Schafft sich der Liberalismus selbst ab?

„Warum der Liberalismus gescheitert ist“ von Patrick J. Deneen ist eine unbedingt ernstzunehmende Kritik am Liberalismus. Mit „Liberalismus“ ist hier die Ideologie gemeint, die seit mehreren hundert Jahren den Westen prägt: Die der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Befreiung des Individuums. Wie Deneen ausführt, hat diese Ideologie eine innere Logik, die zur Selbstabschaffung des Liberalismus führe.

  1. Die neue Aristokratie
  2. Atomisierte Individuen sehnen sich nach dem starken Mann
  3. Ohne Vorurteile lesen

Als ich mir das Werk als englischsprachiges Audiobuch anhörte, klappte mir mehrmals die Kinnlade herunter. „Hat er das wirklich gesagt?“, fragte ich mich. Der Grund: Bei „Warum der Liberalismus gescheitert ist“ handelt es sich um ein äußerst radikales Buch – eine Fundamentalkritik an der Gesellschaftsordnung, die seit Jahrhunderten den Westen prägt. Sie ist so radikal, dass marxistische, religiöse oder faschistische Kritiken – mit denen sie inhaltlich nichts zu tun hat – dagegen verblassen .

Der politische Philosoph Patrick Deneen zeigt auf, dass die grundlegenden Schriften, welche das liberale Denken geprägt haben, innere Widersprüche und sogar das Rezept für die Selbstabschaffung des Liberalismus bereits beinhalten: Vor allem „Leviathan“ von Thomas Hobbes und das „Second Treatise of Government“ von John Locke. So führe der Liberalismus nicht nur zur Ausbreitung eines relativ freien Marktes, sondern auch zur Ausprägung eines paternalistischen Staates. Ein freier Markt und ein starker Staat sind demnach keine Gegner, sondern treten im Dienste des Liberalismus zusammen auf.

Die neue Aristokratie

Eine Kombination von Markt und Staat habe einer „neuen Aristokratie“ an die Macht verholfen und den breiten Bevölkerungen westlicher Staaten zunehmend das demokratische Selbstbestimmungsrecht genommen. Auch wirke der Liberalismus anti-kulturell, er schaffe nicht nur regionale und nationale Kulturen ab, sondern zunehmend auch die liberale Hochkultur selbst, die immer weniger an den Universitäten gelehrt wird. So erhalten literarische und philosophische Klassiker dort immer weniger Raum, wirtschaftlich direkt verwertbare Fächer hingegen, insbesondere Naturwissenschaft und Technik, werden populärer.

Das heißt, dass den Menschen zunehmend die Art von Bildung fehlt, die eine Grundlage unserer liberalen Werteordnung darstellt. Und das ist nur ein Beispiel, wie der Liberalismus sich selbst zerstört. Deneen nennt noch viele weitere Beispiele. So verlieren Organisationen aller Art zunehmend Mitglieder, seien es Kirchengemeinden, Parteien, Sportvereine oder Gewerkschaften. Und dabei konstituieren der liberalen Theorie zufolge doch auch solche Organisationen die liberale Gesellschaftsordnung und verteidigen sie.

Letztlich diene der Liberalismus nur einigen wenigen außergewöhnlichen Menschen – einer Elite, die kein Problem damit hat, an anderen Orten oder sogar international zu arbeiten, ihr Gehalt selbst auszuhandeln und die meist in stabilen Ehen lebt, während sie behauptet, für freie Liebe, offene Partnerschaft, Patchworkfamilien einzustehen. Deneen zufolge lügt die neue Aristokratie absichtlich darüber, wie sie selbst lebt, und wirbt für Werte, die anderen den Erfolg vorenthalten, weil sie vom Misserfolg ihrer austauschbaren Arbeiter zehrt. Es kann nicht jeder zur Aristokratie gehören, jemand muss ihr den Café Latte servieren.

Während die alte Aristokratie in Generationen dachte und – bei allem Machtmissbrauch, den man ihr ankreiden kann und sollte – eine Verantwortung für ihre Arbeiter übernahm, so nimmt die neue Aristokratie keine Rücksicht mehr auf „niedere“ Arbeitskräfte. Die Verantwortung für diese wird vielmehr beim Sozialstaat abgeladen. Um die Bevölkerungen diese Ungleichheit schmackhaft zu machen, argumentiert die neue Artistokratie, dass auch arme Menschen schließlich vom materiellen Fortschritt profitierten, wenn auch nicht ganz so sehr wie sie.

Wir werden alle reicher, wenn auch die Reichsten relativ deutlich reicher sind. Das stimmt empirisch, laut Deneen verberge sich dahinter eine Art unsichtbare Standesgesellschaft. Vor allem die relativ Armen im Westen leben immer isolierter, ihnen fehlt der Rückhalt durch die wegbrechenden Organisationen, regionalen Kulturen und verbindlichen Partnerschaften wie der Ehe.

Atomisierte Individuen sehnen sich nach dem starken Mann

Deneen geht noch auf viele weitere Probleme der zeitgenössischen liberalen Gesellschaften ein und nicht jede Kritik von ihm weiß vollauf zu überzeugen. Aber jede lädt zum Nachdenken ein und ist eine nähere Erwägung wert. Bei all der Kritik erkennt Deneen die Errungenschaften des Liberalismus durchaus an. So hat der Liberalismus etwa einige Erfolge im Kampf gegen autokratische Herrscher vorzuweisen, wenn er auch weniger erfolgreich war, als er vorgibt – siehe die neue Aristokratie. Und er hat etwa Frauen aus der patriarchalen Unterdrückung befreit – wenn auch nur, damit sie nun für Unternehmen tätig sein dürfen.

Allerdings sei eine Gesellschaft aus atomisierten Individuen besonders anfällig für neue autokratische Herrscher, die ihnen ein Gemeinschaftsgefühl vorgaukeln, das sie verloren haben. Donald Trump war nur der Anfang, und ein harmloser Anfang.

Ohne Vorurteile lesen

Ich habe mir einige kritischen Besprechungen des Buches durchgelesen und dabei ist mir aufgefallen, dass sie praktisch alle auf Strohmänner einschlagen. Ein besonders übles Beispiel ist die Rezension im britischen Guardian. Dieser zufolge sei Deneen „anti-demokratisch“ (er ist für mehr Demokratie) und möchte zu katholisch-monachistischen Gemeinden zurück (möchte er nicht). Offenbar vermutet das der Autor nur, weil Deneen ein gläubiger Katholik ist – obwohl er nichts dergleichen schreibt und im Interview mit The Nation explizit solchen Ideen eine Absage erteilt.

Und selbst in der Einleitung zu diesem Interview schreibt Joseph Hogan, Deneen wolle eine Rückkehr zu kleinen Gemeinden mit traditionellen religiösen Überzeugungen – obwohl Deneen in genau diesem Interview etwas anderes sagt. Nämlich: „Ich habe nicht zur Erschaffung einer religiösen politischen Ordnung aufgerufen. Ich glaube, dass die USA von der Trennung von Kirche und Staat profitiert haben (…).“ Auch richte sich seine Empfehlung, von unten aus neue Kulturen aufzubauen, nicht nur an gläubige Menschen.

Wer möchte, kann auf die aristotelisch-thomistischen Einflüsse auf Deneens Denken verweisen und ihn unter den „Kommunitaristen“ einordnen, obwohl die „Mitglieder“ dieser politiktheoretischen Strömung von anderen in diese Kategorie gesteckt wurden. Ich empfehle vielmehr, das Buch vorurteilsfrei zu lesen. Es gilt seit der Veröffentlichung im Jahr 2018 als bedeutendes Werk der jüngsten politischen Philosophie und es gibt einen Grund, warum es so häufig von großen Zeitungen und wichtigen Intellektuellen besprochen wurde (nein, ich meine nicht den Guardian). Und es gibt einen Grund, warum so viele Kritiker dem Autor Thesen und Überzeugungen andichten: Es könnte sein, dass er Recht hat. Und wir wissen nicht, was wir tun sollen, wenn dem so ist.

Patrick J. Deneen: Warum der Liberalismus gescheitert ist. Muery Salzmann. 2019.