Transgender Revisited

Die Struktur meiner bisherigen drei Beiträge zum Thema Transgender war unglücklich. Ich hatte sie in der Filterblase meiner Gedankenwelt geschrieben und den gesellschaftlichen Kontext kaum einbezogen. Das Thema diente als Illustration einiger meiner erkenntnistheoretischen Auffassungen, wozu sich ein gesellschaftspolitisches heißes Thema natürlich gar nicht eignet.

Es ging um die Frage, nach welchen Kriterien man beurteilen kann, ob es Mann und Frau gibt, wie sich diese Konzepte definieren lassen und warum es absurd ist, die Existenz biologischer Geschlechter zu leugnen. Das stimmt auch, aber es geht am „Transgender“-Thema weitgehend vorbei. Ähnlich gelagert war meine geradezu bescheuerte Idee, während der Debatte über die Homoehe über die Definition und die Grenzen eines rechtlichen Konzepts der Ehe zu philosophieren und ohne Kontext die Meinungsfreiheit von Homophoben zu verteidigen.

Auch hier denke ich, dass es inhaltlich zwar zutrifft: Homophobe sollten ihre Meinung frei und ungehindert äußern dürfen. Und je nach Definition ist dieses oder jenes Konzept der Ehe nicht auf jeden anwendbar. Aber im Kontext dieser Debatte war das alles nebensächlich bis irrelevant. Es ging darum, ob Schwule in einer Ehe-ähnlichen (soweit umsetzbar) Beziehung leben dürfen sollten, und das sollten sie. Und im Kontext der Verteidigung der freien Rede von Homophoben hätte ich klarer schreiben müssen, dass ich ihre Auffassung ablehne. Das hatte ich als selbstverständlich angesehen, aber das weiß nicht unbedingt jeder Leser.

Ich hätte mindestens einen Disclaimer an den Anfang dieser Beiträge setzen müssen: Homophobie und Transphobie sind falsch und wer anderen auf dieser Grundlage Schaden zufügt, handelt unmoralisch.

Gewalt gegen Transgender gibt es häufig

Nach dem Stand der Forschung sieht es offenbar so aus, dass Diskriminierung und Gewalt gegen Transmenschen (Transsexuelle und Transgender) sehr weit verbreitet ist. Die Hälfte hat sexuelle Gewalt erfahren, auch Mobbing in der Schule und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sind häufig anzutreffen. Transgender sind oft suizidgefährdet.

Die wissenschaftliche Forschung weiß nur sehr wenig über die Ursachen von Transsexualität und Transgender, noch weniger als über Homosexualität, aber das ist moralisch und politisch egal. Mobbing, Diskriminierung und Gewalt gegen Transmenschen sind offensichtlich irrational und bösartig. Das ist etwas, das primitive, dumme bis hin zu kriminelle Menschen mit vergifteter Seele tun.

Illustrativ ist der Mord an Brandon Teena (1972-93), einem US-amerikanischen Transmann. Ein Mann im Körper einer Frau. Er war zunächst von einigen Männern als Kumpel akzeptiert worden. Als sie herausfanden, dass er einen weiblichen Körper hatte, vergewaltigten und schlugen sie ihn, weil sie sich „betrogen“ fühlten. Später erschossen sie ihn und zwei Zeugen.

Anerkennung der Menschenwürde als Grundregel

Offenbar reagieren manche Menschen irritiert und aggressiv bis hin zu mörderisch auf Menschen, die nicht ihren Vorstellungen von der Norm entsprechen. Ich glaube, ich habe bislang nur einen Transmenschen kennengelernt, ein Mann mit einigen weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Das war im Anschluss an einen philosophischen Vortrag von mir, als ich mit zwei Professoren, einer Studentin und ihm etwas essen war. Wir sprachen über politische Philosophie und darum erinnere ich mich auch noch an die Begegnung. Ich wurde von einem der Professoren mit einem kulturrelativistischen Argument gegen den Kapitalismus konfrontiert, das mir die Sprache verschlagen hatte. Im Rückblick war es nicht so schlecht, wie es damals klang.

Ich halte es für selbstverständlich, dass man sich jedem Menschen gegenüber zivilisiert verhält und man sich auf Augenhöhe begegnet. Wer anderen wegen Oberflächlichkeiten schadet, hat einen schlechten Charakter und zerstört seine eigene Seele. Das sollte offensichtlich sein.

Nun ist das Trans-Thema enorm komplex. Alleine die Frage, inwiefern als Männer geborene Frauen beim Frauensport mitmachen dürfen sollten, ist weitaus schwieriger, als es gerne von Konservativen dargestellt wird. Auch erheben manche Transaktivisten Forderungen, die ich ablehne, wie die Forderung, bereits Kinder „umoperieren“ zu lassen. Hier ist das Risiko viel zu hoch, dass die Kinder nur in einer Phase sind, eigentlich homosexuell sind oder sonstwas, das eine Operation nicht rechtfertigen würde. Auch für Erwachsene ist das ein großer Schritt, aber letztlich ihre Sache. Und zweifellos gibt es toxische, antiliberale Transaktivisten in den sozialen Medien.

Dass man allen Menschen mit grundlegendem Respekt begegnen und ihre Würde anerkennen muss, hat so oder so klar zu sein und ist eine zivilisatorische Grundregel. Wie es aussieht, konnte ich das nicht einfach voraussetzen, also schreibe ich es hier noch einmal explizit.

Statistiken: https://en.wikipedia.org/wiki/Transphobia

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