Gewaltfreie Kommunikation: Damit wir uns besser verstehen

Ich habe mich vor einer Weile mit dem Konzept der „gewaltfreien Kommunikation“ („GFK“) aus der Psychologie befasst. Es geht darum, Konflikte gewaltfrei zu lösen – aber auch im weiteren Sinne darum, sich gegenseitig besser zu verstehen. Ich finde die gewaltfreie Kommunikation sinnvoll und hilfreich. Ihr wisst schon: im Gegensatz zu meiner bisherigen Angewohnheit, Menschen, die anderer Meinung sind als ich, einfach zu töten.

Ja, die GFK kann missbraucht werden und die GFK wird sogar umfassend missbraucht, insbesondere von Subjektivsten. Aber das ist eben Missbrauch. Man kann alles missbrauchen. Man kann mit einem Küchenmesser Zwiebeln schneiden oder den Partner erdolchen. Sofern man die GFK aber in geeigneten Situationen einsetzt, finde ich sie sehr empfehlenswert.

Und darum geht es …

Gewaltfreie Kommunikation zusammengefasst

Die GFK dreht sich darum, psychische und physische Gewalt durch eine auf Verständnis bedachte Kommunikation zu vermeiden. Typische Anwendungsfälle sind Konflikte zwischen Partnern, Freunden oder Mitbewohnern. Sie machen bei der Kommunikation häufig, und das oft lebenslang, Fehler, die zu unnötigen Reibereien oder sogar tiefsitzendem Groll führen.

Diese Fehler sind:

  1. Das moralische Urteilen über den Kommunikationspartner. Zum Beispiel: „Du räumst die Spülmaschine nur nicht aus, weil Du faul bist.“ „Du holst die Kinder nicht ab, weil Du mich für einen Sklaven hältst, der schon alles erledigen wird.“ Zunächst einmal sollte man das moralische Urteilen unterlassen. Vielmehr bewertet man die Handlungen und Worte des anderen nur mit Bezug auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Zum Beispiel: „Du räumst die Spülmaschine nicht aus. Das frustriert mich.“
  2. Das Anstellen von Vergleichen. Zum Beispiel: „Ich bin ordentlicher als Du.“ Auch so verurteilt man andere.
  3. Die Verantwortung für die eigenen Gefühle und Handlungen leugnen. Zum Beispiel: „Ich bin nur fett, weil Du zu gutes Essen kochst.“
  4. Fordern statt Bitten. Wird eine Bitte abgelehnt, kann nach einer alternativen Möglichkeit gesucht werden, dem anderen entgegenzukommen. Wird eine Forderung abgelehnt, drohen Sanktionen. Zum Beispiel schweigt dann der beleidigte Partner oder macht dem anderen Vorwürfe. Also besser: „Bitte könntest Du am Freitag die Spülmaschine ausräumen“ statt „Räume gefälligst am Freitag die Spülmaschine aus“.

Bei der gewaltfreien Kommunikation gehen beide Partein stets die folgenden Schritte durch:

  1. Beobachtung: Das ohne Beurteilung oder Interpretation beschreiben, was einen stört. Zum Beispiel: „Du hast die letzten drei Male die Spülmaschine am Freitag nicht ausgeräumt. Dann habe ich es gemacht.“
  2. Gefühl: Die Emotion beschreiben, welche die Handlung oder Tat auslöst. „Ich fühle mich frustriert.“
  3. Bedürfnis: Das Bedürfnis formulieren, das bei einem entsteht. „Ich möchte mich entspannen können, wenn ich nach Hause komme.“
  4. Bitte: Um eine konkrete Handlung bitten, Nichterfüllung als Option offenlassen. „Bitte räume die Spülmaschine freitags aus. Oder wir suchen eine andere Möglichkeit, eine Ordnung aufzubauen, mit der wir uns wohlfühlen können.“

Meine Erfahrungen mit der GFK

Wenn ich mal wieder jemanden umbringen will, dann versuche ich es inzwischen erst einmal mit der GFK. Ob sie zu gegenseitigem Verständnis führt, hängt erfahrungsgemäß einerseits davon ab, wie gut ich darin bin, die GFK anzuwenden, und andererseits von der Bereitschaft des Gegenübers, darauf einzugehen. Diese Bereitschaft ist manchmal einfach nicht da, und dann ist es mir auch nicht gelungen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Nein, ich habe nicht wirklich jemanden deshalb umgebracht, weil das ja kaum jemand (jenseits der sozialen Medien) wirklich verdient. Aber Beziehungen zu anderen Menschen sind schon deshalb zu Bruch gegangen.

Wenn jemand unbedingt darauf aus ist, auf seine negative Interpretation meiner Worte und Handlungen zu beharren, dann fällt mir letztlich nichts anderes ein, als Lebewohl zu sagen. Nur so kann dann noch eine weitere Eskalation verhindert werden. Und wenn dauerhaft einfach keine Bereitschaft besteht, verständnisvoll und offen(er) zu kommunizieren, dann hat auch eine Beziehung jeglicher Art keinen Sinn.

Außerdem gibt es noch ein Problem auf meiner Seite, mit mehr Bedacht und konsequenter die GFK einzusetzen. Aus irgendeinem Grund haben die Leute die Tendenz, davon auszugehen, ich würde sie unentwegt moralisch beurteilen. Dabei mache ich das praktisch gar nicht. Ich muss aber wohl diesen Eindruck erwecken. Was stimmt ist, dass ich mich selbst moralisch beurteile und in der Regel verurteile. Ich habe schon wieder hier versagt, dort versagt, das wird nichts mehr mit mir. Dabei geht es in der Regel um winzige Kleinigkeiten, nicht unähnlich wie meine eigene Satire dieses Phänomens in „Terry Rotter und das Feuer der Freiheit“. Unten gehe ich auf eine weitere Erfahrung mit der GFK ein.

Grenzen der GFK

Die GFK ist kein Allheilmittel und hat ihre Grenzen. So gibt es auch eine moralische Dimension unserer Handlungen und Worte. Vielleicht räumt der Partner ja wirklich die Spülmaschine regelmäßig nicht auf, weil er faul ist oder den anderen ausnutzt. Das sollte man aber nicht als Erstes vermuten, auch wenn man es später vielleicht herausfinden muss. Und das ist etwas, was man in der Kommunikation mit ihm nicht sagen sollte. Es ist auch nicht hilfreich, das zu denken, während man versucht, den Konflikt zu lösen. Man weiß nicht wirklich, warum er das macht. Die Hauptsache ist, dass er sein Verhalten ändert.

Sofern der Partner aber sein Verhalten in der Zukunft nicht ändert, könnte es schon sein, dass er wirklich einen moralischen Makel hat. Und wenn die gewaltfreie Kommunikation mit ihm den Konflikt auch bei mehrmaligen Versuchen nicht löst, kann es auch sein, dass der Konflikt eskaliert oder es zu einem Bruch der Beziehung kommt.

Die GFK anzuwenden, erfordert Zeit, Bereitschaft und Mut. Wie oben schon erklärt, fehlt es manchmal und manchen daran. So lassen sich einige Konflikte eben nicht gewaltfrei lösen. (Wobei sie nicht mit Faustschlägen eskalieren müssen, aber es kann etwa zu einem Bruch der Beziehung kommen oder zu einem Rechtstreit).

Missbrauch der GFK

Die GFK kann missbraucht werden, um etwa die Lösung von Interessenskonflikten hinauszuzögern. Man kann etwa bei einer Gehaltsverhandlung endlos auf eine Bitte nicht eingehen und nach einer „alternativen Lösung“ suchen, bis der andere einknickt – oder kündigt. Man kann mit der GFK großzügig Empathie demonstrieren, wenn es doch um handfeste Interessen geht. Es ist allerdings sehr riskant für den vermeintlich mächtigeren Verhandlungspartner, die GFK zu missbrauchen. Schließlich ist die GFK auf eine friedliche Konfliktlösung ausgelegt und dazu muss die Bereitschaft da sein, einen Konflikt auch wirklich mit einem richtigen Entgegenkommen lösen zu wollen. Sonst eskaliert er eben doch.

Die GFK wird auch regelmäßig von Subjektivisten missbraucht, die letztlich ihre eigene Perspektive absolut setzen und objektive Fakten ignorieren möchten. Eine Erfahrung von mir in dieser Richtung ist ein Gespräch auf Twitter mit Feministinnen.

Die Feministinnen beharrten darauf, dass Kriminalstatistiken und andere objektive Daten zur Vergewaltigung nur ein Machtmittel des Patriarchats seien und dass ihre subjektive Erfahrung und Empfindung etwas anderes besage. Sie fürchteten jeden Tag, in der Öffentlichkeit von einem Mann vergewaltigt zu werden. Ich habe nach ihren Regeln gespielt und von meiner subjektiven Erfahrung mit Gewalt in der Öffentlichkeit gesprochen, die natürlich weit über das hinausgeht, was die Feministinnen jemals erfahren hatten.

In meiner Erfahrungswelt gibt es Betrüger, kriminelle Banden, die einen Schulfreund fast ermordet hätten, Neonazis, die meine Freunde krankenhausreif geschlagen haben, Schläger, die versucht haben, mich umzubringen und Schlimmeres. Das ist Gewalt, wie sie Männer erfahren. Wir haben keine vage, auf keinen realen Erfahrungen beruhende Furcht, eventuell vergewaltigt werden zu können, wie diese Feministinnen (ich meine nicht alle Frauen. Manche haben sicher einen handfesten Grund zur Sorge). Wir haben Konflikte mit Menschen, die versuchen, uns abzustechen oder zu erschießen. Wir kannten am Ende schon die Namen der einschlägigen Banden und wo sie ihr Revier beanspruchten. Was also nun? Na klar: Meine subjektiven Erfahrungen zählten nicht, weil ich zum „Patriarchat“ gehöre.

Aber auch das ist offensichtlich ein Missbrauch der GFK. Schließlich besagt sie nicht, dass man sich irgendwelche Beobachtungen ausdenken soll, sondern es sollen handfeste, tatsächliche Beobachtungen sein. Und dann sagt man, welche Emotionen sie auslösen, welche Bedürfnisse man hat und worum man bittet. Man fantasiert sich kein Patriarchat und keine Vergewaltiger herbei, um eine Machtposition zu erhalten und anderen Menschen den Wert ihrer Erfahrungen streitig machen zu können.

Fazit

Kurzum also: Ich empfehle vor allem Menschen, die persönlich viel miteinander zu tun haben, die GFK zu erlernen und zu praktizieren. Sie ist nur ein Element von sozialen Beziehungen, sie ist nur für bestimmte Situationen geeignet, aber sie hat dennoch ihren wichtigen Platz und ihre Berechtigung. So könnten viele Konflikte friedlich beigelegt werden und man entwickelt mehr Verständnis für den anderen.

Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Junfermann, 2016.