechts- und Linksextremisten gemeint.