Die Philosophie dreht sich nicht um dich

Ein mir bekannter Philosoph ist durch das ständige Nachdenken über nichts Bestimmtes zu einem zynischen Nihilisten, wenn nicht Misanthropen geworden. Nun hat Philosophie zwar etwas mit Nachdenken zu tun. Es handelt sich allerdings um eine zielgerichtete Form des Nachdenkens, die bestimmten Zwecken dient und bestimmten Methoden folgt.

Es geht nicht darum, sich in den berüchtigten Lehnstuhl zu setzen und vor sich hin zu sinnieren, wie sich Dinge verhalten, die man stattdessen wissenschaftlich überprüfen könnte. Es geht ebenso nicht darum, nach Vorbild der Mystiker um die eigenen Gedanken zu kreisen und durch das Grübeln depressiv oder wahnsinnig zu werden. Philosophie ist ein akademisches Fachgebiet.

  1. Worum geht es in der Philosophie?
  2. Philosophie ist nicht Psychologie
  3. So philosophiert man in der Praxis
  4. Willkommen im woken Biedermeier

Ähnlich wie bei anderen akademischen Fächern wie Physik und Biologie geht es bei der Philosophie nicht um einen selbst. Es mag sein, dass man aus den Erkenntnissen aus Physik und Biologie einige Rückschlüsse auf sich selbst ziehen kann, ebenso aus der Philosophie, aber Physiker und Biologen verbringen ungefähr keine Zeit damit, sich selbst zu untersuchen und über sich selbst Arbeiten zu verfassen.

Die Philosophie besteht aus den Teilgebieten Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik und Ästhetik. Bei keinem davon stellt man sich Fragen über sich selbst. Zwar ist Introspektion eine der Methoden der Philosophie, aber diese wird nur gezielt eingesetzt, um allgemeine philosophische Fragen zu beantworten, die entweder gar nichts mit einem selbst oder nicht nur mit einem selbst zu tun haben.

Ein Beispiel ist die Frage, ob es Kausalität überhaupt gibt. Wir beobachten zwar, dass sich eine Kerze entzündet, wenn wir ein brennendes Streichholz daran halten, aber vielleicht … gibt es tatsächlich eine andere Ursache für die brennende Kerze oder überhaupt keine. Das ist hier zwar nicht der Fall, und doch sind beim Nachdenken zwei wichtige Einsichten bis Eventualitäten herausgekommen: 1. Korrelation ist nicht gleich Kausalität, 2. Vielleicht hat nicht alles eine Ursache. Das Universum hat womöglich keine, sondern existiert einfach. Ah! War der Unsinn mit der Kerze doch nicht sinnlos.

Worum geht es in der Philosophie?

Die Metaphysik oder Ontologie befasst sich mit den großen Fragen, die über die Erkenntnisse der Einzelwissenschaften hinausgehen. Gibt es einen freien Willen? Ist die Welt Chaos oder geordnet? Nun können die Wissenschaften wichtige Informationen liefern, welche die Beantwortung dieser Fragen erleichtern. Aber können sie diese auch final beantworten? Vielleicht. Jedenfalls wäre das eine philosophische Frage, in diesem Fall eine epistemologische, also erkenntnistheoretische. In der Epistemologie geht es um die Frage, was wir wissen können und wie wir es wissen können, die Wissenschaftheorie ist ein Teilgebiet der Epistemologie.

Zur Frage, ob die Wissenschaften metaphysische Fragen beantworten können, meine ich, dass sie das wohl nicht können. Ein Physiker kann sagen, dass es in einem deterministischen Universum keine Willensfreiheit geben kann, aber er kann nicht beweisen, dass das gesamte Universum deterministisch funktioniert, inklusive des menschlichen Geistes. Er kann nur beweisen, dass die Dinge deterministisch funktionieren, die er messen und berechnen kann. Und er kann vielleicht sagen, wie sich das Universum verhalten müsste, wenn es gänzlich deterministisch wäre. Das Leben kann allerdings von selbst Bewegung initiieren, der Geist Gedanken. Das können wir jeweils beobachten, im zweiten Fall durch Introspektion. Und von daher scheint es mir nicht der Fall zu sein, dass die gesamte Welt deterministisch funktioniert.

Die Ethik befasst sich mit der Frage, wie wir handeln sollen, welche Art von Mensch wir sein sollen. Hier können die Wissenschaften erneut allerlei relevante Informationen bereitstellen. Aber beantworten können sie die Frage nicht. Wer zum Beispiel Steven Pinkers Meinung teilt, dass wir heute in einer viel besseren Welt leben als früher, weil sie wohlhabender und friedlicher ist, dem empfehle ich die Lektüre von Heinrich von Kleist, der in seiner Zeit aneckte und in allen Zeiten anecken wird. Im Katechismus der Deutschen schrieb er im Jahr 1809 in Form eines Dialogs zwischen fragendem Vater und antwortendem Sohn:

Fr. Woran hingen (die Deutschen), mit unmäßiger und unedler Liebe?

Antw. An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der Schweiß, ordentlich des Mitleidens würdig, von der Stirn triefte, und meinten, ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei alles, was sich in der Welt erringen ließe.

Fr. Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheert worden sein?

Antw. Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie anzuregen, nach den höheren und höchsten, die Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben.

Fr. Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?

Antw. Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst.

Nun möchte ich damit nicht sagen, dass wir aufhören sollen Handel zu treiben, um unserem Kaiser zu dienen. Aber ich möchte die Frage in den Raum stellen, ob es nicht noch andere Werte außer dem materiellen Wohlstand, der Gesundheit und dem Frieden gibt, und wie das Verhältnis zwischen den Werten und ihre Gewichtung aussehen könnten. Ich bin für meine Auffassung bekannt, dass ich niedere Werte inklusive meines Lebens letztlich der Freiheit und der Demokratie opfern würde, weil ich nicht in einer Diktatur leben möchte. Manch andere würden sich mit einer „Brave New World“-Tyrannei zufrieden geben, die ihnen die Freiheit und die Mitsprache nimmt und dafür materiellen Wohlstand verteilt.

Und damit wären wir bei der politischen Philosophie. Die Politik stellt die Frage, wie Menschen gemeinsam leben können, wie ihr Gemeinwesen gestaltet werden sollte. Sollten wir in einer Stammeskultur leben, in einer komplexen arbeitsteiligen Zivilisation, in einer Kombination von beidem, in einer Tyrannei?

Bleibt die Ästhetik. Diese befasst sich mit der Frage nach dem Schönen. Warum finden wir manches schön, wann finden wir es schön, was macht es schön? Teilweise sind hier wissenschaftliche Fragen involviert, auch wenn ich deren bisherigen Antworten unbefriedigend finde. Ich habe mich mit dem „Argument von der Schönheit“ für Gottes Existenz näher befasst, welches eine Antwort liefert auf die Frage, warum wir so umfassende Teile der natürlichen Welt schön finden. Und dabei ist mir klar geworden, wie seltsam das eigentlich ist. Warum finden wir auch Lebewesen schön, die schädlich für uns sind, wie Tiger und Löwen? Warum finden wir ein Gewitter schön? Darüber kann man sich evolutionäre Geschichten ausdenken, aber das sind eben nur Geschichten. Die kann ich mir ohne Evolution auch ausdenken.

Philosophie ist nicht Psychologie

Ich muss sagen, dass ich über mich selbst in einem philosphischen Zusammenhang kaum je nachgedacht habe. Das einzig interessante hier war, welche psychologischen Eigenheiten mich davon abgehalten haben, der perfekte objektivistische Supermensch zu sein, also eine überzeugende Philosophie vollständig in die Praxis umzusetzen. Aber der Objektivismus überzeugte mich aufgrund von abstrakten Argumenten, die mit mir persönlich nichts zu tun haben. Ebenso habe ich mich davon verabschiedet aufgrund von sozusagen akademischen Argumenten.

Ich hatte aber kürzlich eine Phase, in der ich lange und intensiv über mich selbst nachdachte, weil ich doch ein recht ungewöhnlicher Mensch bin. Meine auffälligste Eigenschaft ist meine Überintellektualisierung von einfach allem und ich spekulierte, dass dies vielleicht auch psychologische Ursachen haben könnte. In diesem Zusammenhang befasste ich mich intensiv mit Psychologie. Und das ist schon eher eine Wissenschaft, die dazu einlädt, sich mit sich selbst zu befassen, wobei das nicht die Art und Weise ist, wie sie als Wissenschaft funktioniert beziehungsweise funktionieren sollte. Da die Psychologie allerdings in den Kinderschuhen steckt und von einer Replikationskrise in die nächste schlendert, hatte ich irgendwann keine Lust mehr. Sie hat entweder keine Antworten oder ihre Antworten sind langweilig.

So philosophiert man in der Praxis

Jetzt bin ich zur Philosophie zurückgekehrt. Mir doch egal, warum ich das mache. Es ist einfach wahnsinnig interessant. Und die Art und Weise, wie man Philosophie betreibt, muss ich euch auch noch beschreiben. Meiner Erfahrung nach liest man in erster Linie philosophische Bücher und Essays, hört sich Vorträge und Audiobücher an, und denkt über deren Inhalte nach. Kürzlich habe ich etwa über das „Brain in a vat“-Gedankenexperiment nachgedacht, inspiriert und geleitet durch „Knowledge, Reality and Value“ von Michael Huemer. Es geht quasi um die Frage, ob wir in der Matrix leben könnten.

Und meine Gründe, davon auszugehen, dass wir nicht in der Matrix leben, waren ziemlich schlecht. Meine Gründe, das gesamte Gedankenexperiment abzutun, ebenso. Nun kenne ich bessere Gründe, warum wir nicht in der Matrix leben, und kann klarer denken über diese und viele weitere Fragen. (Das Gedankenexperiment hat nicht den Hintergrund, dass jemand tatsächlich glauben würde, wir wären Gehirne in einem Behälter. Es geht um die Frage, wie wir darauf kommen, dass es nicht so ist.) So ungefähr geht Philosophie. Größtenteils besteht sie darin, über philosophische Inhalte nachzudenken, die man vorher liest, sieht, hört. Man denkt nicht einfach nach. Man denkt auch nicht über sich selbst nach. Man versucht, philosophische Fragen zu beantworten, die Fragen eines Fachgebiets, das man in der Universität studieren und worüber man Hausarbeiten schreiben kann.

Das gilt für die Literturwissenschaften, eines meiner Fachgebiete, ebenso. Dazu fällt mir immer wieder eine Anekdote ein. Einer meiner Professoren erzählte, dass alle seiner Studenten in ihren Essays über Liebeskonzepte der Romantik stattdessen vor allem über ihre eigenen Liebesbeziehungen geschrieben hatten. Er hatte sich vorgenommen, niemals mehr ein solches Thema als Aufgabe zu stellen (was insofern schade ist, weil es ziemlich interessant ist).

Willkommen im woken Biedermeier

Wir leben in einer von Lebensstilfragen und Oberflächlichkeiten geprägten Biedermeierzeit. Den Klimawandel möchten die Leute lösen, indem sie ihren persönlichen Lebensstil leicht variieren, etwa ein E-Auto kaufen, weniger Fleisch essen, weniger heizen. Ich möchte das nicht zu schlecht reden, ich mache ähnliche Dinge auch. Tatsächlich ist mein ökologischer Fußbabdruck, typisch introvertierter Philosoph, viel niedriger als der Durchschnitt. Sieht man sich die Statistiken an, erkennt man jedoch, was wir eigentlich vor allem gegen den Klimawandel angehen müssten: Den kompletten Umbau der Energieproduktion und von großen Teilen der Industrie. Dinge, die mit unserem Lifestyle gar nichts zu tun haben. Und doch ist genau das die gemeinschaftliche Aufgabe, vor der wir stehen.

Ansonsten befassen sich die Leute mit der Frage, ob genügend Leute mit einem willkürlich ausgewählten oberflächlichen Merkmal zu einem hinreichenden Anteil in einer Organisation repräsentiert sind. Zum Beispiel genügend Frauen, genügend Schwarze, genügend Behinderte. Man könnte auch fragen, ob genügend Pulloverträger, Tischtennisspieler und Basketballer in leitenden Positionen sind. Leider werden Menschen manchmal auf Grundlage solcher Oberflächlichkeiten diskriminiert, was sogar noch oberflächlicher ist als die kollektivistischen Versuche, dem entgegenzuwirken, die solche Denkweisen leider replizieren und verfestigen.

Ich stelle lieber fundamentalere Fragen: Ist es überhaupt wichtig für jeden, in einer leitenden Position zu sein? Warum möchte die Linke heute möglichst viele Menschen in den Kapitalismus integrieren, den sie doch ursprünglich einmal überwinden wollte? Ist es unbedingt immer von gemeinschaftlichem Nutzen, die subjektiven Bedürfnisse und Interessen von anderen Menschen zu bedienen oder kann man etwas Wichtigeres mit seinem Leben anfangen?

Philosophie eben.