Kann Ethik objektiv sein?

Ein Blick auf meine Ausführungen der vergangenen Jahre über eine objektive Ethik könnte ethische Relativisten mit Genugtuung erfüllen. Ich bekomme selbst den Eindruck, dass die Vertreter einer objektiven Ethik oder auch des „ethischen Realismus“ oftmals die von ihnen subjektiv bevorzugte Ethik voreilig als „objektiv“ und aus Tatsachen abgeleitet hinstellen.

Die atheistischen Vertreter einer objektiven Wahrheit über die richtige Ethik würden sich demnach desselben Fehlers schuldig machen wie ihre religiösen Gegenstücke, für die Gottes vermeintliches Wort die Quelle der einzig wahren Moral ist. Und während Hybris ein moralischer Fehler von ethischen Realisten sein kann und oft war, denke ich, dass das hauptsächliche Problem anderswo liegt: Im schieren Ausmaß der Herausforderung, das zu Vereinfachungen und Fehlschlüssen einlädt, um zu einer Antwort zu gelangen.

Gib mir bitte die Wahrheit

„Hast Du inzwischen ein neues ethisches System?“, „Hast Du eine neue Ethik gefunden, die Dich überzeugt?“ Einige meiner Leser verlangt es nach Orientierung. Ich war nie ein Priester, der alte oder neue Wahrheiten predigt, sondern ein Philosoph. Ich habe die Ansätze für eine objektive Ethik von Richard Carrier und Ayn Rand wie wissenschaftliche Theorien angesehen, die mich zeitweilig überzeugten – und nach denen ich konsequenterweise auch lebte. Theorien lassen sich jedoch durch empirische Beobachtungen und logische Argumente widerlegen.

Tatsächlich hatte ich bemerkenswert viele Leser verloren, als ich den Fehler in Rands Metaethik ursprünglich erläuterte. Offenbar waren einige nur an Bord, weil sie von mir eine klare Orientierung ohne lästige Fragen und Zweifel erwarteten. Wie sie jemals auf die Idee gekommen sind, dass es mir um die Verbreitung einer dogmatischen Lehre geht, erschließt sich mir nicht. Auf meinem Blog steht überall „Philosophie“ und nirgends „Heilslehre“. Ich schreibe regelmäßig, dass die Menschen selbst denken und alles prüfen sollen und nirgends, dass sie Thesen blind glauben sollten.

Nun ist eine objektive Ethik eine gewaltige Herausforderung, aber die Idee überzeugt mich noch immer mehr als die Alternative: Der ethische Relativismus, der stets damit droht, in den Nihilismus abzugleiten. Wir sollen dem Relativismus zufolge anerkennen, dass es eine universelle Ethik, wie sie Christentum und Aufklärung vertraten (ja, das Christentum auch), nicht gibt, und stattdessen viele kulturbedingte und individuelle Ethiken, die wir nicht als falsch oder richtig bewerten können.

Menschenrechte seien so wahr wie Menschenopfer, Sklaverei sei so verwerflich wie Gleichberechtigung. Wer mit zynischer Genugtuung meine Abwendung von einigen Konzepten für einen ethischen Realismus verfolgt hat, darf sich nun fragen, ob er wirklich in diesen sauren Apfel beißen möchte.

Was ist „natürlich“?

Tatsächlich gibt es eine Kontinuität zwischen ethischen Realisten – nämlich in der Hinsicht, dass sie stets mit der „Natur“ argumentieren. Ursprünglich waren damit Gottes Schöpfung und sein Plan für diese Schöpfung gemeint, die säkularen Aufklärer machten daraus empirische Beobachtungen über den Menschen und die übrige Welt. Homosexualität sei „unnatürlich“ hieß es seitens der Kirche, das Anstreben des individuellen Überlebens war für Ayn Rand „natürlich“, da es andere Lebewesen vermeintlich auch tun. Und manche evolutionär geprägte Ethiker argumentieren, dass wir so handeln sollten, wir es uns unsere egoistischen Gene auftragen. Dabei kommt in der Regel eine konservative Ethik heraus, obwohl man auch sagen könnte, wir sollten jeden Tag eine Samenspende machen, um unsere Gene zu verbreiten.

Für Aristoteles und Richard Carrier ist das persönliche Lebensglück der Wert, an dem sich die übrige Ethik orientiert. Angeblich möchten wir alle ein „glückliches“ Leben führen. Was das bedeuten mag, kann sehr unterschiedliche Formen annehmen – je nachdem, welchen Ethiker man fragt. Für Richard Carrier sind „Mitgefühl gegenüber anderen“ und „Integrität“ die höchsten Tugenden, die dem persönlichen Lebensglück dienen. Laut Aristoteles sollen wir nach einem gesunden Maß streben, also mutig sein, aber nicht tollkühn, liebevoll, aber nicht besessen, etc. Für Ayn Rand ist nicht das Streben nach dem persönlichen Lebensglück natürlich, sondern das Streben nach dem persönlichen Überleben – das uns angeblich auch glücklich mache.

Für Kommunitaristen gibt es jedoch Werte, die das persönliche Lebensglück überlagern können – wie eine Verpflichtung gegenüber unseren Kindern und unserer Gemeinschaft. Die Ehe (die liberale Vertragsehe) kann manchmal dem Lebensglück widersprechen, aber wir sollten vielleicht trotzdem für die Kinder zusammenbleiben oder für die Gemeinschaft – weil Ehe und Familie dem Erhalt des zivilisierten Miteinanders dienen. Auch mag es unserer persönlichen Karriere dienlich sein, unsere Heimat zu verlassen und anderswo mehr Geld zu verdienen, aber unserer Eingebundenheit in unsere Familie und Gemeinschaft kann es abträglich sein. Naturzerstörung mag unsere Karriere befördern, aber Naturschutz könnte ein höherer Wert sein.

Dann gibt es Utilitaristen, die eine objektive Ethik vertreten, etwa Sam Harris. Er schreibt, wir sollen das größte Leid aller vermeiden – das umgekehrt formulierte utilitaristische Ziel, das größte Glück aller anzustreben. Und zu diesem Zweck sollen wir eine ethische Technologie entwickeln, so die Aussage von „The Moral Landscape“. Auch dies folge angeblich aus den Tatsachen der Realität, aus Beobachtungen über die Natur.

Eine weitere Idee aus dem Bereich ethischer Realismus lautet, die Anpassung von Gemeinschaften an Umweltbedingungen zu untersuchen und zu bewerten. Wie der Anthropologe Robert B. Edgerton in „Sick Societies“ aufzeigt, lassen sich aus Beobachtungen von verschiedenen Menschengruppen wie nomadischen Stämmen, Landwirtschaft betreibenden Stämmen, Agrarstaaten, industriellen Staaten, Dienstleistungsgesellschaften Erkenntnisse darüber gewinnen, welche sozialen Praktiken am ehesten geeignet sind, ein stabiles, funktionales Zusammenleben zu fördern.

Worum sollte es einer objektiven Ethik gehen?

Ich finde es ungemein schwierig, genau zu sagen, welchen Maßstab der ethische Realismus zur Bewertung von Handlungen verwenden sollte. Das persönliche Lebensglück? Das persönliche Überleben? Eine gut angepasste Gemeinschaft? Eine bestimmte Kombination von individuellen und gemeinschaftlichen Werten?

Was den ethischen Realismus jedenfalls auszeichnet, ist eine Orientierung an empirischen Beobachtungen. Das heißt, er setzt keinen blinden Glauben voraus, Übernatürliches spielt keine Rolle. Andererseits steht die Frage im Raum, ob wir an etwas glauben müssen. Etwa an den Wert von Geld, an die freiheitliche Demokratie, an die Liebe, an die Menschenwürde. Vielleicht sind diese Dinge nicht übernatürlich, aber in welchem Sinne ist der Wert von Geld eigentlich „natürlich“, was macht die Menschenwürde „natürlich“?

Wenn wir nicht an diese Dinge glauben, verlieren wir sie vielleicht. Das führt zur Frage, warum wir an diese Dinge glauben sollten. Für das persönliche Glück? Das persönliche Überleben? Eine gut angepasste Gemeinschaft? Wir können die Folgen eines Glaubens an diese Dinge empirisch prüfen, doch lässt sich der Glaube umgekehrt aus der Natur der Dinge ableiten?

Vielleicht denkt ihr mal selbst darüber nach.

Literatur

  • Aristoteles: Nikomachische Ethik. Projekt Gutenberg. Verlag von Felix Meiner. 1911.
  • Ayn Rand: The Objectivist Ethics. In: The virtue of selfishness. Signet. 1964.
  • Patrick J. Deneen: Warum der Liberalismus gescheitert ist. Muery Salzmann. 2019.
  • Richard Carrier: Sense & goodness without god. A defense of metaphysical naturalism. Author House. 2005.
  • Robert Edgerton: Sick Societies. Challenging the myth of primitive harmony. Free Press. 1992.
  • Sam Harris: The Moral Landscape. How science can determine human values. Black Swan. 2012.