Die Wertehierarchie

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Wir haben alle Dinge im Leben, die uns mehr bedeuten als andere. Für die meisten Menschen dürften sie selbst oder ihre Kinder das Wichtigste in ihrem Leben sein, für andere vielleicht ihr Beruf oder ihre baulichen Errungenschaften in Minecraft. Kurzum haben wir alle eine „Wertehierarchie“. Selbst jene, die keine Hierarchie von Menschen mögen, haben trotzdem noch eine Hierarchie von Werten, von materiellen und spirituellen Dingen, die ihnen wichtig sind.

Ayn Rand hat für ihre Philosophie „Objektivismus“ eine bestimmte Art von Wertehierarchie begründet. Hier erläutere ich sie, setze mich kritisch mit ihr auseinander, und skizziere eine Alternative.

Wertehierarchie im Objektivismus

Laut Ayn Rand sollen wir stets entsprechend unserer Wertehierarchie handeln, niemals einen größeren Wert einem geringeren opfern. Dafür brauchen wir „eine definierte Hierarchie rationaler Werte (Werte, die durch einen rationalen Maßstab gewählt und validiert wurden)“ (AR: „The Ethics of Emergencies“). Laut der objektivistischen Ethik ist der höchste moralische Zweck das „Erringen des eigenen Lebensglücks“ (ebd.). Das Lebensglück sieht Ayn Rand als die emotionale Belohnung für ein Handeln an, das auf das eigene Überleben ausgerichtet ist. „Der ultimative Wertemaßstab eines Organismus ist sein Leben: das, was das eigene Leben fördert, ist das Gute, das, was es bedroht, ist das Böse.“ (AR: „The Objectivist Ethics“)

Das heißt, Rand sagt eben nicht, dass dies in unserer Wertehierarchie weiter oben stehen sollte, was wir selbst für unser Lebensglück als wichtiger empfinden. Sie meint, dass es uns nur glücklich mache, alle unsere Handlungen an unserem Überleben auszurichten. Die Fundierung der Ethik im Überleben ist genau das, was ihre Ethik laut Rand objektiv mache, daher „Objektivismus“. Will heißen: aus Tatsachen abgeleitet und universell gültig. Wir sollten das höher in unserer Wertehierarchie ansiedeln, das stärker zu unserem Überleben beiträgt. Sie schreibt in diesem Zusammenhang von einem „Überleben als Mensch“ und sie meint damit das Überleben als rationale Lebensform, also das Überleben durch eine produktive Tätigkeit im Gegensatz etwa zum passiven Aufsaugen von Nährstoffen und Sonnenlicht – die Art, wie Pflanzen überleben.

Die Arbeit als wichtigster Lebensinhalt

Will heißen: Unsere Arbeit sollte für uns Menschen laut Ayn Rand das Wichtigste in unserem Leben sein. Unsere Arbeit sei es, die zu unserem „Überleben als Mensch“ am stärksten beitrage. Denn wir überleben durch unsere Arbeit. Alles andere solle diesem Ziel untergeordnet werden. Inklusive Frau und Kindern. Inklusive der eigenen Bedürfnisse, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Die Arbeit ist für Rand eben nicht nur die Grundlage für alles andere, wie mir einige Anhänger Rands schrieben. Nein. Die Arbeit sei laut Rand das Wichtigste im Leben, dem alle anderen Werte unterzuordnen seien.

Wer Rands Werke wie „Atlas Shrugged“ und „The Fountainhead“ mit dieser Idee im Hinterkopf liest, versteht sie erst. Die Romane handeln von Figuren, für die ihre Arbeit von höchster Bedeutung ist und die kompromisslos versuchen, ihre Arbeit zu perfektionieren. Die Helden John Galt, Dagny Taggart, Henry Rearden, Francisco D’Anconia und Howard Roark sind allesamt extrem produktive Unternehmer, für die ihre Arbeit das Wichtigste im Leben ist.

Hat Rand recht?

Ich habe in früheren Beiträgen aufgezeigt, dass Rands Begründung des Überlebens als ultimativem Maßstab Willkür ist. Sie behauptet einfach, dass wir sämtliche unserer Handlungen am Überleben ausrichten sollten. Sie nennt dafür keinen Grund. Sie glaubt, dass andere Lebewesen automatisch ihr Überleben als höchstes Ziel anstreben würden und schreibt in The Objectivist Ethics, wir müssten uns frei dazu entscheiden, dies auch zu tun. Aber warum müssen wir uns dazu entscheiden? Das erklärt Rand nicht.

Folglich ist es Willkür, unsere Arbeit als höchsten Wert unseres Lebens anzusehen, auch wenn sie unserem Überleben am dienstlichsten sein sollte. Wir könnten auch unsere Familie, Urlaubsreisen, unsere Minecraft-Burgen als höchsten Wert unseres Lebens ansehen. Damit soll nicht gesagt sein, dass man alles davon gleichermaßen gut begründen könnte. Aber mit Rands Methode, der Willkür, könnte man auch alle möglichen anderen Dinge zum ultimativen Maßstab oder höchsten Wert erklären.

Ob die Arbeit am stärksten zu unserem Überleben beiträgt, halte ich nicht einmal für eindeutig klar. Wir brauchen schließlich auch einen Grund, überhaupt leben zu wollen, und ist dieser für die meisten Menschen die Arbeit? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich sind es eher die Dinge, die die Leute mit ihrer Freizeit und mit ihrem Geld anfangen. Ja, für diese müssen sie arbeiten. Aber sie arbeiten nicht, um zu arbeiten. Sie arbeiten für andere, höhere Werte.

Wo das gesagt ich: Ich selbst habe mich so intensiv in den Objektivismus hinein indoktriniert, dass die Arbeit tatsächlich eine ungesund bedeutende Rolle für mich spielt. Vielleicht finde ich einmal etwas, das mir mehr bedeutet oder das mir ähnlich viel bedeutet.

Wie sollte unsere Wertehierarchie sonst aussehen?

Auch Mönche haben eine Wertehierarchie. Für sie steht Gott ganz oben. Da Gott nach meinem Dafürhalten nicht existiert, halte ich es für unvernünftig, ihn überhaupt in die Wertehierarchie aufzunehmen. Wir sollten unsere Wertehierarchie an Dingen ausrichten, die es gibt. Hier stimme ich David Hume zu.

Aber an welchen? Ich denke, bis zu einem gewissen Grad darf die Antwort durchaus subjektiv ausfallen. Wir sind mit unterschiedlichen Neigungen geboren und wir haben unterschiedliche Erfahrungen im Leben gemacht. Daraus ergeben sich verschiedene Präferenzen. So ist es auch in Ordnung, dass nicht jedem dasselbe im Leben am wichtigsten ist.

Doch uns allen sollten auch universelle Werte und Tugenden wichtig sein, die für uns selbst und andere im Leben de facto eine bedeutende Rolle spielen, darunter: Vernunft, da wir nur mittels Vernunft Werte erschaffen und erhalten könnten. Gerechtigkeit, um Menschen so beurteilen zu können, wie sie sind und wie sie es daher verdient haben – und um beurteilt zu werden, wie wir es verdient haben. Integrität, die Harmonie zwischen Denken und Handeln. Soziale Werte wie: Hilfsbereitschaft, Kants kategorischer Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“), Pflicht (Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz – wir sollten auch dann das moralisch richtige tun, wenn es nicht in unserem egoistischen Eigeninteresse ist).

Wir sollten also eine möglichst harmonische Kombination aus egoistischen und sozialen Tugenden leben. Der ultimative Zweck davon ist das gute Leben. Also das moralisch gute, ethisch richtige Leben.

Und die Belohnung? Hier stimme ich dem Psychologen Jordan Peterson zu: „Falls Du versuchst, gut zu sein, bist Du vielleicht gut und manchmal könntest Du glücklich sein. Falls Du versuchst, glücklich zu sein, bist Du wahrscheinlich nicht gut und Du wirst auch selten glücklich sein.“

Und wer meint, dass ich hier die Ideen verschiedener Denker vermische: „Lese einen Denker, und Du wirst zu einem Klon. Lese zwei und Du wirst verwirrt. Lese 100 und Du wirst langsam weise.“ (Tim Keller).