Das kosmologische Kalam-Argument für Gottes Existenz

Die besten Argumente für Gottes Existenz sind meiner Ansicht nach einige der kosmologischen Argumente. Und ich finde, dass Atheisten nicht immer einen guten Eindruck gemacht haben bei ihren Versuchen, diese Argumente zu widerlegen. Ich finde sogar, der christliche Apologet und Philosoph William Lane Craig hat die Debatten mit Atheisten über seine Version des sogenannten Kalam-Arguments oftmals für sich entschieden. In der Regel, weil die notwendige philosophische Bildung auf der ungläubigen Seite nicht da war.

Atheisten sagen gerne, dass Gläubige Argumente und Belege für Gott nennen sollen, dass sie in der Beweispflicht stünden und man sie anderenfalls ignorieren könne. Wenn sie Argumente und Belege nennen, sollten wir sie also ernstnehmen. Das habe ich konsequenterweise getan und mich mit den wichtigsten zeitgenössischen christlichen Apologeten und ihren Argumenten befasst. Ich empfinde das Kalam-Argument von William Lane Craig als das einzig gute oder jedenfalls herausfordernde Argument, das mir begegnet ist.

Ich werde mich hier mit dem Kalam-Argument auseinandersetzen und generell mit der Frage, ob das Universum eine Ursache hat. Meine Leser werden sehen, dass das Thema viel schwieriger ist, als sie es bislang vielleicht vermuteten.

  1. Die wichtigsten Begriffe
  2. Das Kalam-Argument für Gottes Existenz
  3. Gegenargument: Das Universum existierte schon immer
  4. Gegenargument: Es gibt keine Kausalität / nicht überall Kausalität
  5. Hat ein Geist die Welt erschaffen?
  6. Offene Fragen
  7. Literatur (Auswahl)

Die wichtigsten Begriffe

Universum: Mit dem „Universum“ ist in der Philosophie gemeint: Alles, was existiert. Anders ausgedrückt: Die Summe von allem Existierenden. Es ist also nicht nur das beobachtbare Universum gemeint, von dem Astrophysiker in diesem Zusammenhang gerne reden.

Materie: Materie ist in der Philosophie die Substanz, von der die physische Existenz abgeleitet ist. Der Begriff wird als Gegensatz zum Geistigen wie dem menschlichen Geist, Geistwesen wie Gott und abstrakten Konzepten wie „Liebe“ verstanden. Der philosophische Begriff „Materie“ umfasst auch das, was Physiker als „Energie“ bezeichnen.

Nichts: Nichts ist die Abwesenheit von allem. Nichts hat keine Eigenschaften. Manche Philosophen wie die Existenzialisten und Heidegger sprechen vom „Nichts“ als wäre es etwas, man denke an Heideggers berüchtigten Ausspruch „Das Nichts nichtet“. In der Debatte um die kosmologischen Argumente wird „Nichts“ im Sinne von „Abwesenheit von allem“ gebraucht.

Raum: „Raum“ ist ein relatives Konzept. Gibt es einen Raum zwischen zwei Objekten, bedeutet dies, dass sie verschiedene Positionen in Relation zu einem Behälter einnehmen. Zum Beispiel existiert ein Raum zwischen Berlin und Hamburg, die sich an unterschiedlichen Orten im Behälter Deutschland befinden.

Zeit: Zeit ist ein relatives Konzept, welches der Messung von Bewegung dient. Beispielsweise der Bewegung der Erde um die Sonne. Eine Umdrehung der Erde um die Sonne kennen wir als ein Jahr, eine Umdrehung der Erde um sich selbst als einen Tag.

Das Kalam-Argument für Gottes Existenz

Das Kalam-Argument für Gottes Existenz ist eine moderne Formulierung eines Arguments aus der mittelalterlichen islamischen Scholastik durch den Philosophen und christlichen Apologeten William Lane Craig. Er bietet jeweils nähere Erläuterungen und Verteidigungen seiner Prämissen an.

  1. Alles, was zu existieren beginnt, muss eine Ursache für seine Existenz haben.
  2. Das Universum begann zu existieren.
  3. Darum gibt es eine Ursache für die Existenz des Universums.
  4. Da keine wissenschaftliche Erklärung (in Hinblick auf physikalische Gesetze) den Ursprung des Universums kausal erklären kann, muss die Ursache persönlich sein (wird die Erklärung in Hinblick auf einen persönlichen Akteur gegeben).

Gegenargument: Das Universum existierte schon immer

  1. Das Universum begann nicht zu existieren, sondern hat unendlich lange in der Zeit existiert.

Das Problem mit diesem Gegenargument liegt Craig zufolge darin, dass es kein tatsächliches Unendliches gibt. Das Unendliche ist ein Konzept aus der Mathematik, das in der empirischen Wirklichkeit nicht angetroffen werden kann. Es gibt also nur das sogenannte „potenzielle Unendliche“, aber nichts tatsächlich Unendliches, wie schon Aristoteles erläuterte. Auch die objektivistische Philosophie von Ayn Rand geht davon aus, dass es kein tatsächliches Unendliches („actual infinite“) gibt.

Ein konkretes Beispiel ist eine Zahlenreihe. Man kann potenziell unendlich lange zählen, 1,2,3 … eine Million, eine Milliarde, … doch irgendwann hört man tatsächlich auf zu zählen, muss auch tatsächlich aufhören und das ist ein Beispiel dafür, warum es in der beobachtbaren Wirklichkeit, in der objektiven Realität nur Endliches gibt.

Craig benennt einige metaphysische Absurditäten, die sich aus tatsächlichen unendlichen Dingen ergeben würden. Nehmen wir an, ein Planet dreht sich doppelt so schnell um die Sonne als ein anderer. Die zwei Planeten und die Sonne existieren schon unendlich lange. Welcher Planet hat sich öfter um die Sonne gedreht? Die Antwort: Beide haben sich unendlich lange um die Sonne gedreht, also gleich oft.

Ein weiteres Beispiel: Du hast unendlich viele Münzen. Davon ziehst Du alle Münzen bis auf die Münzen 1 bis 7 ab. Du hast dann also sieben Münzen übrig. Doch wie viele Münzen hast Du abgezogen? Genau: Unendlich viele. Du hattest ursprünglich unendlich viele Münzen und hast unendlich viele Münzen davon abgezogen, also dieselbe Menge. Und nun hast Du sieben Münzen in der Hand. Wie kann das sein?

Dagegen haben manche argumentiert, dass zwar die Dinge im Universum nicht unendlich sein können, das Universum als Summe aller Dinge jedoch schon. Allerdings: Das Universum existiert und angeblich gibt es nichts tatsächlich Unendliches, also wirklich existierendes Unendliches, weil dies zu metaphysischen Absurditäten führen würde.

Von den Eigenschaften der Bestandteile (Materie) auf die Eigenschaften des Ganzen (Universum) zu schließen, könnte der Trugschluss der Komposition sein. In diesem Fall könnten wir gar nichts über das Universum als solches aussagen. Allerdings löst dies das Problem nicht, weil die Frage offen bleibt, ob die Materie im Universum schon immer existiert hat. Sie hat ihre Form bekanntlich gewandelt (etwa von Molekülhaufen zu Planeten), aber gab es sie in irgendeiner Form schon immer?

Ich habe mit objektivistischen Denkern über diese Frage diskutiert. Sie sind der Auffassung, das Universum oder die Materie seien nicht unendlich, sondern ewig. Damit meinen sie: Nicht erschaffen und unzerstörbar. Allerdings scheinen „ewig“ und „zeitlich unendlich“ dasselbe zu bedeuten.

Es gibt einen guten Grund, davon auszugehen, dass die Materie und / oder das Universum schon immer existiert haben und immer existieren werden: Weil von Nichts nichts kommt. Nichts hat keine Eigenschaften und kann nichts „tun“ oder auslösen wie das Universum oder die Materie zu erschaffen. Und etwas kann auch nicht ins Nichts verschwinden.

Für mich bleibt die Frage offen, inwiefern das Universum schon immer existiert haben kann, ewig sein kann, wenn es kein tatsächliches Unendliches gibt.

Gegenargument: Es gibt keine Kausalität / nicht überall Kausalität

2. Das Universum begann nicht zu existieren, weil es keine Ursache haben musste.

Hier wird gerne die Quantenphysik bemüht. Sie scheint je nach Interpretation zu zeigen, dass nicht alles eine Ursache haben muss. Oder man sagt, dass zwar alles innerhalb des Universums eine Ursache hatte, nicht aber das Universum selbst als Summe von allem, was darin existiert.

Zum Thema Quantenphysik empfehle ich Lee Smolins „Quantenwelt: Wie wir zu Ende denken, was mit Einstein begonnen hat.“ Ich teile seine Einschätzung, dass es schlicht noch keine gute Theorie gibt, welche die Quantenwelt erklären kann. Man sollte nicht die Merkwürdigkeiten der Quantenphysik als Joker benutzen, wenn man eigentlich keine Erklärung hat.

Wie Craig feststellt, können wir ein akausales Phänomen beobachten: Unseren freien Willen. Als Dualist geht er davon aus, dass wir einen Geist hätten, den er mit der Seele gleichsetzt. Mit diesem Geist könnten wir freie Entscheidungen treffen. Vor dem Urknall, der nicht nur das beobachtbare, sondern das ganze Universum erschaffen habe, habe es den Geist Gottes gegeben, außerhalb von Zeit und Raum, und dieser habe mit einem freien Willensakt unsere Welt erschaffen.

Aus der Sicht von Ayn Rands objektivistischer Philosophie ist Kausalität die Anwendung des Identitätsaxioms auf Handlungen im weiten Sinne. Alle Handlungen gehen von Entitäten innerhalb des Universums aus und werden von ihrer Natur bestimmt: Ein Rad rollt, eine Flüssigkeit fließt, der Mensch denkt konzeptuell. Da alles in der Realität eine Identität hat, also etwas Bestimmtes ist und bestimmte Eigenschaften hat, geschieht nichts ohne Ursache. Und es gibt kein „außerhalb“ des Universums, weil das Universum alles ist, was existiert.

Den freien Willen versteht Ayn Rand als Form der Kausalität. Er hänge von der Identität des Entscheidenden ab. Der freie Wille sei selbst-initiierte Handlung im Bereich der Kognition. Wie sich Lebewesen selbst-initiiert, von sich aus bewegen können, können wir Menschen von uns aus denken. Dazu ist die unbelebte Natur nicht in der Lage. Die Ursache des freien Willens ist also die Natur der handelnden Entität. Der freie Wille ist kausal.

Das Universum als Summe alles Existierenden könne laut Ayn Rand nicht erschaffen oder vernichtet werden, es beginne nicht zu existieren und stelle seine Existenz auch nicht ein. Ursachen haben nur die Dinge, die innerhalb des Universums existieren. Das Universum habe keine Ursache, weil es sich nicht in Zeit und Raum befinde. Zeit und Raum befinden sich im Universum, nicht umgekehrt.

Allerdings bleibt hier das Problem: Materie befindet sich im Universum. Erfordert die Materie selbst eine Ursache oder nur die spezifischen Dinge, die aus Materie gefertigt sind?

Hat ein Geist die Welt erschaffen?

Laut Craig habe Gott das Universum erschaffen. Er habe bis zur Schöpfung als Geistwesen außerhalb von Raum und Zeit existiert. Für Veränderungen ist allerdings der Ablauf von Zeit notwendig. Daher soll die Entscheidung zur Schöpfung und der Schöpfungsakt laut Craig zugleich stattgefunden haben. Die Entscheidung zur Schöpfung soll aus der Natur Gottes hervorgegangen sein. Seit der Schöpfung befinde sich Gott in Zeit und Raum.

Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Darunter: Wie kann ein reines Geistwesen Materie erschaffen? Mit unserem eigenen Geist können wir aus dualistischer Sicht mit der Materie kausal interagieren, etwa die Entscheidung treffen, Wörter in die Tastatur zu tippen. Wir können aber keine Materie erschaffen. Craig behauptet einfach, dass Gott „allmächtig“ und daher in der Lage sei, dies zu tun. Doch gibt es „vor“ der Schöpfung ausschließlich reinen Geist, keine Materie, keinen Raum und keine Zeit, wie sollte das also funktionieren?

Hierauf antwortet Craig, dass wir nicht wissen müssen, wie Gott die Welt erschaffen hat, um darauf schließen zu können, dass er es getan hat. Entdecken Archäologen etwa Tonkrüge, dann können sie die plausible These aufstellen, dass Menschen die Tonkrüge hergestellt haben, ohne wissen zu müssen, wie. Allerdings ist die Herstellung von Tonkrügen kaum mit der Erschaffung von Materie durch ein reines Geistwesen vergleichbar. Wir wissen, wie ungefähr man Tonkrüge herstellt. Für die Erschaffung von Materie durch einen Geist gibt es keinerlei Belege, wir haben nichts dergleichen jemals beobachtet, es ist eine rein willkürliche Behauptung.

Die bloße Existenz dieses Geistwesens ist eine willkürliche Behauptung. Ehrlich können wir nur feststellen, dass wir die Frage nach dem Ursprung des Universums nicht beantworten können.

Oder jedenfalls kann ich sie nicht beantworten. Wie gesagt sind Objektivisten der Auffassung, dass das Universum ewig sei und dass Materie weder geschaffen noch vernichtet werde, sondern nur ihre Form ändert. Der menschliche Geist wird als Teil der biologischen Lebensform Mensch verstanden, nicht als unabhängige Substanz, und mit dem Tod eines Menschen stirbt auch sein Geist.

Offene Fragen

Was ich nicht verstehe:

Wie können das Universum und die Materie schon immer existiert haben, wenn es nichts tatsächlich Unendliches gibt?

Erfordert die Materie selbst eine Ursache oder nur die spezifischen Dinge, die aus Materie gefertigt sind?

Meine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Universums und nach dem Ursprung der Materie im Universum lautet also, dass ich sie nicht beantworten kann. Ich vermute, dass es ein Problem mit meinem Verständnis von „ewig“ und „tatsächlich unendlich“ gibt. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass das Universum schon immer existiert hat.

Gott löst diese Probleme nicht. Diese Idee führt eine ganze Reihe neuer Probleme ein: Ein allmächtiges Geistwesen, das Materie erschaffen kann, eine übernatürliche (außerhalb von Raum und Zeit) Sphäre, die Frage, wie Gott die Entscheidung zur Schöpfung im Augenblick der Schöpfung getroffen haben kann und so weiter.

Unterm Strich war es für mich sehr spannend, mich mit diesem Thema zu befassen. Ich bin fast wahnsinnig geworden beim Versuch, einige dieser abstrakten Konzepte zu begreifen, darum muss ich meinen eigenen Geist erst einmal abkühlen.

Literatur (Auswahl)

Stanford Encyclopedia of Philosophy: Cosmological Argument

William Lane Craig: The Kalam Cosmological Argument