Müssen wir an etwas glauben?

Wir sollten nur an das Wirkliche glauben. Nur an das, was überprüfbar in der objektiven Realität existiert. An das, was auf Beobachtungen beruht, die letztlich auf Sinneseindrücke zurückgeführt werden können. Wir sollten Realisten sein. Letztlich erfordert das keinen wirklichen „Glauben“, sondern Belege.

Vermeintliche Gegenbeispiele wie Liebe und die Willensfreiheit ließen mich unbeeindruckt. Schließlich lieben wir wirklich – anhand von Worten, Handlungen und Gedanken überprüfbar – bestimmte Menschen, werden wirklich geliebt (wenn wir Glück haben), und die Willensfreiheit können wir durch Introspektion und anhand logischer Argumente nachvollziehen.

Oder ist das nur eine Geschichte, an die ich geglaubt habe?

Der Wert des Geldes

Müssen wir an bestimmte Ideen einfach glauben? Offenbar müssen wir an die Idee glauben, dass Geld etwas wert ist. Geld ist ein Tauschmittel, das in Form von Papierscheinen und in Form von digitalen Ziffern auf unseren Bankkonten existiert. Es existiert also wirklich. Aber ist es wirklich, unabhängig von subjektiven Meinungen, etwas wert?

Nein. Geld funktioniert ausschließlich als Tauschmittel aufgrund einer kollektiven subjektiven Meinung, dass es etwas – und sogar etwas sehr Konkretes und dabei Wandelbares – wert sei. Ähnlich wie dem Gotteswahn unterliegen wir gewissermaßen einem Geldwertwahn. Auch Gott existiert nicht unabhängig von menschlichen Überzeugungen.

Die Philosophin Ayn Rand, die mein Weltbild am stärksten geprägt hat, war eine Befürworterin des Goldstandards. Das Papiergeld und das virtuelle Geld auf unseren Konten sollten durch Gold in Banktresoren gedeckt sein. Im Gegensatz zu Papiergeld gibt es nur eine begrenzte Menge von Gold, so können die Zentralbanken und Staaten keine unbegrenzte Menge an vermeintlichen Pseudo-Werten erschaffen, indem sie stets neues Papiergeld drucken. Eine unter Libertären weit verbreitete Sichtweise.

Gold ist real. Wir wissen, wie es aussieht, gelbliches, glänzendes, „hartes“ Metall. Daher die Idee, es wäre eine „harte“ Währung. Aber Papiergeld ist auch real und wir wissen umso genauer, wie dieses aussieht, weil es vermutlich mit etwas Glück gerade in unseren Brieftaschen steckt. Wie der amerikanische Autor Jonah Goldberg in „Suicide of the West“ betont, hätte auch Gold ohne unsere Überzeugung, dass es wertvoll sei, keinen Wert. Es ist in diesem Sinne egal, ob es ein begrenztes Gut ist oder eines, das vervielfältigt werden kann.

Gold hat keinen inhärenten, vom Menschen unabhängigen Wert. Gold ist ebenso wie Papier gewissermaßen ein „Pseudo-Wert“. Es ist nur wertvoll, weil Menschen es begehren, weil sie es für bestimmte Dinge nutzen, weil sie ihm einen Wert beimessen. Ein Wert existiert nicht ohne einen Wertenden, wie Ayn Rand ebenso feststellte. Und wozu ist Gold wertvoll? Zum Überleben könnten wir darauf verzichten. Es hat begrenzte industrielle Anwendungen, aber vor allem einen ästhetischen Wert. Inwiefern ist es eigentlich wertvoller als Papiergeld?

Wir glauben letztlich einfach an den Wert von Geld, wie an den Wert von Gold. Und wenn wir den Glauben an den Wert von Geld verlieren, mindert sich die Kaufkraft des Geldes, es kommt zu einer Inflation. Die Wirtschaftswissenschaften können bestimmte Zusammenhänge aufzeigen, unter welchen Umständen die Entwertung von Geld wahrscheinlicher ist und unter welchen weniger wahrscheinlich. Manchmal könnte man daher den Eindruck bekommen, Ökonomie wäre eine „harte“ Wissenschaft wie die Naturwissenschaften, die mit ehernen, unveränderlichen, stets in ihrem Rahmen gültigen Gesetzen operiert.

Tatsächlich kann bereits die Geschichte, es käme zu einer Inflation, eine Inflation auslösen. Das lässt sich häufiger auf der Ebene von Einzelunternehmen beobachten. Wenn Unternehmer, Mitarbeiter und Kunden den Glauben an ein Unternehmen verlieren, hört es auf zu existieren. Man kann es auch anhand des Markenwertes erkennen. Coca Cola hatte einst einen viel höheren Markenwert, doch heute ist es eine von vielen Cola-Sorten. Atari erinnert nur an Retro-Spiele, nicht an eine aktuelle Marke (obwohl es eine ist). Auch BlackBerry scheint eher eine historische Marke zu sein, obwohl sie noch existiert.

Tatsächlich zählen die Wirtschafts- zu den Geisteswissenschaften. Sie befassen sich also letztlich mit Phänomenen des menschlichen Geistes. Wie dem Wert von Geld, der außerhalb unseres kollektiven und individuellen Geistes nicht existiert. Die Naturwissenschaft Chemie befasst sich hingegen mit Elementen und Molekülen, die es unabhängig von menschlichen Überzeugungen gibt. Gäbe es keine Menschen, so gäbe es doch weiterhin CO2, O2 und H2O.

Wir müssen an den Wert von Geld einfach glauben. Warum nicht an Gott? Oder an eine unsterbliche Seele? Oder an viele andere Dinge, die von unserem Glauben abhängen.

Das Wunder

In „Suicide of the West“ geht Jonah Goldberg die wichtigsten Erklärungen für das Phänomen durch, welches er als „das Wunder“ bezeichnet. Das Wunder hat einen großen Einfluss auf unser Leben, einen realen und messbaren Einfluss. Es gibt ganze Bibliotheken voller Bücher mit unzähligen Erklärungsansätzen, die ihm zuleibe rücken. Doch letztlich, so Goldberg, auch wenn an vielen von ihnen sicher etwas dran ist, sind sie nicht hinreichend. Denn das Wunder gibt es letztlich nur, weil wir uns irgendwann dazu entschieden haben, daran zu glauben.

Das Wunder ist unser politisch-ökonomisches System, die freiheitliche Demokratie. Es mag befremdlich wirken, es als „Wunder“ zu bezeichnen bei all dem Zynismus, der in unserer Gesellschaft über Politik und Wirtschaft vorherrscht. Doch historisch betrachtet ist der Grad an Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit, welche die freiheitliche Demokratie erschaffen hat, unerhört. Es gab jede erdenkliche Form des menschlichen Zusammenlebens, seien es Matriarchie, Absolutismus, Tribalismus, doch noch nie hat eine Gesellschaftsform auch nur annähernd so viel Gutes für den Menschen bewirkt.

Wer glaubt, dass das Leben in Stammeskulturen besser ist, dem empfehle ich das Buch „Sick Societies. Challenging the Myth of Primitive Harmony“ von Robert Edgerton. Auch Stammeskulturen waren häufig von sozialen Krankheiten befallen, praktizierten Grausamkeiten wie die Ausbeutung von Frauen, Stammeskriege, Menschenopfer und Kannibalismus. Nein, das sind keine Mythen.

Es gibt auch plausible Einwände gegen unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung seitens der Kommunitaristen wie Patrick J. Deneen. Sie glauben, dass die freiheitliche Demokratie sich selbst abschafft, weil sie ihre eigenen Fundamente durch die Atomisierung der Bürger untergräbt, durch ihre Abwendung vom gemeinschaftlichen Leben. Dafür gibt es eine Fülle an empirischen Belegen, nicht zuletzt den Verfall von Institutionen wie Parteien, Gemeinden, Vereinen, Clubs. Der Liberalismus ist vielleicht das andere Extrem im Vergleich zu Tribalismus, und ebenso instabil.

Bei aller Kritik müssen wir die erheblichen, wundersamen Vorzüge der liberalen Gesellschaftsordnung anerkennen. Und wir dürfen nicht leichtfertig den Glauben an sie verlieren – wobei wir bemüht sein müssen, ihrer Selbstzerstörung entgegenzuwirken und das Gemeinschaftsleben zu stärken. Vielleicht entsteht so eine stabilere Gemeinschaftsordnung.

Wie der Wert des Geldes existiert die freiheitliche Demokratie nur, weil wir an sie glauben. Es ist keine Vorsehung, kein Schicksal, keine determinierte Konsequenz aus der Geschichte, aus geografischen oder biologischen Gegebenheiten.

Die Menschenwürde

Die Menschenwürde leitet sich historisch aus der ursprünglich jüdischen Idee einer „Gottesebenbildlichkeit des Menschen“ ab. Das hatte mir einst der heutige Erzbischof Gerhard Ludwig Müller in einer Diskussion mitgeteilt. Ich hatte das zunächst nicht geglaubt und recherchierte jahrelang bei verschiedenen Gelegenheiten, woher die Idee der Menschenwürde und letztlich der individuellen Menschenrechte stammt.

Ich glaube heute, der Bischof hatte Recht. Eine solche Idee, dass alle Menschen universell eine Würde und Rechte hätten, gab es vor dem Christentum offenbar noch nicht – jedenfalls hatte sie keine gesellschaftliche Bedeutung. Vielleicht lässt sich die Idee, dass alle römischen Bürger dieselben Rechte hatten, als Vorläufer begreifen. Aber das waren nur die Bürger des römischen Reiches und nicht alle Menschen auf der Welt.

Seitdem frage ich mich, ob es einen hinreichenden säkularen Grund gibt, von einer Menschenwürde auszugehen. Vielleicht die menschliche Natur, beurteilt anhand unserer Erfahrung mit Gesellschaften, welche die Menschenwürde (oder Menschenrechte) anerkennen und mit jenen, welche es nicht tun. Allerdings mussten wir erst einmal auf die Idee kommen, Gesellschaften zu erschaffen, welche die Menschenwürde anerkennen. Diese Methode stand uns zunächst also nicht zur Verfügung.

Wir wissen, dass das Individuum und Gesellschaften nicht richtig funktionieren können, allerlei soziale Krankheiten entwickeln, wenn sie nicht von einer Menschenwürde ausgehen. Hier meine Auffassung: Wir sind zwar meiner Ansicht nach nicht Gottes Ebenbild, aber wir sind uns aus anderen Gründen essenziell ähnlich. Wir haben alle eine Seele, wir sind keine bloßen Tiere. Auch wenn unsere Seele sterblich ist. Wir haben alle einen freien Willen. Auch wenn er auf Gehirnfunktionen zurückgeführt werden kann. Und daraus ergibt sich unsere Würde.

Irgendwann, wenn auch erst nach vielen Jahrhunderten, hat das Christentum zur Abschaffung der Sklaverei geführt. Diese ist schließlich mit der Menschenwürde unvereinbar. Manche führen die Abschaffung der Sklaverei auf die Aufklärung zurück, denn das Christentum gab es lange, ohne dass es Sklaven abgeschafft hätte. Doch ich denke, dass die These des Historikers Tom Holland in „Dominion: The Making of the Western Mind“ korrekt ist. Letztlich haben christliche Ideen zur Durchsetzung der Menschenrechte im Westen geführt. Sie haben tatsächlich unsere Kultur und unser Denken fundamental geprägt – siehe meine eigene Rhetorik oben über eine „Seele“.

Die Überlegungen zu einem säkularen Fundament der Menschenwürde und der Menschenrechte sind neu. Einen Großteil unserer Geschichte haben wir einfach an die Menschenwürde geglaubt, an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, an unseren göttlichen Funken, unsere unsterbliche Seele.

Was, wenn wir nicht einfach daran geglaubt hätten? Was, wenn wir eines Tages nicht mehr daran glauben?

Eine Welt des Glaubens

„Man muss doch an etwas glauben“, sagt meine Großmutter gerne. Weil ich es offenbar als Atheist nicht tue, jedenfalls aus ihrer katholisch-christlichen Sicht.

Vielleicht doch. Und vielleicht glauben wir alle einfach an etwas. Und vielleicht geht das nicht anders.

Auch mit der Liebe ist es nicht so einfach. Man kann alle möglichen Faktoren anführen, warum man sich in einen Menschen verliebt. Biografische, biologische, chemische Ursachen. Aber sie sind nicht hinreichend, weil auch eine Willensentscheidung dafür notwendig ist. Man muss sich auf die Liebe einlassen und sie aufrechterhalten. Man muss sich selbst überzeugen, es zu glauben und es glauben zu wollen, dass man jemanden liebt.

Wir müssen also letztlich glauben, einen Menschen, etwa eine Frau zu lieben. Und andere nicht zu lieben. Und wenn wir das unterlassen und stattdessen nach empirischen Belegen für die Liebe suchen, dann kann keine Liebesbeziehung entstehen.

Natürlich passiert es in Deinem Kopf, Harry. Warum sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?

Albus Dumbledore

Der Wert des Geldes, die freiheitliche Demokratie, die Menschenwürde und die Liebe. Ich glaube nicht, dass diese Phänomene dem Realismus widersprechen. Wir müssen vielmehr anerkennen, dass Ideen, Überzeugungen eine geistig-sozial-kulturelle Realität besitzen und reale Folgen für die beobachtbare Wirklichkeit haben. Sie sind nicht materiell, aber trotzdem wirklich. Das ist übrigens die philosophische Aussage der „Harry Potter“-Bücher. Es gibt einen Grund, warum das Zitat oben der Favorit der Autorin J.K. Rowling ist.

Und wir glauben nicht in erster Linie an Wahrheitsaussagen wie „Die Erde kreist um die Sonne“, sondern an Geschichten: Galileo hat bewiesen, dass die Erde um die Sonne kreist und wurde dafür von der ignoranten Kirche mit Folter bedroht. Den astrophysikalischen Beweis kennen nicht viele Menschen, die Geschichte über Galileo und die Kirche (übrigens auch dank des Schriftstellers – nicht Historikers – Bertolt Brecht) schon. Letztlich funktioniert unsere Kultur vor allem auf Grundlage der Geschichten, die sich die Menschen erzählen, und an die sie glauben. Geschichten wie:

  • Papierscheine mit Bildern und Zahlen darauf sind etwas wert, Du kannst sie gegen Güter eintauschen. Dazu haben wir mehrere Geschichten. Darunter die Inflation nach dem Krieg, als dem Papiergeld kaum noch Wert beigemessen wurde, das Wirtschaftswunder, als es seinen Wert zurückerhielt, die friedensstiftende Einführung des Euro, der den Wert nationaler Währungen vereinheitlichte.
  • Der Staat soll Leben und Freiheit der Bürger schützen, die zusammen über gesellschaftliche Belange entscheiden. Deutschland hat sich nach dem Krieg zu einer freiheitlichen Demokratie gemausert, die verteidigt werden muss. Wir haben die Lektion aus der Geschichte gelernt.
  • Jeder Mensch hat eine Würde und gleiche Rechte. Wir sind schließlich Gottes Ebenbild, wir haben uns schließlich vom Gottesglauben gelöst und den individuellen Wert des Menschen erkannt. Das kann nicht beides wahr sein. Aber beide Geschichten erhalten den Glauben an Würde und Rechte der Menschen.
  • Ich liebe Dich. Weiß Du noch, unser erstes Date? Als ich so unbeholfen war, unser erster Kuss, mein kläglicher Versuch, romantisch zu sein, als wir durch den Stadtpark gelaufen waren, unsere Geschichte über unsere Liebe. Unser Glaube daran.

Nichts auf der Welt ist mächtiger als eine gute Geschichte.

Tyrion Lannister

Nicht Gold oder Armeen beherrschen die Welt, argumentiert Tyrion Lannister in der letzten Folge der TV-Serie „Game of Thrones“. Sondern die Geschichten, die wir uns erzählen. Bran Stark, der Hüter der Geschichten von Westeros, wird passenderweise zum neuen König. Das ist die philosophische Aussage der „Lied von Eis und Feuer“ („Game of Thrones“)-Bücher von George R. R. Martin. Eine Kultur wird davon geprägt, an welche Geschichten sie glaubt.

Aber woher sollen wir wissen, an welche Geschichten wir glauben sollen?

Literatur

  • George R. R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer (Serie). Penhaligon. 1996 -.
  • J. K. Rowling: Harry Potter (Serie). Carlsen. 1997-2007.
  • Patrick J. Deneen: Warum der Liberalismus gescheitert ist. Muery Salzmann. 2019.
  • Robert Edgerton: Sick Societies. Challenging the Myth of Primitive Harmony. Free Press. 1992.
  • Tom Holland: Dominion. The Making of the Western Mind. Little, Brown. 2019