Darum ist Ayn Rands Metaethik falsch

Laut der Philosophin Ayn Rand soll unser Handeln unserem persönlichen Überleben dienen. Doch da irrt sie sich. Hier gehe ich auf die wichtigsten Gründe ein, warum Ayn Rands Metaethik falsch ist. Und darauf, was das bedeutet.

Ich werde in diesem Beitrag noch einmal kurz zusammenfassen, worum es geht. Wer es genauer wissen möchte, sollte einen Blick in die letzten beiden Beiträge dieser Serie werfen: Das Fundament von Ayn Rands Ethik erklärt und Wie Ayn Rands Metaethik mit ihrer Ethik zusammenhängt.

Die Anerkennung für die Aufdeckung der beiden größten Fehler in Rands Begründung ihrer Metaethik verdient vor allem Ari Armstrong, der in seinem Buch „What’s Wrong With Ayn Rand’s Objectivist Ethics“ die wichtigsten Argumente gegen Rands Metaethik und Teile ihrer Ethik erläutert. Die Einordnung von Rands Metaethik als Non sequitur und willkürliche Behauptung stammen von mir, so auch Schlüsse aus der Widerlegung und die Ausführungen zur Objektivität und der Sein-Sollen-Dichotomie. Für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten unserer Argumentation sowie für weitere Argumente gegen Rands Metaethik und Ethik gerne auch sein Buch lesen.

Ayn Rands Metaethik ist ihre Antwort auf die Frage, wie ein Sollen aus dem Sein geschlossen werden kann. Wie sich eine Ethik aus den Tatsachen der Realität ableiten lässt. Ihre Metaethik ist der Grund, warum sie behauptet, ihre Ethik sei „objektiv“, womit sie meint: in den beobachtbaren Tatsachen der Realität verankert. Sie verwendet den Begriff „Objektivität“ also nicht im modernen Sinne, wie ihn Thomas Nagel gebraucht (unbeteiligter Beobachter), sondern in einem eher klassisch-wissenschaftlichen Sinne. Tatsächlich spielt der Name ihrer gesamten Philosophie, „Objektivismus“, auf dieses Objektivitätsverständnis an.

Hinweis für professionelle Philosophen: Rand geht es nicht um eine logische Deduktion des Sollens aus dem Sein (das wäre tatsächlich unmöglich), sondern sie verwendet in erster Linie eine induktive Methode, um Schlussfolgerungen aus beobachtbaren Fakten zu ziehen.

Hätte Rand erreicht, was sie meinte, erreicht zu haben, wäre das eine revolutionäre Errungenschaft gewesen: Die Erschaffung einer objektiv bewiesenen und überprüfbaren universellen Ethik. Eine größere philosophische Errungenschaft kann man sich kaum vorstellen. Das wäre wohl noch gewaltiger als die Lösung des Induktionsproblems.

Unter Rands Anhängern gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis darüber, wie das Verhältnis zwischen dem Überleben als ultimativem Ziel und ihrer übrigen Ethik (wie den Tugenden und den untergeordneten Werten) aussieht. Zu beachten ist:

Rand sagt nicht: Wir müssen uns im Gegensatz zu anderen Lebewesen frei zum Überleben entscheiden, weil wir am Leben sein und bleiben müssen, um für uns wichtige Dinge tun oder glücklich sein zu können (wie unser Leben genießen, unsere Kinder aufwachsen sehen).

Das wäre eine triviale Aussage. Natürlich müssen wir lebendig sein, um irgendetwas zu tun. Und, geht man vom freien Willen aus, müssen wir uns bewusst dazu entscheiden, so zu handeln, dass wir am Leben bleiben, sofern wir das möchten. Das dürfte so gut wie jedem Menschen völlig klar sein. Dazu braucht man keine Ayn Rand. Vielleicht braucht man dazu nicht einmal eine Philosophie – wir verspüren schließlich instinktiv Hunger und Durst und müssen nicht lange darüber nachdenken, dass wir diese Bedürfnisse befriedigen müssen, um weiterzuleben.

Rand sagt tatsächlich: Wir müssen uns im Gegensatz zu anderen Lebewesen frei zum Überleben entscheiden und unsere gesamten Handlungen im Leben an diesem Ziel ausrichten. (vgl. Das Fundament von Ayn Rands Ethik erklärt)

Nun, das ist überhaupt nicht trivial. Im Gegenteil ist es eine gewaltige Behauptung, die entsprechend umfassende Belege erfordern würde.

Rands Metaethik ist ein Non sequitur

Rand ist der Auffassung, dass wir das vernunftbegabte Tier sind und dass unsere Vernunft unserem Überleben dient. Während Tiere in den Fluten ertrinken, bauen wir Staudämme. Während Pflanzen wegen des Klimawandels eingehen, bauen wir Thorium-Flüssigsalzreaktoren. Ok, tun wir nicht, aber sollten wir vielleicht. Wir müssen also unsere Vernunft gebrauchen, um zu überleben. Die Natur bleibt von Glauben und Wunschdenken unbeeindruckt.

Diese Auffassung überzeugt mich: Ja, wir sollten unsere Vernunft gebrauchen, um zu überleben. Und diese Einsicht sollten wir ernster nehmen, als sie manchmal genommen wird. Nur: Daraus folgt nicht, dass wir alle unsere Handlungen am Überleben ausrichten sollten. Es bedeutet nur, dass das Ziel „Überleben“ den Einsatz unserer Vernunft als Mittel erfordert. Mehr nicht. Vielleicht erfordern andere Ziele andere Mittel, vielleicht sind andere Ziele sogar wichtiger als das individuelle Überleben. Schließlich würden viele Menschen notfalls für ihre Familie sterben.

„Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, bestimmt, was es tun sollte„, so Rand in „The Objectivist Ethics“. Nämlich, so die Implikation: es sollte sein. Ein Lebewesen sollte sich in allen Handlungen um sein Dasein bemühen. Aber warum?

Rand benennt schlicht keine Gründe dafür, warum wir unser Handeln am Ziel des individuellen Überlebens ausrichten sollten. Ihre Argumentation genügt nur für die konditionale Feststellung: Falls wir überleben möchten, dann müssen wir uns dazu entscheiden und unsere Vernunft dazu gebrauchen. Soweit ist das auch in Ordnung. Das bedeutet aber nicht, dass unser Überleben unser ultimativer Wert sein soll. Und es hat völlig andere Implikationen als ihre eigentliche Aussage, wir sollten ganz für unser Überleben leben.

Rands Metaethik folgt also nicht aus ihren Prämissen. Damit handelt es sich bei Rands metaethischer Hauptthese um den Denkfehler, der als „Non sequitur“ bekannt ist.

Rands falsche Biologie

Das war das hauptsächliche Problem mit Rands Ethik. Es gibt weitere. Abgesehen von einer Reihe von Plausibilitätsproblemen mit den Implikationen ihrer Metaethik, gibt es noch ein größeres empirisch-faktisches Problem in ihrer Herleitung.

So behauptet Rand, dass Pflanzen und Tiere automatisch ihr individuelles Überleben als ultimativen Wert anstreben würden und wir Menschen müssten uns dazu bewusst entscheiden. Das Problem: Pflanzen und Tiere tun nichts dergleichen. Sie streben vielmehr unbewusst die Vervielfältigung ihrer Gene an, wie der Zoologe Richard Dawkins in „Das egoistische Gen“ erläuterte. Ein Lebewesen mit einer größeren reproduktiven „Fitness“ hat unter gleichen Umweltbedingungen mehr fortpflanzungsfähige Nachkommen. Der ultimative Wert von anderen Lebewesen besteht in der Vervielfältigung ihrer Gene durch die Zeugung möglichst vieler fruchtbarer Nachkommen.

Es gibt auch Fälle, dass sich Tiere für andere aufopfern – dies tun sie allerdings nur für Artgenossen mit einer hohen genetischen Verwandtschaft und so führt ihre Aufopferung indirekt zur Vervielfältigung ihrer Gene. Und die ist letztlich der ultimative Wert, das letztendliche Ziel der Handlungen nicht-menschlicher Lebewesen.

In einer Diskussion mit professionellen Objektivisten wurde dieser Einwand von mir so verstanden, dass wir uns statt um unser individuelles Überleben um die Zeugung möglichst vieler fruchtbarer Nachkommen bemühen sollten. Dieser Schluss ist aber genauso falsch wie der Schluss Rands vom angeblichen ultimativen Ziel (und Wert) der anderen Lebewesen, ihr individuelles Leben zu erhalten, auf unseren ultimativen Wert. Der Mensch muss sich tatsächlich überhaupt nicht so verhalten wie andere Lebewesen. Weil er nicht so ist wie andere Lebewesen.

Wir sind nicht wie andere Lebewesen, weil wir mit der Vernunft (konzeptuelles, logisches Denken) und der Willensfreiheit ausgestattet sind. Also müssen wir nicht so handeln wie andere Lebewesen und wir müssen auch nicht deren ultimativen Wert anstreben.

Was wir tun können ist zu prüfen, inwiefern wir dieselben Bedürfnisse haben wie andere Lebewesen. Der Frage gehen Evolutionsbiologen seit Darwin nach. Aber in erster Linie sollten wir prüfen, welche Bedürfnisse wir als Menschen haben, die Menschen sind und keine anderen Lebewesen. Daraus alleine folgt auch keine Ethik – das wären lediglich relevante empirische Beobachtungen für die Entwicklung einer Ethik neben anderen wichtigen Beobachtungen, nicht zuletzt über unsere Kulturgeschichte und unseren Geist.

Rands Metaethik als willkürliche Behauptung

Gewissermaßen widerlegt sich Rands Ethik selbst, weil Rand nicht für sie argumentiert, sondern diese nur konstatiert. Mit ihren eigenen Konzepten ausgedrückt, müsste Rand ihre große Theorie als „willkürliche Behauptung“ einordnen. Der Publizist Christopher Hitchens formulierte es so: „Was ohne Beweise behauptet werden kann, darf ohne Beweise abgelehnt werden.“

Wie Rands Erbe Leonard Peikoff erläutert: „Willkürlich ist eine Behauptung, die in der Abwesenheit von Belegen jeglicher Art aufgestellt wird, ob perzeptuell oder konzeptuell; ihre Basis liegt weder in direkter Beobachtung noch in irgendeiner Form von theroetischem Argument. (Eine willkürliche Idee ist) eine blanke Behauptung ohne jeden Versuch, sie zu validieren oder sie mit der Realität zu verbinden.

Falls ein Mensch eine solche Idee aufstellt, ob durch einen Fehler, durch Ignoranz oder aufgrund moralischer Unzulänglichkeit, so ist seine Idee dadurch epistemologisch entwertet.“ Wir sollten eine willkürliche Behauptung ohne Diskussion abtun. (Leonard Peikoff: The Philosophy of Objectivism lecture series, Lecture 6).

Wie es Rand selbst ausdrückt: „Es gibt keinen Raum für das Willkürliche in irgendeiner Aktivität des Menschen, vor allem nicht in seiner Erkenntnismethode.“ (Introduction to Objectivist Epistemology, S. 87).

Was bedeutet die Widerlegung von Rands Metaethik?

Mit Rands Metaethik entfallen die Gründe für die Ausrichtung ihrer Ethik am individuellen Überleben. Damit ist nicht ihre gesamte Ethik falsch, da Rand immerzu bemüht war, ihre Ethik anhand der Tatsachen der Realität zu begründen. Ihre Tugenden sind keine bloße Deduktion aus ihrer Überzeugung, sie müssten sich am Überleben orientieren. Das heißt, es kann unabhängige Gründe für bestimmte Aspekte von Rands Ethik geben. Ob es die gibt und ob sie auch ohne die Metaethik überzeugen, gilt es, näher zu untersuchen. Doch mit der Objektivität von Rands ethischem System ist es nicht weit her.

Meiner Ansicht nach allerdings werden mit der Metaethik die Gründe für die Ausrichtung von Rands Ethik als Form des Egoismus im Sinne des aufgeklärten Eigennutzes aufgehoben. Das heißt: Rands Ethik mag überzeugende Aspekte enthalten (das denke ich weiterhin), aber sie kann nicht überzeugend begründen, warum wir Egoisten sein sollten. Schließlich gibt es keine guten Gründe, egoistisch unser individuelles Überleben als ultimativem Wert anzustreben – und darauf beruht Rands Egoismus. Die guten Aspekte ihrer Ethik können und sollten wir bewahren, sie jedoch in einen anderen, breiteren Kontext stellen.

Meiner Auffassung nach sollten wir an einem Gleichgewicht zwischen unserem aufgeklärten Eigeninteresse und einer fördernden, teils selbstlosen Beteiligung am Gemeinwesen interessiert sein. Und in der Politik an einem Gleichgewicht zwischen individuellen Rechten (die teilweise überhaupt nicht verletzt werden dürfen) und gemeinschaftlichen Interessen. In zukünftigen Beiträgen werde ich näher darauf eingehen, warum der egoistische Individualismus in einigen Bereichen fehl am Platze ist und andere Interessen höher gewichtet werden müssen – wobei auch umgekehrt in manchen Fällen der egoistische Individualismus höher gewichtet werden sollte.

Literatur

  • Ari Armstrong: What’s Wrong with Ayn Rand’s Objectivist Ethics. Eversol Press. 2018.
  • Ayn Rand: Introduction to Objectivist Epistemology. Expanded Second Edition. NAL. 1990.
  • Ayn Rand: The Objectivist Ethics. In: The Virtue of Selfishness. Signet. 1964.
  • Christopher Hitchens: „What can be asserted without evidence can also be dismissed without evidence.“ In: Slate Magazine. 20 October 2003. Oxford Reference.
  • Leonard Peikoff: The Philosophy of Objectivism lecture series, Lecture 6.
  • Richard Dawkins: Das egoistische Gen. 2. Auflage. Springer. 2014.