Das Fundament von Ayn Rands Ethik erklärt

Die Widerlegung von Ayn Rands Metaethik war eine der größten Erschütterungen meines Weltbilds.

Wie sich gezeigt hat, weiß praktisch niemand, was das überhaupt bedeuten soll. Und das sogar unter Ayn Rands Anhängern, mit Ausnahme einiger weniger Akademiker, die sich beruflich mit ihrer Philosophie befassen. Wir Philosophen haben das Problem, dass wir von einem großen Lebensereignis betroffen werden können, das so abstrakt ist, dass es fast niemand versteht.

Die großen Lebensereignisse von normalen Menschen sind Dinge wie der erste Kuss, die Heirat, der Tod eines engen Familienmitglieds, ein wichtiger Schritt in der Karriere. Nicht die Widerlegung einer Metaethik.

Ich habe schon einmal versucht, die Bedeutung und die Implikationen dieses Ereignisses zu erklären, aber ich habe bei diesem Versuch zu viel vorausgesetzt. Nun hole ich etwas weiter aus. Ich erkläre, was eine Metaethik ist, warum uns das nicht egal sein kann und wie die Metaethik von Ayn Rand aussieht. Und in einem folgenden Teil erkläre ich, warum sie falsch ist.

Ethik vs. Metaethik

Welche Art von Mensch sollen wir sein? Das ist die Grundfrage der Ethik. Wir könnten stoisch dem Schicksal trotzen, uns heldenhaft für das Gemeinwohl einsetzen, nur unsere eigene Lebensfreude anstreben oder das Glück aller. Vielleicht müssen wir tun, was richtig ist – vielleicht ist das richtig, was wir zu tun. Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage, welche Art von Mensch wir sein, das heißt: welche Art von Ethik wir leben sollen.

Doch es gibt eine noch grundlegendere Frage: Warum sollten wir überhaupt auf eine bestimmte Weise leben? Warum sollten wir irgendeine Ethik leben, irgendetwas Bestimmtes mit unserem Leben anfangen? Diese Frage wird häufig so formuliert: Warum moralisch sein? Das ist eine Frage, die von einem bestimmten Teilgebiet der Philosophie behandelt wird: der Metaethik. Die Metaethik eines Philosophen ist seine Antwort auf die Frage, warum wir überhaupt moralisch sein sollen.

Darum ist Metaethik wichtig

Die Metaethik verbindet die Metaphysik mit der Ethik. Das bedeutet: Sie verbindet die Frage, wie die Welt grundsätzlich beschaffen ist, mit der Frage, warum wir moralisch handeln sollten. Daraus können sich Folgen ergeben dafür, wie wir konkret handeln sollen, welche Ethik die richtige ist. Die Metaethik sagt also: Die Welt und der Mensch sind so und so, darum muss der Mensch in ihr auf eine bestimmte Weise handeln.

Zum Beispiel: Die Welt ist so paradiesisch beschaffen, dass der Mensch nur seine Wünsche äußern muss, damit sie von Engeln erfüllt werden. Das stimmt natürlich nicht, aber das wäre eine mögliche (wenn auch schlechte) Antwort auf die Frage, warum wir moralisch handeln sollten. Sie enthält bereits eine Implikation, wie wir konkret handeln sollten: Wir sollten unsere Wünsche äußern, damit Engel sie erfüllen. Es sei denn, wir möchten nicht, dass unsere Wünsche erfüllt werden.

Woher wissen wir, ob eine Metaethik stimmt oder nicht? Indem wir sie mit den überprüfbaren, letztlich auf unsere Sinnesempfindungen zurückführbaren Tatsachen der Realität vergleichen. Diese Metaethik besagt, wir bräuchten nur unsere Wünsche zu äußern, damit sie von Engeln erfüllt würden. Doch wenn wir uns hier und heute tatsächlich etwa Nahrung wünschen – immerhin ein Grundbedürfnis – dann kommen keine Engel, um uns diese Nahrung zu überreichen. Diese Metaethik ist also falsch. So einfach war das. Diese Metaethik war leicht zu widerlegen. In anderen Fällen ist das weitaus schwieriger.

Ein Fall, in dem zumindest ich große Schwierigkeiten hatte, eine Metaethik zu widerlegen, ist jene der Philosophin Ayn Rand. Die Denkerin ist vor allem für ihre politische Philosophie, den Laissez-faire-Kapitalismus, sowie für ihre „egoistische“ Ethik (aufgeklärtes Eigeninteresse) bekannt, aber ihre wichtigeren Beiträge zur akademischen Philosophie liegen tatsächlich in den Gebieten Metaphysik, Epistemologie, Metaethik und Ästhetik. Diese Beiträge sind außerhalb ihrer Anhängerschaft weitgehend unbekannt.

Tatsächlich sind einige von Ayn Rands philosophischen Errungenschaften selbst innerhalb ihrer treuesten Anhängerschaft unbekannt. Darunter sogar, wie ich feststellen musste, einige Akademiker, die sich beruflich mit Rands Philosophie befassen. Die meisten Akademiker dieser Kategorie sind zum Glück mit Rands Metaethik vertraut und viele verstehen auch deren grundlegende Bedeutung für ihre Ethik und für ihre politische Philosophie.

Ich bin Atheist. Das heißt, ich kann nicht auf die metaethische Frage antworten: Ich muss moralisch sein, weil Gott es will. Es gibt meiner Auffassung nach schließlich keinen Gott, der irgendetwas von mir will. Nun kann ich entweder eine atheistische Antwort auf die Frage geben, warum ich überhaupt moralisch sein sollte (und davon gibt es seit der Antike einige) oder ich müsste das einräumen, was viele Gläubige Atheisten ohnehin vorwerfen: Dass ich keinen Grund habe, moralisch zu sein.

Vielleicht ahnen manche jetzt, warum es wichtig sein könnte, wenn die Metaethik widerlegt wird, von der man überzeugt war.

Ayn Rands Metaethik

Die meisten von Rands Anhängern haben schon von den Tugenden und Werten gehört, die in ihrer Ethik eine Rolle spielen. Wir sollen rational, unabhängig, mit Integrität, ehrlich, gerecht, produktiv und stolz leben (Tugenden), um die Werte zu erhalten: Vernunft, Lebenssinn und Selbstvertrauen. Rands Kritiker dürften erstaut sein, dass es sich hierbei um spirituelle Werte handelt und nicht um materielle Werte wie ein Haus oder einen Porsche. Wir sollen also nicht moralisch sein, weil wir einen Sack Gold dafür bekommen. Wie man es von einer „kapitalistischen“ Philosophin erwarten könnte.

Tatsächlich benennt Rand im selben Absatz, wo sie ihre Werte und Tugenden erläutert, auch ihre Metaethik. So heißt es in Galts Ansprache in Rands Roman „Atlas Shrugged“: „Meine Ethik, die Ethik der Vernunft, ist in einem einzigen Axiom enthalten: Die Existenz existiert – und in einer einzigen Wahl: zu leben. Der Rest ergibt sich daraus. Um zu leben, muss der Mensch drei Dinge als übergeordnete und herrschende Werte seines Lebens achten: Vernunft – Lebenssinn – Selbstvertrauen.“ (Fette Markierungen von mir).

Rands gesamte Ethik hat dieses Ziel: Dem Leben zu dienen. Spezifischer meint sie damit, dass die Ethik dem individuellen Überleben eines Menschen als der Art von Entität zu dienen hat, die er ist: als das vernunftbegabte Lebewesen. Ich soll also moralisch handeln, um zu leben. Um als das biologische Lebewesen, dessen Überlebensmethode die Vernunft ist, zu leben: als Mensch. Ich soll moralisch handeln, um als Mensch zu leben.

Rand erläutert ihre Metaethik ausführlicher in ihrem Essay „The Objectivist Ethics„.

Rand schreibt darin, die „eine grundlegende Alternative im Universum“ sei „Existenz oder Nichtexistenz“ und sie gelte nur für „lebende Organismen“. Ferner: „Nur ein lebender Organismus steht unablässig einer Alternative gegenüber: der Frage nach Leben oder Tod.“ Sie beschreibt das Leben als einen „Vorgang der selbsterhaltenden und selbsterschaffenen Handlungen“ und sie sagt, das Konzept eines „Wertes“ hänge vom Konzept eines „Lebens“ ab (was ein Vorgang der Selbsterhaltung ist).

Laut Rand seien die physiologischen Funktionen eines Organismus „auf ein einziges Ziel gerichtet: Den Erhalt des Lebens jenes Organismus.“ Sie schreibt: „Der ultimative Wert, der, um erhalten werden zu können, in jedem Augenblick angestrebt werden muss, ist das Leben des Organismus.“ Sie beschreibt den ultimativen Wert und seinen Wertemaßstab als das Leben eines Organismus. Im Gegensatz zu Tieren, die angeblich instinktiv ihr Überleben anstreben, müsse sich der Mensch aufgrund seines freien Willens bewusst dazu entscheiden. Wir müssten uns also bewusst entscheiden, so zu handeln, dass wir leben.

Rands Metaethik lautet also: Wir müssen moralisch handeln, um zu überleben. Alles, was wir tun, unsere sämtlichen Handlungen, müssen auf das Überleben als ultimativen Wert ausgerichtet sein.

Rands wichtigste Interpreten bestätigen, dass dies wirklich Rands Auffassung ist. Der Erbe ihres Anwesens Leonard Peikoff schreibt in „Objectivism: The Philosophy of Ayn Rand“ („OPAR“): „Nur die Selbsterhaltung kann ein ultimatives Ziel sein, das keinem Zweck außer sich selbst dient.“ Er ergänzt: „Der Objektivismus sagt, dass am Leben zu bleiben das Ziel von Werten und allen angemessenen Handlungen ist.“ (S. 211-13)

Die Philosophin Tara Smith schreibt in „Viable Values“ – das wichtigste Werk über Rands Ethik von jemandem, der nicht Rand ist: „Die Leben-oder-Tod-Alternative (…) steht am Fundament aller anderen Alternativen und verleiht ihnen aufgrund ihrer Auswirkungen auf das Leben an Bedeutung.“ Andere Dinge können nur von Bedeutung sein, „aufgrund ihrer Auswirkungen auf das Leben eines Individuums – auf sein Überleben und auf die untergeordneten Ziele, die sein Überleben erhalten.“ Sie ergänzt: „Das Leben ist das Ziel von Werten und der angemessene Wertemaßstab.“ (S. 93).

Wir erfahren dasselbe in „A Companion to Ayn Rand“, dem wichtigsten Werk von Rand-Forschern seit „OPAR“, von Allan Gotthelf und Gregory Salmieri: „Die Struktur von Rands Argument macht deutlich, dass sie nur Inhalte als Wertemaßstab vorgesehen hat, die von den Erfordernissen des wortwörtlichen Überlebens des Menschen abgeleitet werden können.“ (S. 79).

Ein Kult der „Vernunft“?

Darum schreibt Rand-Kritiker (und Rand-Verteidiger in vielen anderen Punkten) Ari Armstrong: „Wer behauptet, dass sich Rands Metaethik, wie sie diese präsentiert, nicht am Überleben des Handelnden orientiert, hat einfach keine Ahnung, wovon er spricht.“

Wie viele von Rands Anhängern keine Ahnung haben, wovon sie sprechen, mussten Armstrong und ich in den Monaten nach Erscheinen seines Buches „What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics“, mit dem er Rand Metaethik widerlegt, bitter feststellen. Mein Eindruck war, dass die meisten Rand-Anhänger, die sich zum Thema äußerten, die Kritik so schnell wie möglich abtun und wieder zum Tagesgeschäft übergehen wollten.

Es gab die üblichen persönlichen Angriffe und Hexenjagden gegen uns – vor allem gegen Armstrong. Ich trete in solchen Fällen extrem aggressiv und mit einem langen Atem auf, was die charakterschwachen Kultisten zum Schweigen bringt. Es war wie in den Tagen des Nathaniel Branden Instituts. Damals galten Rand und ihr Liebhaber Nathaniel Branden als die Anführer eines intoleranten ideologischen Kultes.

Und wie im Falle des Christentums bin ich im Falle des Objektivismus höchst erstaunt, wie viele Anhänger dieser Überzeugungen die grundlegende Literatur nicht gelesen haben. Die meisten „Christen“ haben die Bibel nie gelesen, die meisten „Objektivisten“ nicht die Schriften Rands. Und sie werden höchst beleidigt und aggressiv, wenn sie jemand liest und sie damit konfrontiert, was in diesen Schriften steht. Einfach nur: was darin geschrieben steht.

Zu Teil 2: Wie Rands Metaethik mit ihrer Ethik zusammenhängt

Literatur

  • Allan Gotthelf und Gregory Salmieri: A Companion to Ayn Rand. Wiley-Blackwell. 2016.
  • Ari Armstrong: What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics. Eversol Press. 2018.
  • Ayn Rand: „Galt’s Speech“. In: Atlas Shrugged. Signet. 2005.
  • Ayn Rand: The Objectivist Ethics. In: The Virtue of Selfishness. Signet. 1964.
  • Leonard Peikoff: Objectivism. The Philosophy of Ayn Rand. E. P. Dutton. 1991.
  • Tara Smith: Viable Values. A Study of Life as the Root and Reward of Morality. Rowman & Littlefield. 2000.