Wie die Aufklärung uns verführen kann

Ich sehe mich schon seit gut 15 Jahren als Intellektueller im Dienste der Aufklärung. Erst während meines Journalismusstudiums war mir bitter klargeworden, dass niemand außerhalb meiner Filterblase weiß, was das eigentlich ist. Und dass kaum jemand sonst sich in dieser Rolle sieht.

Hier gehe ich der Frage auf den Grund, welchen Auftrag jene haben, die sich in der Tradition der Aufklärung verorten. Und reflektiere über die Vorteile und die Schattenseiten, die das radikale aufklärerische Denken in meinem Leben hatte.

Die dualistische Bedrohung

Gehen wir ein paar Jahre zurück. In meiner Welt gab es heldenhafte Aufklärer auf der einen Seite und die finsteren Kräfte des Irrationalen auf der anderen. Zu den Irrationalen zählten Esoteriker, Sekten, Kulte, politische Ideologien und für mich ganze Religionen. Dazwischen stolperten die „normalen Leute“ verwirrt umher, unentwegt von den Irrationalen umworben, begleitet nur von einer Handvoll von Aufklärern, die sie auf den Weg der Vernunft führen sollten.

Das ist ein Ideal, an dem man nur scheitern kann, und eine Einladung zur Hybris. Ich hatte die Dinge viel zu polarisiert betrachtet. Wir werden alle vom Irrationalen verführt, unentwegt. Und wir haben alle den Auftrag, unseren Verstand zu bewahren. Der Übergang zwischen einem Vernunftmenschen und einem irrationalen Spinner ist fließend. In der Regel sind Menschen sind in einigen Bereichen ihres Lebens rational, in anderen haben sie nicht alle Ziegeln am Dach.

Vernunft als Gewissen

Aktuell können wir das Irrationale nicht zuletzt in Form von Verschwörungstheorien anlässlich des Coronavirus-Ausbruchs beobachten. Auch manche meiner eigenen Denkgewohnheiten verführten mich zum Irrationalen. Als Libertärer neige ich schließlich zu der Auffassung, dass die Regierung jede Gelegenheit nutzen wird, die Bürger zu gängeln, sie einzusperren und zu überwachen. Wie gelegen kommt ihnen da Corona! Und die sozialistische Twitter-Fraktion mit ihren Forderungen nach immer stärkeren Einschränkungen der Bürgerrechte bestätigt nur den Gedanken.

Doch halt, Andreas! Halte ein!

Du bist ein Aufklärer oder nicht? Oder bist Du ein Idiot? Jetzt informiere Dich erst einmal nach allen Seiten hin über das Thema! Sonst schreibst Du irgendeinen verantwortungslosen Müll auf Deinem Blog und in den sozialen Medien.

Das habe ich getan und festgestellt, dass die Einschränkungen, welche die Bürger und Unternehmen anlässlich des Virenausbruchs ertragen müssen, durchaus rational gerechtfertigt werden können. Letztlich ist es eine Abwägung, denn auch die Zerstörung der Wirtschaft bedeutet eine Zerstörung von menschlichem Leben. Doch vorübergehend sind auch erhebliche Einschnitte berechtigt, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen.

Die Gefahr der Hybris

Ein Aufklärer ist ein Entzauberer von Mythen und Legenden, jemand mit dem Anspruch, möglichst objektiv und ideologiefrei die Wahrheit zu erkunden und diese verständlich zu vermitteln. Hier erkennt man, warum ein solcher Anspruch einen Menschen vor irrationalen Kurzschlussreaktionen bewahren kann.

Der Anspruch, den ein Aufklärer an sich selbst stellen muss, ist extrem hoch – wie die Gefahr, sich selbst zu überschätzen. Es gab schon immer, und vor allem in Deutschland, eine „Aufklärung von oben“, wenn nicht von oben herab. Manche Politiker, Akademiker, Aktivisten sehen das Volk als tumbe Masse, das von ihren intellektuellen Führern „aufgeklärt“ und in „vernünftige“ Bahnen gelenkt werden müsse.

Ich habe Aufklärung schon immer als Projekt verstanden, das vielmehr auf eine Anordnung von unten hinausläuft. Der mündige Bürger gibt einer Regierung Befehle, nicht umgekehrt. Er lebt in einer Gemeinschaft von Aufgeklärten in einer Harmonie der Interessen. Wie der deutsche Philosoph Immanuel Kant in „Was ist Aufklärung?“ schrieb:

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben
nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des
Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Sicher haben Aufklärer einen Bildungsauftrag, aber nicht jeder Bildungsauftrag ist Aufklärung. Ein Aufklärer ist jemand, der unentwegt daran arbeitet, sich selbst oder zumindest seine gesellschaftliche Aufgabe überflüssig zu machen. Er gehört zu jenen, welche die Grundlagen schaffen für die Selbstbefreiung der Menschen aus ihrer Unmündigkeit. Immer wieder möchten die Leute lieber faul und feige sein. Am liebsten möchten sie zurzeit glauben, dass „die Juden“ an Corona schuld wären oder die böse Regierung. Immer wieder müssen wir sie – und zunächst einmal uns selbst! – zum Besseren antreiben. Aufgrund der menschlichen Natur werden wir Aufklärer nie „arbeitslos“.

Und das ist dann auch eines der Missverständnisse. „Aufklärer“ ist kein Beruf im wirtschaftlichen Sinn. Es ist nichts, was man in den eigenen Lebenslauf schreiben kann. Aus der Sicht, wie die Dinge in unserer Gesellschaft formuliert werden, würde man vielleicht von einem „ehrenamtlichen Engagement“ sprechen. Doch steckt viel mehr dahinter, weil der Anspruch, in der Tradition der Aufklärung zu stehen, das gesamte Denken und Handeln eines Menschen beeinflusst. Auch, wenn ich nicht damit befasst bin, anderen Ideen zu vermitteln oder sie vor dem Irrationalen zu warnen, bin ich für mich selbst damit befasst, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und dem Irrationalen zu entgehen.

Die Gefahr der Intoleranz

Ich meine, ich habe über die Jahre ein etwas größeres Verständnis entwickelt für die Möglichkeit, dass wir alle dem Irrationalen erliegen können. Ja, ich war früher noch intoleranter. Kaum vorstellbar für manche, die mich kennen. Es ist, zugegeben, noch immer schlimm mit mir. Vor allem, wenn jemand antisemitische Äußerungen macht oder irgendwas über Tierrechte daherredet, entfernt mich das von einem Menschen. Klar, werden manche denken. Aber es ist nicht so klar. Wir machen es uns zu einfach. Es ist nicht die Aufgabe von Aufklärern, Menschen für irrationale Aussagen abzustempeln oder aufzugeben. Hasse nicht den Sünder, hasse die Sünde.

Und hier muss ich noch erheblich an mir arbeiten. Ich hatte vor ein paar Jahren einen Konflikt mit Bernd Harder, heute Pressesprecher der GWUP. Der Anlass war, dass er Katholik ist (oder war, weiß ich nicht) und zugleich ein einflussreicher Skeptiker. Doch wie kann jemand ein Skeptiker sein und zugleich religiös, also rational und irrational, fragte ich mich? Ich übte daher eine sehr wütende Kritik an ihm. Doch vollkommene Rationalität zu fordern, ist vielleicht gar nicht so rational. Ich kann mich auch selbst irren und habe mich in verschiedenen Dingen geirrt. Insgesamt tut er vor allem Gutes und das hätte ich stärker anerkennen müssen.

Aus ähnlichen Gründen hatte ich einen großen Konflikt mit Michael Blume, Religionswissenschaftler und heute Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Wir haben uns inzwischen wieder vertragen. Als er von irgendwelchen rechtsradikalen Idioten belagert wurde, habe ich mich offen auf seine Seite geschlagen. Es ist wichtig, das große Bild zu betrachten, und er tut in erster Linie viel für die Aufklärung. Ich muss nicht in jedem Detail mit ihm übereinstimmen.

Eine ähnliche Intoleranz habe ich nach einigen Jahren gegenüber Michael Schmidt-Salomon empfunden, weil er sich in einer links-nihilistischen Tradition (auch wenn er das nicht so nennt) verortet, die für mich mit den Idealen der Aufklärung unvereinbar ist. Das sehe ich inhaltlich noch immer so. Aber auch hier hätte ich mit mehr Verständnis reagieren können, da er ja, wie er mir sagte, nun einmal links sozialisiert wurde und sein ganzes Leben „unter Linken“ verbracht hat. Zum Glück bin ich seitdem etwas toleranter geworden und unterstütze etwa Novo und Spiked, obwohl die sich beide in sozialistischer Tradition sehen.

Diese Intoleranz gegenüber dem Irrationalen oder dem, was ich dafür halte, hat zu meinem größten Charakterfehler geführt – mein instinktives Gefühl der Abneigung und Ablehnung gegenüber Menschen, die irrationale Ideen vertreten. Dabei ist es irrational von mir, völlige Vernunft und perfektes Wissen in allen Dingen von mir selbst und von anderen zu erwarten.

Und das ist immerhin wieder ein Vorteil des aufklärerischen Auftrags. Ich bin angehalten, auch mich selbst möglichst objektiv zu beurteilen. Auch, wenn es wehtut. Und mich selbst nicht zu hassen, sondern die Sünde.