Ich habe die Transsubstantiation verstanden

Verwandeln sich Brot und Wein beim Abendmahl wirklich in den Körper beziehungsweise in das Blut von Jesus Christus?

Nun, offensichtlich nicht, werden meine atheistischen Leser sagen. Und ich stimme ihnen zu, dass es mit der „Transsubstantiation“, wie der katholisch-theologische Fachbegriff heißt, nicht weit her ist.

Allerdings habe ich bislang falsch verstanden, was die Verwandlung von Brot und Wein in Körper und Blut von Jesus aus der Sicht der Gläubigen bedeutet. Und möchte man sich eine Meinung darüber bilden, ob man etwas glaubt oder nicht, so muss man erst verstehen, was es ist, was man da glauben soll.

Wie es aussieht, glauben Katholiken und auch sonstige Christen keineswegs, dass sich an der physisch-chemisch-biologischen Beschaffenheit von Brot und Wein bei der Eucharistie irgendetwas ändert. Das heißt, was sie da verzehren, ist aus christlicher Sicht kein menschlicher Körper und kein menschliches Blut in irgendeinem materiellen Sinne.

Thomas von Aquin über die Transsubstantiation

Laut Thomas von Aquin befindet sich ausschließlich die Substanz von Jesus Christus nach dem Segen in Brot und Wein. An den Akzidentien von Brot und Wein – ihre mit den Sinnen erfahrbaren Eigenschaften – ändert sich jedoch nichts. Das heißt, dass Brot und Wein weiterhin so aussehen und so schmecken, wie man es von ihnen gewöhnt ist. Demnach würde eine chemische Analyse, die aufzeigt, dass es sich nicht um einen menschlichen Körper und keineswegs und menschliches Blut handelt, Katholiken unbeeindruckt lassen.

Demnach wird nichts von dem, was Brot und Wein unserer Sinneserfahrung nach ausmacht, zu ihren essenziellen Eigenschaften gezählt, sondern alles wird unter den Akzidentien (nicht essenzielle Eigenschaften) eingeordnet. Wie können wir dann Jesus Christus in Brot und Wein wahrnehmen? Laut Aquin nur mit unserem „geistigen Auge“, also mit unserer intellektuellen Betrachtung, mit unserem konzeptuellen Verständnis. Wir können sozusagen verstehen, dass Brot und Wein im Verlauf der Eucharistie nun essenziell zu Jesus Christus werden, wir können dies aber nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Was da näher „verstanden“ wird, ist allerdings eine Behauptung, die man zunächst einmal glauben muss. „Die Art, wie Christus in diesem Sakrament vorhanden ist, ist rein übernatürlich“, so Aquin, und kann daher nur von einem übernatürlichen Auge, wie jenes eines Engels, direkt gesehen werden. Der Mensch kommt nicht darüber hinaus, einfach zu glauben und diesen Glaubenssatz dabei intellektuell zu verstehen, dass Brot und Wein beim Abendmahl in die Substanz von Jesus verwandelt werden.

In der Scholastik wird etwa der Körper eines Menschen als Akzidens verstanden, die Seele hingegen als Substanz. Was den Menschen aus dieser Sicht essenziell ausmacht, was der Mensch an sich ist, das ist die Seele. Diese bleibt nach christlicher Vorstellung nach dem Tod des Körpers erhalten, der lediglich eine unwesentliche Eigenschaft des Menschen darstellt. Die Seele ist vielmehr die essenzielle Eigenschaft des Menschen. Ebenso sind Brot und Wein dieser Überzeugung nach bei der Eucharistie essenziell Jesus Christus, nur bleiben ihre bisherigen materiellen Eigenschaften erhalten.

Die Substanz soll bei der Transsubstantiation allerdings die Gesamtheit von Jesus umfassen, inklusive Körper und Göttliches. Nur ist der Körper nicht materiell enthalten, sondern als rein übernatürliche Substanz.

Im katholischen Katechismus steht: „Thomas von Aquin sagt: „Daß der wahre Leib und das wahre Blut Christi in diesem Sakrament seien, läßt sich nicht mit den Sinnen erfassen, sondern nur durch den Glauben, der sich auf die göttliche Autorität stützt.“

Wenn Du nicht verstehst, was Du glauben sollst

Ich bin darauf gekommen, mich näher mit dem Thema zu befassen, weil ich nicht glauben konnte, dass Katholiken wortwörtlich der Meinung sind, dass sie bei der Eucharistie Jesus verspeisen würden. Ich habe selbst als getaufter Katholik an mehreren Gottesdiensten mit Eucharistie teilgenommen und die Hostien haben sich nun offensichtlich nicht auf wahrnehmbare Weise verwandelt. Und das war auch nie die Idee. Ehrlich gesagt: Es wäre schön gewesen, wenn mir das damals mal jemand erklärt hätte. Ich hatte meine gesamte Schullaufbahn im katholischen Religionsunterricht verbracht und durchaus gut aufgepasst.

Zugegeben: Offenbar braucht man eine gar nicht so geringe philosophische Vorbildung, um die Idee hinter der Transsubstantiation zu verstehen. Nur: Wenn es einem nicht erklärt wird, klingt es noch viel verrückter als es ist. Und es klingt selbst in der richtig verstandenen Version schon reichlich verrückt, betrachtet man es rein philosophisch, von außerhalb des christlichen Glaubens.

Transsubstantiation aus objektivistischer Sicht

Nun denke ich nicht, dass sich Brot oder Wein in Jesus verwandeln kann. Ich teile weiterhin die objektivistische Metaphysik und Epistemologie von Ayn Rand. Hier ist die objektivistische Sicht der Dinge:

Ihre Eigenschaften machen eine Entität aus. Eine Entität ohne Eigenschaften wäre nichts. Die essentiellen Eigenschaften (Essenz / Substanz) dienen der Definition eines Begriffs, was aber eine rein erkenntnistheoretische Sache ist. Sie bestimmen, was eine Entität grundlegend ausmacht und sie von anderen unterscheidet.

Auch wenn sich die nicht-essentiellen Attribute ändern, bleibt die Essenz oder Substanz erhalten. So kann ein Mensch im Verlauf des Lebens größer oder kleiner werden, er bleibt stets ein Mensch. Der Mensch ist das rationale Lebewesen (seine Essenz oder Substanz), das bleibt er auch sein Leben lang, unabhängig von seiner Größe.

Die Substanz oder Essenz einer Entität ist also eine Auswahl bestimmter grundlegender Eigenschaften derselben. Die Substanz existiert nicht getrennt von den Eigenschaften. Das ist der zentrale Unterschied zur Sichtweise Aquins.

Brot ist eine aus Mehl, Wasser, Salz und Sauerteig oder Hefe durch Backen hergestellte Backware, die als Grundnahrungsmittel gilt. Jesus ist ein historischer Wanderprediger, der das Christentum begründet hat. Brot ist nicht Jesus, da Jesus keine Eigenschaft von Brot ist. Jesus hat nichts mit der Entität Brot zu tun.